Islamfeindlichkeit : Der Gott des Gemetzels

Im globalen Medien-Raum tobt ein symbolischer Weltbürgerkrieg. Viele geben der Religion die Schuld. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Es gibt von Immanuel Kant einen Satz, der so fantastisch ist, dass man ihn gar nicht oft genug zitieren kann. »Unter den Völkern der Erde«, schrieb er 1795, sei es nun »so weit gekommen, dass eine Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird«. Kant hatte die Weltöffentlichkeit entdeckt und feierte sie als Fortschritt der »Vernunft« – zu einer Zeit, als die Landkarten noch mit weißen Flecken übersät waren.

Kant war ein Prophet, heute ist die Weltöffentlichkeit unser Alltag. Aber ihr Gemeinsames ist nicht die »Vernunft«, es ist der Irrsinn. Es ist nicht Verständigung, sondern die Infamie – es sind globale Exzesse aus Wut und Hass und Schmähung und Kränkung. Kaum ist eine Welle vorüber, brennt wieder eine US-Flagge, und anschließend drängeln unbekannte Weltklasse-Karikaturisten vor die Kamera, todesmutige »Freiheitskämpfer«, die der »unaufgeklärten Masse« im Weltmaßstab liefern, was sie angeblich so dringend benötigt: den nackten Hintern von Mohammed, porentief echt aufs Papier gepinselt, ganz große Kunst.

Längst sieht sich die Ikonografie der Niedertracht zum Verwechseln ähnlich. Wenn Islamisten in Dhaka dem US-Präsidenten Barack Obama symbolisch einen Strick um den Hals legen, dann tritt in Florida Pastor Terry Jones vor seine Kirche und hängt im christlichen Geist einen Mohammed-Teufel an den Galgen. »Der Frieden sei mit euch.« Von einem »globalen Dorf« hatten einst Internet-Idylliker fabuliert, von einer planetarischen Kommunität, in der sich die lieben Weltmitbürger am Brunnen vor dem Tore ein digitales Stelldichein geben und per Datenhandschuh ihre Gaben tauschen. Dieses elektronische »Weltdorf« existiert inzwischen. Aber in ihm herrscht Krieg, ein Weltbürgerkrieg.

Die Religion sei schuld an der Epidemie der Gewalt, tönt es nun überall, unter der Knute der Religion mutierten kreuzbrave Alltagsmenschen zu teuflischen Killern und koptische Christen zu Produzenten von Schmähfilmen. Die Wiederkehr der Religion, sagt Salman Rushdie, sei »eine Plage« (ZEIT Nr. 39/12), und er, der von einer Fatwa um die Welt gejagt wurde, muss es wissen. Stünde es nicht besser um uns, die Religionen wären nach dem Mauerfall 1989 nicht mehr aus ihrem metaphysischen Schlummer erwacht und hätten weiter als spirituelle Tröstungsunternehmen gottgefällig ihren Dienst versehen?

Ja, die Religion ist schuld, sagt auch der Ägyptologe Jan Assmann, und sein neuester Aufsatz liest sich wie ein brandaktueller Kommentar zur Raserei dieser Tage. Religiöse Gewalt, schreibt Assmann, sei besonders »aufgeladen«, sie gehe weit über das Normalmaß des menschlichen Tiers hinaus, über das gattungsübliche Hauen und Stechen (Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft VI/3, 2012). Und warum? Weil der jüdische Monotheismus eine lebensgefährliche Unterscheidung in die Welt gebracht habe, die mosaische Differenz, die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Freund und Feind. Und dieser monotheistische Gott, so scheint Assmann sagen zu wollen, ist ein Gott des Gemetzels. Er duldet keine anderen Götter neben sich, er schlägt sie einfach tot.

Unbestritten, die Religion gießt Öl ins Feuer, aber man muss nicht wie Assmann den Monotheismus angreifen, um zu verstehen, warum die uralte Religion zur neuen Weltsprache aufgestiegen ist: Sie ist, ganz einfach, die einzige Sprache, die im babylonischen Stimmenmeer der Weltöffentlichkeit von allen verstanden wird. Die Trefferwahrscheinlichkeit der religiösen Semantik ist hoch und ihre Verletzungswirkung maximal. Für jeden Schwertvers bürgt Gott persönlich, und Gott ist ein Signifikant, den keiner widerlegen und dem keiner widersprechen kann. »Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet.«

Zweifellos haben die Islamisten als Erste die Religion »scharf gemacht«, doch George W. Bush übernahm dankbar die Rhetorik, er nannte den Krieg gegen den Terror einen »Kreuzzug« und pries die Freiheit als »Geschenk Gottes«. Der Soziologe Armin Nassehi hat recht, wenn er schreibt, man müsse die religiöse Rede nur ein wenig verbiegen, und im Handumdrehen verwandele sie abstrakte Bedrohungen in konkrete Feinde. Religiöse Formeln dogmatisieren das Eigene, sie erzeugen Gut-Böse-Unterscheidungen und mobilisieren todsicher die eigene Gemeinde.

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Kommentare

116 Kommentare Seite 1 von 16 Kommentieren

"wenn hasenfüßige Innenminister einknickten",

wäre die Meinungsfreiheit in Gefahr.

Herr Assheuer, wir waren kurz davor!

Nein, keiner muß provozieren und andere herabsetzen, da haben sie Recht.
Und dennoch geschieht es tagtäglich, manchmal unbewußt, manchmal ganz kalkuliert und ist ruckzuck auf allen Bildschirmen der Welt abzurufen.

Wir können die Provokateure um Mäßigung bitten, aber wir müssen von den sich allzu leicht Provozierten Gewaltfreiheit einfordern.

k.

falscher Ansatz

eine Annahme des Artikels ist ein vom Autor mutgemasster 'Krieg': Islam gegen Meinungsfreiheit.
Das ist vom Ansatz her falsch, denn die 'kriegerischen' Vorgänge liegen eindeutig und einseitig auf Seiten der islamischen Gewaltszene. Karikaturen in der Kriegführung? Maximal als Propaganda-Beigabe.

Man stelle sich vor: Ein 'Krieg' mit Karikaturen oder Filmen als Waffen: Jeder hält dem Gegner eine Karikatur anstatt einer Kalschnikoff vor; der wiederum macht dasselbe zurück - das wären doch geradezu paradiesische Zustände.

Anstatt den medialen 'Kämpfern' ihre 'Waffen aus der Hand' nehmen zu wollen, sollte der Autor diese Forderung lieber an die Adresse derer richten, die sich ad libitum Gründe für ihre Gewalttätigkeiten aussuchen und dabei alles als 'Provokation' und 'Ehrverletzung' bezeichnen können, was ihnen nicht gefällt.

Nein. Sie haben die falsche Annahme,

dass der Autor einen Krieg zwischen Meinungsfreiheit und Islam annähme.

Der Autor jedoch beschreibt den bedauerlichen Zustand, dass - aufgestachelt durch primitivste religiöse Kriegsrhetorik - die Vernunft verschwindet.

Also eher einen Krieg zwischen Religion und Vernunft.

Darin enthalten ein von der Vernunft bestimmter Gebrauch z.B. der Meinungsfreiheit.

Und Ihr Beitrag (sowie die "likes" darunter) ist eben wieder ein Beleg, für den vom Autor bedauerten Zustand.

kurze entgegnung zur frage:

wo liegen die kriegerischen vorgänge?

an welchem punkt würde ich einen anderen menschen im konfliktfall tatsächlich angreifen? da wo ich verwundbar bin? oder da wo er selbst nach meiner einschätzung verwundbar ist.
ich würde sagen letzteres
es geht nicht darum ob das was ich dir zufüge MIR weh tun würde. die frage ist ob es DIR wehtut.

dir ist dein prophet heilig? ich greife ihn an.
dir ist dein leben heilig? ich greife es an.

in diesem sinne sehe ich auf allen seiten des konfliktes "krieger" - um ihre wortwahl aufzugreifen - die gezielte attacken gegen die mutmaßliche gegenseite reiten

attacken die dabei nach innen gleichzeitig als vollkommen legitime und der situation angemessene reaktionen kommuniziert werden können. der "kriegsakt" ist - sinnbild der kriege unserer zeit - vom zivilakt mitunter gar nicht zu unterscheiden. man kann doch nichts dafür wenn die andere seite die falschen werte hat.

"die verstehen die verspottung ihres propheten als einen akt der aggression? ja haben die denn noch nie etwas von meinungsfreiheit gehört?"

"die halten ihre irdische existenz für das maß der dinge? ja haben die denn noch nie etwas von der überdauernden existenz ihrer seelen gehört?"

auf diese doppelbödigkeit des konfliktes weist der artikel - meiner meinung nach zu recht - hin. dass der appell zur selbstreflexion sich dabei eher an die adresse des meinungsfreiheitsverteidigungslagers richtet ist konsequent.
assheuers publikum sitzt im "westen" und nicht in khartum.