Pro & ContraBrauchen wir den Weltklimarat noch?
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Pro: Ottmar Edenhofer

Pro: Ottmar Edenhofer

Der IPCC ist eine der wichtigsten Innovationen der wissenschaftlichen Politikberatung. Seit dem zweiten Sachstandsbericht des IPCC 1995 kennen alle Regierungen der Welt den wissenschaftlichen Konsens in Sachen Klimawandel: Der Mensch ist maßgeblich für die globale Erwärmung verantwortlich. Seit der Gründung des IPCC haben sich jedoch die thematischen Schwerpunkte zunehmend verlagert. Nicht mehr die Klärung der Ursachen steht im Vordergrund; heute geht es mehr um die Bewertung der Folgen des Klimawandels und die Abschätzung der Strategien zur Vermeidung. Der IPCC hat diese Diskussion auf die Tagesordnung der Weltpolitik gesetzt.

Wenn es aber um die Frage geht, wie etwa die Folgen von Dürren und der daraus resultierende Anstieg der Nahrungsmittelpreise bewertet werden oder welche Maßnahmen zur Emissionsvermeidung ergriffen werden sollen, dann geht es nicht nur um Tatsachen. Es geht auch um Werte. Kann der IPCC dann aber noch einen wissenschaftlichen Konsens formulieren und die Politik wertneutral darüber informieren?

Auch manche wohlmeinende Kritiker des IPCC verneinen dies. Sie argumentieren, der IPCC laufe Gefahr, eine Versammlung politisierender Wissenschaftler zu werden. Und die überschritten ihr Mandat, wenn sie mit ihren Empfehlungen Wertentscheidungen träfen, für die sie nicht mehr Kompetenz beanspruchen dürften als jeder andere, der ethisch kompetent argumentiere. Daher wird gefordert, Forscher sollen forschen und Politiker entscheiden.

Ottmar Edenhofer
Ottmar Edenhofer

Doch diese Sichtweise geht an der Realität moderner Gesellschaften vorbei. Ohne den Rat von Experten könnten Politiker oft nicht einmal die Optionen identifizieren, die ihnen zur Lösung eines Problems zur Verfügung stehen. Den politischen Entscheidungsträgern mangelt es in der Regel ja nicht an einem Angebot an Meinungen, sondern an einem wissenschaftlich fundierten Überblick über die Lösungsmöglichkeiten. Und hier lässt die Wissenschaft die Politik oft im Stich. Zwar kann es keinen wissenschaftlichen Konsens über Wertentscheidungen geben, aber es ist durchaus möglich, die zur Verfügung stehenden Optionen zu beschreiben und die Kriterien für die Bewertung und Auswahl der verschiedenen Alternativen auf den Tisch zu legen. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben wissenschaftlicher Politikberatung, die Kosten, Risiken und Chancen der verschiedenen Optionen in einem Gesamtüberblick auszuloten. Und gerade weil die Lösungsoptionen noch nicht hinreichend exploriert sind, hat der IPCC seine Zukunft noch vor sich.

Wer hier die nationalen Wissenschaftsakademien oder Verbünde weniger Forschungsinstitute als bessere Berater empfiehlt, muss deren Gutachten kritisch daran messen, was wissenschaftliche Politikberatung zu leisten hat. Erfahrungen zeigen, dass auch Gremien wissenschaftlicher Politikberatung manchmal nur vermeintlich alternativlose Lösungen empfehlen, die eher die Präferenzen der beteiligten Wissenschaftler widerspiegeln als den Wissensstand. Der IPCC hat hier neue Standards gesetzt. Seine Berichte explorieren Alternativen, ohne dabei die politischen Entscheidungen vorwegzunehmen.

Dabei müssen jedoch nicht nur die relevanten Wissenschaftsdisziplinen repräsentiert werden, sondern auch die weltweit unterschiedlichen kulturellen Perspektiven. Um einen tragfähigen Konsens auch über Wertfragen erreichen zu können, kann auf diese internationale Pluralität nicht verzichtet werden.

Der IPCC verwickelt Wissenschaft und Politik in einen gegenseitigen Lernprozess. Er hat seine Zukunft noch vor sich

Pluralität erfordert einen hohen Aufwand bei der regional ausgewogenen Auswahl der Autoren. Der IPCC muss weiterhin darauf achten, wissenschaftliche Exzellenz zu gewährleisten. Und hier können die nationalen Akademien eine große Hilfe sein. Internationale Netzwerke von Forschungsorganisationen können den dringend benötigten Aufbau von Forschungskapazitäten in den Entwicklungsländern vorantreiben. Die Ausgewogenheit der Autorenteams und ihre wissenschaftliche Exzellenz können so weiter gestärkt werden.

Der IPCC arbeitet nach klaren Regeln, er ist keineswegs im Zangengriff der Politik. Zwar müssen die Zusammenfassungen der umfangreichen Berichte für Entscheidungsträger Wort für Wort mit den Regierungen der Welt abgestimmt werden. Und es stimmt: Dabei wird geschachert, gepokert, gedroht und gelockt. Aber Aussagen dürfen nur dann verändert werden, wenn dies durch den Bericht gedeckt ist. Und den verfassen alleine die Wissenschaftler. Sie geben den Ton an, nicht die Politiker. Die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit ist dadurch gesichert.

Der IPCC verwickelt Politik und Wissenschaft in einen gegenseitigen Lernprozess. Die Regierungen müssen auf dem Boden des wissenschaftlichen Kenntnisstands stehen und die Berichte genau gelesen haben, wenn sie mit den Wissenschaftlern argumentieren wollen. Diese Diskussionen bewirken zweierlei: Die Wissenschaftler lernen die Relevanz ihrer Aussagen besser einzuschätzen, und die Regierungen müssen ihre politischen Präferenzen an Sachargumenten prüfen. Es ist dieser Abstimmungsprozess, der den Berichten Legitimität und Autorität verleiht.

Es gibt in diesen Verhandlungen, die beide Seiten oft genug an den Rand der Erschöpfung treiben, immer wieder den Lichtblick, dass das bessere Argument zum Zuge kommt und sich gegen nationale Interessen durchsetzt. Das macht den IPCC zwar nicht zu einer fehlerfreien, aber doch zu einer einzigartigen Institution – und zu einer unersetzlichen.

Ottmar Edenhofer

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Leserkommentare
    • tobmat
    • 05. Oktober 2012 23:04 Uhr

    @Redaktion: Wie oft wollen sie diesen Artikel noch aufwärmen?

  1. geben die Herren des PIK zu, daß es ohne politische Intentionen kein CO2-Problem gibt. Also sind die Politiker in Haftung zu nehmen, angefangen bei der "Klimakanzlerin". Statt im Eismeer herumzufahren und Eisberge und Eisbären anzugucken hätte Sie sich besser um die internationalen Finanzregeln kümmern sollen. Die Finanzkatastrophe war abzusehen, aber sie
    hat einen auf "Klimaretterin" gemacht. Das verschärft jetzt die Gesamtsituation, weil die steigenden Kosten eines sinnarmen Klimabeeinflussungsversuchs gleich für 20 Jahre festgeschrieben wurden. Ich werde mit Vergnügen zur nächsten Bundestagswahl gehen. Meine Quittung kriegt sie und ihre
    inzwischen rückratlose Partei.

  2. Ich bin auch Pro.

    Es gibt noch einen wichtigen Aspekt: Das IPCC ist inzwischen zu einer Marke geworden, die Medienaufmerksamkeit erzielt. Dies ist in einer Welt, deren Medien notorisch das Weltbild in Richtung auf Spektakuläres, Einzelereignisse und Konflikte verändern, ein gar nicht zu überschätzender Vorteil. Es kann mit seinen Berichten Medienereignisse hervorrufen.

    Und so lange kein Mensch die Notwendigkeit von Veränderungen des Wirtschaftens wirklich ernst nimmt, brauchen wir das.

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