ZEIT: Erfolgreich sein, ohne sich zu verbiegen. Geht das?

Christoph Burger: Ja. Einschleimen lohnt sich auf die Dauer einfach nicht. Unternehmen suchen Charakterköpfe und originelle Ideen. Anstatt nur ihre Aufgaben abzuarbeiten, bringen Querdenker neue Impulse. Was will man auch mit austauschbaren Abziehbildern?

ZEIT: Man muss also ein Rebell sein, um Erfolg zu haben?

Christoph Burger: So radikal würde ich das nicht formulieren. Aber um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen, braucht man Persönlichkeit. Und um die zu entwickeln, helfen drei Dinge: anecken, auf die Schnauze fallen und rumhängen.

ZEIT: Rumhängen? Das müssen Sie mir erklären.

Christoph Burger: Es ist so: Der Charakter muss reifen. Wer im Schnelldurchlauf durch Schule und Uni hetzt, hat keine Zeit, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Ich zum Beispiel habe nach dem Abitur ein Orientierungsjahr eingelegt: gejobbt, Musik gemacht, für Amnesty International gearbeitet. Danach wusste ich, was ich will. Für eine erfolgreiche Karriere sind Reisen, soziales Engagement und Langeweile die wichtigsten Voraussetzungen. Denn gerade in ein paar Stunden der Langeweile entstehen doch oft die besten Ideen.

ZEIT: Und die Lücken im Lebenslauf?

Christoph Burger: Die muss man nur gut erklären können. Wenn jemand beispielsweise nach dem Abitur ein Jahr in Australien war, sollte er im Bewerbungsgespräch sagen, was er dort über sich und seine Ziele gelernt hat. Das wollen Unternehmen unbedingt hören.

ZEIT: Nach dem Motto, ich muss mich nur verkaufen können?

Christoph Burger: Nein. Menschen sollten sich nicht als Produkt verstehen. Aber in den vergangenen Jahren haben die Unternehmen genau das erreicht. Sie haben mit ihren Ausschreibungen vorgegeben, was sie wollen: perfekte Englischkenntnisse, Praktika während des Studiums, gute Noten. Jetzt beschweren sich plötzlich viele Firmen, dass sie gar keine individuellen Persönlichkeiten mehr finden. Das ist im Grunde paradox.

ZEIT: Muss man sich denn nicht auch anpassen am Arbeitsplatz?

Christoph Burger: Doch, auf jeden Fall. Das hat aber nichts mit Einschleimen zu tun. Jedes Unternehmen hat hierarchische Strukturen. Eine gute Zusammenarbeit kann dort nur funktionieren, wenn die Mitarbeiter im Normalfall das tun, was der Chef sagt. Ich muss aber dem Chef deswegen nicht auf dem Schoß sitzen.

ZEIT: Als Lehrbeauftragter an der Universität Mannheim leiten Sie Seminare zum Thema Karriere. Was raten Sie Ihren Studenten für den Jobeinstieg?

Christoph Burger: Sie sollten sich vor allem klar werden, welche Stärken und Schwächen sie haben, um dann einen passenden Karriereweg einschlagen zu können.

ZEIT: Ein Beispiel?

Christoph Burger: Meine Schwäche ist zum Beispiel: Ich bin zuweilen unbeherrscht. Privat flippe ich dann aus, im Beruf bin ich zu laut oder zu direkt und einfach nicht diplomatisch. Deshalb mache ich Karriereberatung speziell für Leute, denen es ähnlich geht. Ich kann mich besser in ihre Probleme einfinden, weil ich selber so bin. Bei den eigenen Schwächen ist vor allem Ehrlichkeit angesagt. Man sollte sich negative Charakterzüge eingestehen, aber es bringt nichts, sich diese streng zu verbieten. Ecken und Kanten eines Menschen fördern schließlich seine Kreativität und sind letztendlich viel besser für ein Unternehmen als Arbeitnehmer, die immer nur reibungslos gehorchen.