Sopranistin K. Opolais: Singen als Leben
Die staunenswerte lettische Sopranistin Kristine Opolais: Drei Stunden auf der Bühne und keine Zeit zu verschwenden.
München, Hotel Bayerischer Hof, Sommer, Mittagszeit. Leiser Gläserklingklang, teppichgedämpfte Atmosphäre, Geschäftsgesprächsgemurmel. Und auf einmal fängt Kristine Opolais zu singen an. Nicht, weil ihr partout nach Singen wäre. Vielmehr will sie zeigen, wie es sich anhörte, wenn sie das nur so nebenbei tun würde, weitgehend unbeteiligt. Also singt sie O mio babbino caro, Giacomo Pucccinis genial polierte kleine Kavatine aus Gianni Schicchi, wie eine Mischung aus Leierkastenmelodie und Langnese-Werbung, absichtlich mit schimmerndem Schmelz, aber ohne einen Funken Seele. Augenblicklich wird es still im Saal: Die Gläser stehen wie festgenagelt, Löffel und Gabel sind niedergelegt.
Puccini hat man selbst im Bayerischen Hof nicht alle Tage zu Gast. Und das Ad-hoc-Publikum hat Glück. Es bekommt ihn jetzt zwei Zeilen und ein paar Takte lang, wie Puccini wirklich gesungen gehört: aufs Existenzielle zielend und gleichzeitig hoch elegant. Es sei ja schließlich nicht so, sagt Kristine Opolais, nachdem im Raum wieder auf Routinerhythmus umgeschaltet worden ist, als ob es in O mio babbino caro um nichts gehe, wenn Lauretta ihrem Vater gesteht, dass sie Rinuccio liebt – und zwar nur Rinuccio, und dass sie, wenn sie ihn nicht bekommt, in den Arno geht. Und, ja: »Vorrei morir« natürlich, »Ich möchte sterben«.
Andererseits schrammt »Babbo, pietà, pietà« schon immer mehr oder weniger weich an der Kitschgrenze vorbei. Außer, Maria Callas singt’s.
Genau die hat Kristine Oppolais im Sinn, wenn sie an Puccini denkt. »Du hast drei Stunden auf der Bühne«, sagt sie, »und keine Zeit zu verschwenden.« Entweder es ist das Leben (und also große Kunst) – oder nicht. Dann war es nur Oper. Musikalischer Zeitvertreib mit Sektpause. Nicht ihre Sache.
Als Kristine Opolais aus Riga die Bühne in München und ein ganz schönes Stück Musikwelt gleich mit förmlich im Sturm genommen hat, wehte gerade der Herbst die Blätter in die Stadt herein, das war im Oktober 2010 bei der Premiere von Antonin Dvořáks lyrischem Märchen Rusalka . Da war sie gerade dreißig Jahre alt geworden und für die Titelrolle eigentlich nicht vorgesehen. Versprochen war Opolais per Vertrag mit der Metropolitan Opera in New York als Magda in Puccinis La Rondine. Dann wurde Nina Stemme krank, und die Direktion suchte nach einer Einspringerin für München und die Inszenierung von Martin Kusej. Da kam viel Risiko auf einmal zusammen. Als Magda hatten die Leute in Riga Opolais geliebt. Sie konnte die Rolle im Schlaf. Rusalka hingegen war fremdes, gefährliches Gebiet. Ein Sopran im Niemandsland zwischen Poesie und absoluter Dramatik. Und würde die Met sie noch einmal einladen, wenn sie absagte? Opolais musste überlegen, aber nicht lange. Und sprang von der Routine in den Rausch.
Einen »richtigen Plan für mein Leben«, sagt sie heute, »habe ich eh noch nie gehabt«. Also München, also Rusalka. Und Opolais sang, das kann man nicht anders sagen, um ihr Leben, nicht um den schönen Schein. So ist es gemeint in diesem Stück.
Der Regisseur Kusej hob es damals aus seinen spätromantischen Angeln, indem er Rusalka, die Wassernixe, die sich nach Menschenliebe sehnt, in ebendieser Menschenwelt keine Demütigung ersparte. Buchstäblich zog er sie immer wieder durchs Wasser, und wenn es in den Szenen mit dem Prinzen, der sich in sie verliebt und sie dann doch verrät, idyllisch zu funkeln begann, schickte der Regisseur seine Sängerschauspielerin Kristine Opolais als zuckenden Blitz auf die Szene: Dvořáks Lied an den Mond, Höhepunkt jeder »Sie wünschen, wir spielen Opernklassiker«-Sendung, war ein einziger kreatürlicher Hilfeschrei. Am Ende hatte die Inszenierung herausgearbeitet, dass es zwischen allen Menschen- und Naturwesen des Stückes nur eine gibt, die wahrhaftig bleibt: Rusalka, die dem Prinzen den Todeskuss mit stillem Triumph spendet. Man hatte sie brechen wollen, aber hier stand sie nun: als Unantastbare. Und das Münchner Opernpublikum war kollektiv ins Mark getroffen.








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren