NetzwerkeDas Zitat... und Ihr Gewinn

Marlene Dietrich sagt: Die Freunde, die man um vier Uhr morgens anrufen kann, die zählen. von 

Kann es sein, dass Ihr Netzwerk einen typischen Fehler aufweist? Dass es aus guten Bekannten und Arbeitskollegen besteht, womöglich sogar aus Freunden, die Sie morgens um vier anrufen könnten (wie Marlene Dietrich es sagt)?

Was daran falsch ist? Die meisten dieser Menschen bewegen sich im selben Dunstkreis wie Sie und schauen aus derselben Perspektive auf die Welt. Was ihnen auffällt, haben Sie oft schon längst bemerkt. Was sie hören, ist oft schon an Ihre Ohren gedrungen – zum Beispiel der Tipp, dass in der Tochterfirma eine Stelle frei wird, um die sich jetzt dreißig Tipp-Empfänger balgen. Nicht einmal die Denkanstöße dieser Menschen werden immer nützlich, weil neu für Sie sein – schließlich bevorzugen wir Freunde, die auf derselben Wellenlänge funken.

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Gutes Networking sprengt diese Enge: Statt immer wieder dieselbe Wellenlänge abzuhören, sollten Sie gezielt neue Sender empfangen, über Ihren direkten Bekanntenkreis hinaus. Vielleicht weiß der Bekannte einer Bekannten eines Bekannten, dass am anderen Ende Deutschlands, wo er wohnt, gerade Ihr Traumjob frei wird. Vielleicht kann Ihnen der Schwager der Stiefmutter eines Arbeitskollegen eine Tür in einer Branche öffnen, die Sie bislang nicht auf dem Zettel hatten. Beides, die abgelegene Region und die abseitige Branche, wären in Ihrem direkten Netzwerk, das Ihre Ist-Situation spiegelt, oft nicht vertreten.

Gutes Networking funktioniert wie Billard: Sie spielen einen Ball gegen die Bande, von dort wird er an die nächste Bande geleitet und so weiter, bis er irgendwann ins Loch trifft. Je gezielter Sie diese indirekten Kontakte nutzen, desto erfolgreicher werden Sie sein; das hat der Soziologe Mark Granovetter schon vor Jahrzehnten nachgewiesen.

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Um einen Job zu finden, sollten Sie die Menschen Ihres direkten Netzwerkes bitten, im eigenen Bekanntenkreis herumzufragen und die Anfrage dort weitergeben zu lassen. Wenn Sie zehn Menschen ansprechen, jeder spricht weitere zehn an, und dieser Vorgang wiederholt sich erneut, dann haben Sie tausend Job-Scouts für sich im Einsatz, weit über den Tellerrand Ihres ursprünglichen Netzwerks hinaus.

Die neuen, indirekten Kontakte sind die effektivsten, weil sie Ihnen neue, überraschende Perspektiven öffnen können: in Branchen, an die Sie nicht gedacht haben, und in Regionen, die nicht auf Ihrem Radar waren. Wer beim Networking über Bande spielt, locht schneller ein.

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Leserkommentare
    • Infamia
    • 21. Oktober 2012 9:42 Uhr

    Wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe, sind die meisten Jobs über gute Kontakte vergeben worden. Stellenanzeigen spielen da kaum noch eine Rolle. Wenn jemand auf Jobsuche ist, egal ob wegen Arbeitslosgikeit, drohender Arbeitslosigkeit oder einfach aus dem Bedürfnis heraus, sich beruflich verändern zu wollen, hilft nur eines. Darüber reden, reden und nochmals reden. Das erhöht die Chancen um ein vielfaches. Bewerbungen auf eine Stellenanzeige hingegen kann man sich fast schenken. Wobei das Jobcenter dies ja ausdrücklich verlangt.

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    • lxththf
    • 21. Oktober 2012 10:39 Uhr

    Mark Granovetter und die Stärke schwacher Bindungen

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  1. dem Billard finde ich schwach - die grundliegende Botschaft des Artikels jedoch sehr wertvoll.
    Vielen Dank!

  2. liebe zeit, dass du uns ab und zu auf offensichtliches hinweist.

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  3. liebe zeit, dass du uns ab und zu auf offensichtliches hinweist.

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    • pepe423
    • 21. Oktober 2012 12:42 Uhr

    Bei der Jobsuche geht doch nichts ueber Vetternwirtschaft und Vitamin B. Danke nochmal fuer die Botschaft.

    5 Leserempfehlungen
    • Mieheg
    • 21. Oktober 2012 13:14 Uhr

    ...ob man in einem Unternehmen arbeiten will, welches einen Hochschulstudenten als Führungskraft einstellt, weil das der Cousin von nem Freund von dem Sohn des Chefs ist. Dann vielleicht lieber in einem Unternehmen mit guten Auswahlkriterien arbeiten.

    Andererseits isses ja tatsächlich so das nur noch jede dritte Stelle ausgeschrieben wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... wenn diese "Freunde" dann wenigstens einen Hochschulstudenten als Führungskraft einstellen würden. Ich hab auch schon von Fällen gehört, wo die eingestellten Führungspersonen weder Betriebserfahrung hatten noch je eine Hochschule von innen gesehen hatten.

    Allerdings kann sich das auch rächen: Mir ist zumindest ein Fall eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens bekannt, bei dem eine solche "Führungskraft" es dann schaffte, das Unternehmen innerhalb von 2 Jahren in die Insolvenz zu katapultieren. Was sehr schade war für die langjährigen Angestellten, die ja z.T. noch Häuser abbezahlen müssen, eine Familie haben etc.

  4. Leider spiegelt der Artikel die Realität des angeblich so leistungsbasierten Arbeitsmarktes wider.

    Wieso man die hochgradig unfaire und keinesfalls mit fachlicher oder sonstiger Qualifikation korrelierende Praxis der Jobvergabe durch gute Beziehungen immer wieder völlig unkritisch abfeiert und euphemistisch als "Networking" bezeichnet, ist mir schleierhaft.
    Denn letztlich bedeutet das alles doch nur eins: wer (aus welchen Gründen auch immer) nicht über entsprechende Kontakte verfügt bleibt eben draußen, egal wie qualifiziert er ist.
    Aber genau das ist für die von solcher Kumpelei/Vetternwirtschaft profitierenden Kreise natürlich kein Problem. Und bei der nächsten Diskussion zum Thema Karriere tun die gleichen Leute dann wieder so, als ginge es doch nur um Leistung & Qualifikation.

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  • Serie Das Zitat und Ihr Gewinn
  • Schlagworte Karriere | Karriereberatung | Bewerbung | Initiativbewerbung
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