UraufführungenNach New York! Nach Babylon!

Die Komponisten Olga Neuwirth und Jörg Widmann haben die Metropole als Opernschauplatz entdeckt. von Volker Hagedorn

Della Miles als Eleanor in "American Lulu"

Della Miles als Eleanor in "American Lulu"  |  © Iko Freese

Olga Neuwirth und Jörg Widmann gehören zu den wichtigsten Komponisten der jüngeren Generation. Sie könnten verschiedener nicht sein: eher kämpferisch die Frau, eher schwelgerisch der Mann – mit einer gewagten Verkürzung gesagt. Um weiteren Etiketten zu entgehen, haben wir die Künstler besucht, die beide mit neuen Opern vor der Uraufführung stehen.

Olga Neuwirth finden wir in Berlin-Kreuzberg. Autos rumpeln über das Kopfsteinpflaster vor dem Café, und wir fragen uns, was das für ein Mitschnitt wird, ob überhaupt etwas zu verstehen sein wird von dem, was sie sagt, sie spricht ja sehr leise. Aber ihr gefällt die Vorstellung, dass ihre Antworten nur noch Fahrgeräusche sind, »ein futuristisches Gedicht«. Und ein Motorrad durchfräst ihre Worte, als sie gerade von dem Bruch erzählt, den man zwischen den ersten beiden Akten und dem dritten Akt ihrer Oper American Lulu hören wird, schon deswegen, weil der dritte hauptsächlich von ihr ist, die ersten beiden aber von Alban Berg sind, aber auch nur bedingt, denn ein Jazzorchester und Billie Holiday hatte er nicht im Sinn...

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Jörg Widmann sitzt in einer stillen, großen Wohnung an einer stillen, kleinen Freiburger Straße, aber er spricht kräftig, er sprudelt, er ist noch mittendrin im Komponieren, sechstes von sieben Bildern. Ganz ungeschützt treffe man ihn jetzt an, entschuldigt er sich für den Enthusiasmus, mit dem er von Babylon erzählt, einer Oper, die in München uraufgeführt werden wird gut drei Wochen nach der Uraufführung von Neuwirths American Lulu in Berlin. Zwei unterschiedlichere Sujets lassen sich kaum denken, zwei unterschiedlichere Komponisten schon gar nicht, auch als Typen. Den 39-jährigen Widmann würde ein Unkundiger womöglich erst mal für einen gut gelaunten Piloten halten.

Tatsächlich vergleicht er seinen Schreibtisch gern mit einem Cockpit, allerdings einem »halb zerstörten«, was untertrieben ist. Noch in den großen Korridor hat es Papiere geschwemmt, zwischen Notenstapeln zieht Widmann Sekundärliteratur hervor, aber falls es hier einen kreativen Flugzeugabsturz gegeben haben sollte, ist der Pilot völlig intakt den Trümmern entstiegen. Vital, fast sportlich, sehr helle Augen unter dunklen, mittelkurzen Haaren, einer von den Rauchern, mit denen die Zigarettenindustrie Reklame machen könnte, wenn sie noch dürfte. Olga Neuwirth hingegen raucht nicht, ist aber tolerant. »Ich komme aus einer Raucherfamilie«, sagt sie freundlich, immerhin ist ihr Vater ein Jazzpianist.

"American Lulu" in Berlin

American Lulu, am 30. September an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt. Musik: Alban Berg/Olga Neuwirth, Libretto neu eingerichtet und für den dritten Akt neu geschrieben von Olga Neuwirth. Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke, Inszenierung/Ausstattung: Kirill Serebrennikov, Solisten: Marisol Montalvo, Della Miles, Jacques-Greg Belobo und andere

"Babylon" in München

Babylon, Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper München am 27. Oktober. Musik: Jörg Widmann, Libretto: Peter Sloterdijk. Musikalische Leitung: Kent Nagano, Inszenierung: Carlus Padrissa/La Fura dels Baus, Bühnenbild: Roland Olbeter, Solisten: Claron McFadden, Anna Prohaska, Rainer Trost, Tod Willard White, Gabriele Schnaut, Kai Wessel und andere

Wie es auf Neuwirths Schreibtisch aussieht, ist nicht zu schildern; die 44-Jährige ist nicht der Typ, der zu Hause empfängt. So auf die Sekunde pünktlich, wie sie zum Café kommt, könnte es sein, dass ihre Utensilien penibel sortiert sind wie einst die von Strawinsky, Besteck für Versuchsanordnungen. Dabei ist sie so zögernd hergeschlendert wie eine, die noch gar nicht weiß, ob ihr das jetzt passt, ist dann aber voll und ganz da. Konzentriert, schmal, ernst, knappe Locken, unauffällige, dunkle Klamotten. Wer ihren Beruf nicht kennte, bliebe ratlos. Und käme dann vielleicht doch auf die richtige Idee. Nur nicht darauf, dass Neuwirth genau wie Widmann zu den erfolgreichsten Komponisten dieser Generation zählt.

Jedenfalls wenn man sich ihre Präsenz bei Festivals, auf Tonträgern, als Preisträger anschaut. Olga Neuwirth wird da noch einiges zurechtrücken, sie hat nämlich mit dem Musikbetrieb ganz andere Erfahrungen gemacht als ihr Kollege. Aber jetzt, an Berlins Komischer Oper, läuft es offenbar gut. Sie geht gerne zu den Proben. American Lulu ist für sie eher untypisch. Was die Österreicherin bislang für das Musiktheater komponierte, waren surreale, ja psychotische Labyrinthe, die den Druck einer Außenwelt abbilden und in der Klarheit ihrer Konstruktion enormen Sog erzeugen. Neuwirths szenisches Denken bewegt sich unabhängig von Operntraditionen, es ist geprägt von Literatur, Film, Kunst und Theater – ihr Vater komponierte auch Bühnenmusik.

Für ihre sadistische Familiengroteske Bählamms Fest schrieb Elfriede Jelinek das Libretto nach Texten von Leonora Carrington, der Freundin des Surrealisten Max Ernst. Das flirrende E-Dur, mit dem Bählamms Fest beginnt, ist nicht Tonalität, sondern Zwischenwelt, leicht galaktisch, bald durchrast von gesampelten Fliegen und Kampfjets, später wird die Stimme eines Counters ins Heulen eines Wolfs verzerrt. Das Werk bescherte Neuwirth den Durchbruch, es folgten das hirnsprengende Werk Lost Highway nach David Lynchs Film und das Melville-Stück The Outcast, dessen Mannheimer Uraufführung in diesem Jahr sie demonstrativ fernblieb, weil sie die Inszenierung als »Auslöschung« erlebte.

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