Xi Jinping wird zukünftig Chinas Staat und Regierungspartei anführen. © Reuters

Die zweite Novemberwoche hat es in sich. Am 6. November wählen die Amerikaner ihren neuen Präsidenten. Zwei Tage darauf beginnt in Peking der 18. Parteitag, auf dem Chinas Kommunisten fast ihre gesamte Führung auswechseln. Zwei Weltmächte, zwei Welten.

Die Amerikaner feiern ein Fest der Demokratie, die Chinesen schauen den Mächtigen beim Stühlerücken zu. Wer künftig im Weißen Haus regiert, wissen wir wohl erst in den Morgenstunden des 7. November. Wer an die Spitze des Pekinger Politbüros aufrücken soll, wissen wir schon seit einem halben Jahrzehnt. Zwei Namen konnten wir uns seither einprägen: Xi Jinping und Li Keqiang. Der eine wird neuer Parteichef; der andere wird Chinas künftiger Premier.

Die übrigen Personalien jedoch liegen im Dunkeln. Die Entscheidungen sind gefallen, sonst wäre der Parteitag nicht einberufen worden, aber sie sind noch nicht bekannt. Wer wird außer Xi und Li dem Ständigen Ausschuss des Politbüros angehören, dem höchsten Entscheidungsgremium der Volksrepublik? Wird der Ausschuss wie bisher neun Mitglieder haben oder nur sieben? Könnte es sein, dass es für die Innere Sicherheit und für die Propaganda keine eigene Zuständigkeit im Ständigen Ausschuss geben wird, wie in Peking spekuliert wird, und wäre das ein Zeichen der Liberalisierung?

Ein Abgrund an Selbstbereicherung und Machtmissbrauch in der KP

Klarheit gibt es nur in einem Punkt, dem Schicksal Bo Xilais. Der ehemalige Parteichef der Megalopolis Chongqing ist aus der KP ausgeschlossen worden und wird demnächst vor Gericht gestellt. Bo Xilais Frau war im August wegen des Mordes an einem britischen Geschäftsmann zum Tode verurteilt worden; das Gericht setzte die Strafe aber für zwei Jahre aus. Auf Bo selbst wartet ein hartes Urteil.

Der tiefe Fall des Bannerträgers der Linken, der in Chongqing gern Mao-Lieder singen ließ, hat einen Abgrund an Selbstbereicherung und Machtmissbrauch offenbart, der selbst Zynikern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es passt ins Bild, dass sich der Sohn eines anderen Spitzenfunktionärs in seinem schwarzen Ferrari nach einer wilden Pekinger Nacht zu Tode fuhr.

2012, in China das Jahr des Drachen, ist für die KP gefährlich und unberechenbar. Jetzt wird abgerechnet – noch nicht mit Unmoral und Korruption, sondern erst einmal mit der Parteilinken. Der ungebremste Sturz Bo Xilais zeigt, dass die Reformer im Machtkampf mit den Neo-Maoisten die Oberhand behalten haben.

Wenn zum Ende des Parteitags die neu gewählten Mitglieder des Ständigen Ausschusses die Bühne der Großen Halle des Volkes betreten – im Gänsemarsch, alle im dunklen Anzug, alle mit roter Krawatte, alle mit schwarz gefärbten Haaren –, dann marschiert mit ihnen zwar die personifizierte Apparatschik-Langeweile auf. Aber nach Mord und Ferrarigate mag es vielen Chinesen ganz recht sein, dass sie es weiterhin mit dem vorsichtigen, konsensorientierten Stil zu tun haben, den sie von der jetzigen, seit 2002 amtierenden Führung kennen.