SPD-Kanzlerkandidat Hilfe, ein Siegertyp
Der Herausforderer Peer Steinbrück ist gut für die politische Debatte. Nur: Der SPD ist Machtwille unheimlich.
Die SPD liebt keine Siegertypen. Deshalb sind sie in ihren Reihen so selten. Helmut Schmidt, Gerhard Schröder – jetzt also Peer Steinbrück. Er ist der Kandidat, der gewinnen will und das auch ausstrahlt. Für eine SPD, die bei der Bundestagswahl ihre Chancen nutzen möchte, ist er der richtige Kandidat. Doch die SPD ist nicht die Partei des offensiven Auftritts, der Siegeszuversicht, des unverkrampften Umgangs mit der Macht. Wo ein Genosse mit diesem Gestus daherkommt, weckt er bei den Genossen vor allem Unbehagen. Gerade von ihren selbstbewussten Vertretern verlangt die SPD seit je den Nachweis ideologischer Verlässlichkeit. »Beinfreiheit« ist nicht vorgesehen. Wer sie fordert, wie nun Steinbrück, nährt den Verdacht, sein Machtwille sei so groß, dass er sich auch von der eigenen Partei nicht bändigen lasse. Doch als gezähmter Funktionär kann Steinbrück so wenig gewinnen wie als politischer Alleinunterhalter gegen die eigene Partei. Seine Kampagne wird zum Balanceakt.
Balancieren war bislang nicht Steinbrücks Stärke. Er liebt das Brachiale und Eindeutige. Dazu passt, dass er jetzt Gerhard Schröder als Vorbild nennt. So selbstverständlich es dem Kandidaten erscheint, seine Siegeschance wie einst Schröder in der gesellschaftlichen Mitte zu suchen, so umstritten ist diese Strategie unter den Genossen. Für weite Teile der SPD sind die Reformen ihrer Regierungszeit bis heute ein Trauma. Hierzulande, selbst in den Reihen des politischen Gegners, und mittlerweile sogar weltweit findet Schröders Agenda Anerkennung. Nur die SPD schämt sich noch immer. Ihr Kandidat, der ungebrochen stolz auf die Verdienste seines Vorgängers ist, wird das nur sehr dosiert zeigen dürfen. Wie zur Macht hat die SPD auch zu ihren Erfolgen ein zwiespältiges Verhältnis. Steinbrück macht so etwas verrückt. Ein Jahr lang die Nerven zu behalten ist für ihn vielleicht die größte Herausforderung. Die vorschnelle Nominierung zwingt den Kandidaten nun in einen überlangen Wahlkampf. Sein Risiko ist damit enorm gewachsen.
Dabei ist seine Ausgangslage weit schlechter als beim letzten erfolgreichen Versuch. Schröder gewann schließlich gegen einen Kanzler, der erkennbar am Ende seiner Ära angelangt war. Politisch wie biografisch bot der Herausforderer die Alternative. Für die Konfrontation von Steinbrück mit Merkel gilt das mitnichten. Der Kandidat ist älter als die Kanzlerin, der Trumpf jugendlicher Tatkraft sticht diesmal nicht. Und dass Merkel am Ende ihrer Amtszeit angekommen wäre, entspricht auch nicht der allgemeinen Wahrnehmung. Zwar regiert sie wirklich mit der schlechtesten Koalition seit 1949. Doch für das breite Publikum ist das anscheinend weniger ein Grund für ihre Abwahl als ein Nachweis ihrer spezifischen Fähigkeiten. Merkels Popularität hat sich von der Schwäche ihrer Regierung gänzlich abgekoppelt.
Auf Wechselstimmung, wie sie 1998 spürbar war, kann Steinbrück nicht rechnen. Das Land befindet sich in einer merkwürdigen Stimmungslage. Die ökonomische und finanzpolitische Dauerkrise seit Herbst 2008 hat die Grundbefindlichkeiten erschüttert. Das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft und des politischen Systems ist angeschlagen. Doch während das allgemeine Krisenbewusstsein der Opposition in die Hände spielen müsste, gibt es eine stark gegenläufige Tendenz. Denn es ist den Deutschen nicht entgangen, dass ihr Land mit den Herausforderungen der Krise weit besser fertig geworden ist als nahezu alle anderen, in Europa und darüber hinaus. Es geht den Deutschen in der Krise so gut, dass sie sich noch immer eher nach Stabilität als nach Veränderung sehnen.
Wenn es einen Herausforderer gibt, der selbst in dieser demobilisierenden Stimmungslage eine erfolgreiche Kampagne führen kann, ist es Steinbrück. Während Merkel den unaufgeregt-einschläfernden Wahlkampf bevorzugt, ist Steinbrück vom Typus her ein Aufwiegler. Merkel planiert die Unterschiede zur politischen Konkurrenz, in Steinbrücks Rhetorik gewinnen sie ihre volle Schärfe. Allein schon habituell torpediert der SPD-Kandidat den lähmenden Eindruck, dass es keine politischen Differenzen mehr gibt, um die zu streiten sich lohnen könnte. Steinbrück belebt das Interesse an der politischen Auseinandersetzung. Mit seinem Konzept zur Bankenregulierung hat er das gerade bewiesen. Es traf den Nerv der Partei, der Öffentlichkeit – und den der Kanzlerin. Es ist ziemlich lange her, dass der SPD so etwas gelungen ist.
Steinbrück ist ein Herausforderer, der seine Chancen suchen wird, selbst wenn sie von heute aus alles andere als opulent erscheinen. Immerhin, aus den Erfahrungen der vergangenen Wahlkämpfe kann er ein wenig Zuversicht schöpfen. Die ganz sicheren Prognosen stimmten selten. Im Sommer 2002 war Edmund Stoiber schon Kanzler, bevor er im Herbst auf der Strecke blieb. Drei Jahre später versprachen die Umfragen Angela Merkel die absolute Mehrheit, bevor sie in einer Großen Koalition landete. Und 2009 wirkte Schwarz-Gelb so lange irreal, bis es am Wahlabend dann doch passierte. Es bleibt auch diesmal Raum für das Unvorhergesehene. Mit der Skepsis gegenüber den Prognosen wächst die Neugier auf die Auseinandersetzung. Steinbrück, der Siegertyp, wird es schwer haben. Natürlich kann er verlieren. Die politische Debatte hat mit seiner Nominierung auf jeden Fall gewonnen.
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- Datum 04.10.2012 - 10:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41
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