KinderbetreuungEr kann ein Böser sein

Wenn Männer in Kindergärten arbeiten, besteht für sie von vornherein Erklärungsbedarf. von Maria Sterkl

Eine Wolke aus Schnitzelduft und Pommes-frites-Aroma wabert durch den bunt verzierten Gang des Kindergartens Ettenreichgasse. In kleinen Grüppchen folgen ihr die hungrigen Dreikäsehochs. Es ist Mittagspause. Die Kleider der Kinder entsprechen einer altbackenen Geschlechterordnung: rosa T-Shirt, rosa Hausschuhe, rosa Haargummi für die Mädchen; sportliche Baggyhosen und Pullis mit Superhelden-Aufdruck für die Buben.

Doch nicht nur die Kleiderordnung erzählt von einer Zeit ohne Genderdebatten, auch die Arbeit der Erwachsenen im Kindergarten stimmt mit einem antiquierten Rollenbild überein. Draußen wird viel von den »neuen Vätern« gesprochen, hinter den Mauern der meisten Kindergärten sind Männer hingegen meist nur als Hausmeister für Reparaturen zuständig. Die Arbeit mit den Kindern, das Pädagogische, ist in fast jedem Kindergarten Österreichs fest in weiblicher Hand – lediglich 0,6 Prozent der Kindergartenpädagogen sind männlich.

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Die Frage nach den Gründen für das Fehlen von Betreuern in Vorschulinstitutionen verleitet die meisten Profis aus den Erziehungswissenschaften nur zu genüsslichem Gähnen. Zu alt ist sie, zu oft wurde sie gestellt, immer wurden dieselben Antworten gegeben, wenig hat sich in all den Jahren daran geändert. Umso spannender wirkt es, wenn jemand eine frische, griffige Erklärung anzubieten weiß. Dem Bildungswissenschafter Josef Aigner von der Universität Innsbruck ist das gelungen. Er brachte eine neue These ins Spiel: In der Kleinkindpädagogik herrsche ein »diffus antimännlicher Diskurs«. Männer, die mit Kleinkindern arbeiten, seien »blödem Gerede« ausgesetzt. »Schwul, irgendwie unmännlich« seien diese Männer, heiße es überall. Das ist zwar bekannt, doch Aigners These geht noch viel weiter: Auf Männern im Kindergarten laste ein böser Generalverdacht. Die Gesellschaft sehe in jedem Mann einen potenziellen Täter – und jenen Männern, die ihren Arbeitsalltag mit kleinen Kindern verbringen möchten, unterstelle man schnell pädophile Neigungen. Zu unrecht, meint Aigner. Die Folgen: Nur ein Drittel der ausgebildeten männlichen Elementar- oder Frühpädagogen ergreife auch diesen Beruf, die anderen werden Lehrer, Hort-Erzieher, oder sie beginnen eine völlig andere Zweitausbildung. Gäbe es diesen Generalverdacht nicht, wäre der Männeranteil höher, ist Aigner überzeugt.

Christoph Lang kennt das Gefühl, unter Verdacht zu stehen. Fünf Jahre lang hat der 43-jährige Sozialpädagoge in einem Innsbrucker Kindergarten ausgeholfen, die Kleinen seien förmlich an ihm gehangen, auch physisch. Diese Intimität hatte jedoch bald ein Ende, wenn eines der Kinder seine Notdurft verrichten musste. Dann ging Lang auf Distanz, bat eine Kollegin um Hilfe, hielt sich zurück. Der Gang auf die Toilette, das Wickeln, das Umziehen – solche Dinge waren für Lang ein Tabu. »Immer sauber bleiben«, erklärt er heute, »das war mir einfach wichtig.«

Zwar habe nie jemand Misstrauen geäußert, nie hätten Eltern ihn ihre Vorurteile spüren lassen – doch schon allein die Furcht vor solchen Vorwürfen ließ ihn übervorsichtig werden. »Die Angst vor dem bösen, fremden Mann wird ja ständig geschürt«, meint Lang. »Immer heißt es: ›Steig ja nicht zu einem Fremden ins Auto ein.‹ Dabei findet der größte Teil des Missbrauchs doch in der Familie statt.«

Von lockerer Unbefangenheit im männlichen Intimkontakt mit Kleinkindern könne keine Rede sein – dieses Ergebnis liest Josef Aigner auch aus einer empirischen Erhebung unter Kinderpädagogen. Dem Satz »Es ist selbstverständlich, dass ich Kinder wickle oder auf die Toilette begleite« widersprachen 23 Prozent der männlichen Befragten – und sogar fast jede dritte weibliche Pädagogin gab an, dies bei Männern für »eher nicht« oder »gar nicht« selbstverständlich zu halten. In den städtischen Kindergärten Wiens kursierte bis vor einiger Zeit sogar die »Empfehlung«, wonach intime Tätigkeiten wie Wickeln möglichst von Frauen vorgenommen werden sollten.

Leserkommentare
  1. Sexualisierte Übergriffigkeit ist keine Frage des Geschlechts.
    Dass Missbrauch bislang v.a. Männern zugeschrieben wird, folgt traditionellen, aber leider immer noch gültigen Rollenklischees: der Mann ist Täter, seine Sexualität aggressiv. Die Frau ist Opfer, ihre Sexualität auf die Bedürfnisse des Mannes ausgerichtet oder nicht vorhanden.

    Dabei haben Missbrauch und Sexualität weniger gemeinsam als Missbrauch und der Wunsch, jemandem Schwächeren zu schaden.

    Siehe auch hier: http://www.wz-newsline.de...

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

    Eine Leserempfehlung
  2. "Gundula P. beispielsweise erinnert sich an einen Vorwurf gegenüber einem Hort-Erzieher in der näheren Umgebung ihres Übungskindergartens. Eine ihrer Schülerinnen, eine angehende Kindergärtnerin, habe sich ihr anvertraut. Der Erzieher nehme »immer wieder Kinder mit nach Hause«, sagte sie. Die Ausbildnerin schritt nicht ein, ging den Vorwürfen nicht nach. Für sie stand fest: »Nur ja nicht weitererzählen«, bläute sie dem Mädchen ein. »Da kann es ja sehr schnell zu Rufmord kommen«, rechtfertigt sie ihr Verhalten noch heute."

    1. Seit wann ist es Erziehern gestattet, Kinder mit nach Hause zu nehmen?

    2. Warum deckt Die ZEIT die Frau, die den Täter kennt und dennoch nichts dagegen unternimmt?

    3. Schon mal was von journalistischer Verantwortung gehört?

    FUCKING HELL...

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