AlpenHinter den Postkarten

Der Fotograf Lois Hechenblaikner fragt: Wer rettet die Berge vor unserer Spaßgier? Eine Lobrede von 

Lois Hechenblaikner zeigt die Probleme auf, die der Tourismus mit sich bringt.

Lois Hechenblaikner zeigt die Probleme auf, die der Tourismus mit sich bringt.   |  © Lois Hechenblaikner

Es war Ende November vergangenen Jahres, da verschlug es mich in die Berge, genauer: nach Lech am Arlberg. Ich musste an irgendeiner Medienkonferenz teilnehmen, das sind so Anlässe, die vor allem dazu dienen, die kalten Betten in der Zwischensaison zu füllen, und das macht man sehr gern mit Journalisten, die könnten ja noch ein bisschen mediale Aufmerksamkeit abwerfen.

Es war ein herrlicher Tag, und da noch kein Schnee lag, beschloss ich, eine nachmittägliche Konferenzpause dazu zu nutzen, mit einem Freund eine Wanderung zu unternehmen. Wir fuhren mit der Seilbahn auf den Rüfikopf. Unter uns lagen die grünen Matten, die hin und wieder mit weißen Flecken durchbrochen waren. Wir waren die einzigen Gäste eines Hutzelmännchens, dessen alleinige Aufgabe darin bestand, einen Knopf zu drücken, der unsere Abfahrtbereitschaft signalisierte. Den Rest machte die Maschine. Wir fragten den Mann, was denn das für seltsame Flecken dort unten seien. Er lachte ein krächzendes Lachen. Das sei der hilflose Versuch, Schnee hinzubekommen. Aber es sei sogar für künstlichen Schnee zu warm. Ich fragte ihn, warum er denn so lache? »Weil’s so verzweifelt soan!«, sagte er. Das ganze Dorf zittere, es sei eine riesige Aufregung: Wann wird’s endlich kalt? Dann lachte er wieder in sich hinein. Beim Aussteigen erzählte uns das Männchen noch, man habe im Nachbartal kürzlich einen Sessellift gebaut, einen Sechser mit Haube – aber man habe alles wieder abreißen müssen. »Wissen S’ warum?« Nein. »Weil die Sessel nicht beheizt waren!« Das würden die Leute heute nicht mehr akzeptieren. »Die wollen einen warmen Hintern, auch beim Skilaufen! A Wahnsinn!« Wir stiegen aus und liefen unter einem strahlenden Himmel die Geröllhalden, die im Sommer den Verlauf der Skipisten anzeigen, hinab ins Tal. Es war, ich muss es leider sagen, eine eher trostlose Wanderung.

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Warum erzähle ich das? Weil ich mich an diesen Nachmittag in Lech am Arlberg erinnert fühlte, als ich die Bilder von Lois Hechenblaikner angeschaut habe. Diese Bilder, die eine andere Geschichte von den Bergen erzählen, eine Geschichte, die wir nicht so gern sehen, die Geschichte hinter den Postkarten, die wir nach Hause schicken. Die Kehrseite, im wahrsten Wortsinn.

Hechenblaikner stellt seine Großbildkamera auf, um eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte, wie der Mensch sich die Berge zunutze macht, indem er sie zu einer Vergnügungsstätte, zum Rummelplatz für uns Kunden umbaut, inszeniert und banalisiert. Dieser Fotograf zeigt, in kalter, weil realistischer Grausamkeit, die Infrastruktur, die nötig ist, um eine massentaugliche Spaßindustrie herzustellen. Es ist eine Ästhetik des Schreckens, die Hechenblaikner darbietet. Es schaudert einen, wenn man sie anschaut. Man fragt sich unwillkürlich: Wollen wir das wirklich?

Leider schwanken wir immer noch zwischen Albrecht Haller und DJ Ötzi

Und, nebenbei bemerkt, machen Sie es sich nicht zu einfach, indem Sie sagen, diese Disneysierung der Alpen sei ja bloß eine Unsitte der Österreicher, das sei nur im Tirol so, wo Hechenblaikner herkommt, wo er arbeitet. Wir kennen das auch, mitunter einfach in einem anderen Preissegment. Waren Sie schon mal in St. Moritz zum Skifahren? In diesen fellübersäten Skihütten, wo sie Austern schlürfen und Kaviar essen? Und es wird auch hierzulande kräftig am Umbau zur Spaßindustrie gearbeitet. In Lenk im Simmental etwa will man in den nächsten vier Jahren 55 Millionen Franken investieren. Geplant ist unter anderem ein Speichersee für die Beschneiungsanlagen, der 75.000 Kubikmeter Wasser fassen soll.

Hechenblaikners Bilder berichten auch von dieser Verzweiflung, um jeden Preis die weiße Pracht herzustellen, diesem Kampf gegen den Klimawandel. Es sind Bilder, die diese schiere menschliche Verzweiflung dokumentieren, über die der Einheimische in Lech am Arlberg nur noch lachen konnte. Ja, Hechenblaikners Bilder sind traurig, aber sie haben auch einen Witz, es ist der Witz, der jeder Vergeblichkeit anhaftet. Wenn man sie denn so zeigt, wie es dieser Fotograf tut.

Hechenblaikner hat mal in der englischen Zeitung The Independent diesen Satz gesagt: »Die Fotografie ist meine Waffe, um etwas zu verändern.« Was ist das für ein Kampf, den der österreichische Fotograf da ausficht? Es ist natürlich ein Kampf, den viele von uns kennen, es ist ein Kampf für etwas, ein Kampf, der scheinbar wenig Aussicht auf Erfolg hat. Man sieht hin, und man sieht wieder weg. Der Gang der Dinge scheint unaufhaltsam.

Was aber kann Fotografie oder die Kunst an und für sich? Wenn sie denn etwas will – was ich an sich für keine schlechte Idee halte. Sie kann die Dinge nur zur Kenntlichkeit entstellen. Und dies tut Hechenblaikner. Die Schlüsse daraus müssen andere ziehen.

Leserkommentare
    • Mutzsch
    • 08. Oktober 2012 15:00 Uhr

    Was geht die Piefke des an? Wir Österreicher verdienen zuerst einmal Geld mit den Touristen.
    In Österreich gibt es Vereine (z.B. der Österreichiche Alpenverein), die für die Bewahrung der Alpenlandschaft eintreten und bei geplanten Neubauten von Sesselliften, Stromtrassen oder Windparks, zum Glück, ein gehöriges Wörtschen mitreden!
    Und nochmals die Frage, wieso denkt ihr Deutschen, da jetzt reinreden zu müssen? Habt ihr keine eigenen Probleme?

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    • helcuge
    • 08. Oktober 2012 15:29 Uhr

    Ich denke, hier wäre es angemessen, den Nationalismus ein bisschen zurückzuschrauben. Schäden an der Umwelt machen an Ländergrenzen nicht halt. Abgesehen davon ist es wichtig, als Konsument das eigene Konsumverhalten gegebenenfalls kritisch zu überdenken. Ob große Infrastrukturprojekte in den Alpen zwecks Skifahren gebaut werden oder nicht, hängt allein von der Nachfrage ab. Das ist nicht die alleinige Entscheidung der Einheimischen. Die Unterscheidung zwischen Österreichern und "Piefkes" macht hier überhaupt keinen Sinn. Es geht allein darum, welcher Meinung die an der Sache Beteiligten sind, unabhängig von der Nationalität.

    Die eigentliche Schwäche des Artikels sehe ich darin, dass wirklich handfeste Probleme im Zusammenhang mit dem alpinen Massentourismus gar nicht erst genannt werden. Es wird quasi vorausgesetzt, dass schon das Vorhandensein von beheizten Sesselliften etwas schlechtes sei. Warum das so ist, erschließt sich mir überhaupt nicht.

    in der man sich über alles und jeden seine Gedanken machen kann und auch darüber reden kann!

    Zum Glück denken nicht alle wie Sie, denn sonst wäre es mit dem Tourismus schnell vorbei...

    Beste Grüße
    FSonntag

    Der Journalist beschreibt doch nur was er in den Alpen erlebt hat. Ausserdem ist der beschriebene Fotograf ein Österreicher.

    Es mischt sich doch kein Deutscher in ihre Angelegenheiten ein. Aber auf der anderen Seite, warum eigentlich nicht. Ihr wollt also nur mit dem Bergen Geld verdienen? Egal was komme.
    Also stellt man Schneekanonen auf. Wow! Was ist das denn für eine Superidee! "Wirf die Motoren an, Jungs! Wir brauchen Schnee!" Was für eine Winteridylle!

    Wer lesen kann [und es auch tut] ist klar im Vorteil.

    "Diese Rede hielt Peer Teuwsen anlässlich der Eröffnung von Intensivstationen im Alpinen Museum in Bern. Die Ausstellung ist bis zum 28. 3. 2013 zu sehen."

    Also nicht die Pifkes sondern die Schweizer machen sich sorgen um die Alpen [an denen die Pifkes übrigens auch einen nicht zu kleinen Anteil haben].

    Darüber hinaus geht die Deutschen dieses Thema schon etwas an, da sie eine Mitverantwortung durch ihre Urlaube dort haben.

    Vielen Dank an die Forumsteilnehmer, die den Bergtroll füttern! Diese Spiezies ist vor lauter Müll vom austerben bedroht.

    Konservatorische Grüße,

    Sphinxfutter :)

    Wie kommen Sie darauf, dieser Artikel sei von "Piefkes" geschrieben?

    Ein Klick auf den Autornamen:
    Peer Teuwsen - Redakteur Schweiz-Seiten DIE ZEIT

    Und ein paar Zitate aus dem Text:
    "Wir kennen das auch, mitunter einfach in einem anderen Preissegment. Waren Sie schon mal in St. Moritz zum Skifahren? [...] Und es wird auch hierzulande kräftig am Umbau zur Spaßindustrie gearbeitet. In Lenk im Simmental etwa will man in den nächsten vier Jahren 55 Millionen Franken investieren."
    "Auch in der Schweiz sind die Berge ein Mythos, der heute aber vor allem der Beförderung touristischer Zwecke dient."
    "Ja, hier in Bern entsteht vor unseren Augen ein neues Museum [...]"

    Für mich klingt das eher wie aus schweizerischer Sicht geschrieben als aus deutscher.

    Und so oder so vor allem auch selbstkritisch.

    Sind Sie sicher, dass Sie den Artikel überhaupt ganz gelesen haben, bevor Sie die "Piefkes" (ansonsten ja völlig zurecht) beschimpfen?
    "

    Wenn sich Deutsche in Österreich engagieren gibt es wenigstens keinen totalen Krieg, so wie umgekehrt.
    (Schwarzer Humor for the win^^)

    • helcuge
    • 08. Oktober 2012 15:29 Uhr

    Ich denke, hier wäre es angemessen, den Nationalismus ein bisschen zurückzuschrauben. Schäden an der Umwelt machen an Ländergrenzen nicht halt. Abgesehen davon ist es wichtig, als Konsument das eigene Konsumverhalten gegebenenfalls kritisch zu überdenken. Ob große Infrastrukturprojekte in den Alpen zwecks Skifahren gebaut werden oder nicht, hängt allein von der Nachfrage ab. Das ist nicht die alleinige Entscheidung der Einheimischen. Die Unterscheidung zwischen Österreichern und "Piefkes" macht hier überhaupt keinen Sinn. Es geht allein darum, welcher Meinung die an der Sache Beteiligten sind, unabhängig von der Nationalität.

    Die eigentliche Schwäche des Artikels sehe ich darin, dass wirklich handfeste Probleme im Zusammenhang mit dem alpinen Massentourismus gar nicht erst genannt werden. Es wird quasi vorausgesetzt, dass schon das Vorhandensein von beheizten Sesselliften etwas schlechtes sei. Warum das so ist, erschließt sich mir überhaupt nicht.

  1. in der man sich über alles und jeden seine Gedanken machen kann und auch darüber reden kann!

    Zum Glück denken nicht alle wie Sie, denn sonst wäre es mit dem Tourismus schnell vorbei...

    Beste Grüße
    FSonntag

  2. Der Journalist beschreibt doch nur was er in den Alpen erlebt hat. Ausserdem ist der beschriebene Fotograf ein Österreicher.

    Es mischt sich doch kein Deutscher in ihre Angelegenheiten ein. Aber auf der anderen Seite, warum eigentlich nicht. Ihr wollt also nur mit dem Bergen Geld verdienen? Egal was komme.
    Also stellt man Schneekanonen auf. Wow! Was ist das denn für eine Superidee! "Wirf die Motoren an, Jungs! Wir brauchen Schnee!" Was für eine Winteridylle!

  3. Wer lesen kann [und es auch tut] ist klar im Vorteil.

    "Diese Rede hielt Peer Teuwsen anlässlich der Eröffnung von Intensivstationen im Alpinen Museum in Bern. Die Ausstellung ist bis zum 28. 3. 2013 zu sehen."

    Also nicht die Pifkes sondern die Schweizer machen sich sorgen um die Alpen [an denen die Pifkes übrigens auch einen nicht zu kleinen Anteil haben].

    Darüber hinaus geht die Deutschen dieses Thema schon etwas an, da sie eine Mitverantwortung durch ihre Urlaube dort haben.

  4. die Kalkalpen auf dem status quo konservieren, einfach herrlich.
    Schlichte Geister der Bergwelt, die man nur schwer wieder los wird.

    Das eigentlich Schlimme dabei, die Alpen wandern jedes Jahr mindestens 1-2 cm nach Norden und 8 - 30 mm in die Höhe, wenn nicht gerade wieder ein großes Stück davon auf einer der Decken(Lechtal; Inntal etc)abrutscht.

    Angesichts der evidenten Gefahr durch den fortwärenden Stabilitätsverlust der alpinen Decken (Tektonik & Verkarstung) sollten dort alle glücklich über möglichst geringe Niederschläge sein, aber auch Schneekanoneneinsatz befördert die Verkarstung....

    MFG KM

  5. Vielen Dank an die Forumsteilnehmer, die den Bergtroll füttern! Diese Spiezies ist vor lauter Müll vom austerben bedroht.

    Konservatorische Grüße,

    Sphinxfutter :)

  6. Wie kommen Sie darauf, dieser Artikel sei von "Piefkes" geschrieben?

    Ein Klick auf den Autornamen:
    Peer Teuwsen - Redakteur Schweiz-Seiten DIE ZEIT

    Und ein paar Zitate aus dem Text:
    "Wir kennen das auch, mitunter einfach in einem anderen Preissegment. Waren Sie schon mal in St. Moritz zum Skifahren? [...] Und es wird auch hierzulande kräftig am Umbau zur Spaßindustrie gearbeitet. In Lenk im Simmental etwa will man in den nächsten vier Jahren 55 Millionen Franken investieren."
    "Auch in der Schweiz sind die Berge ein Mythos, der heute aber vor allem der Beförderung touristischer Zwecke dient."
    "Ja, hier in Bern entsteht vor unseren Augen ein neues Museum [...]"

    Für mich klingt das eher wie aus schweizerischer Sicht geschrieben als aus deutscher.

    Und so oder so vor allem auch selbstkritisch.

    Sind Sie sicher, dass Sie den Artikel überhaupt ganz gelesen haben, bevor Sie die "Piefkes" (ansonsten ja völlig zurecht) beschimpfen?
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