Es war Ende November vergangenen Jahres, da verschlug es mich in die Berge, genauer: nach Lech am Arlberg. Ich musste an irgendeiner Medienkonferenz teilnehmen, das sind so Anlässe, die vor allem dazu dienen, die kalten Betten in der Zwischensaison zu füllen, und das macht man sehr gern mit Journalisten, die könnten ja noch ein bisschen mediale Aufmerksamkeit abwerfen.

Es war ein herrlicher Tag, und da noch kein Schnee lag, beschloss ich, eine nachmittägliche Konferenzpause dazu zu nutzen, mit einem Freund eine Wanderung zu unternehmen. Wir fuhren mit der Seilbahn auf den Rüfikopf. Unter uns lagen die grünen Matten, die hin und wieder mit weißen Flecken durchbrochen waren. Wir waren die einzigen Gäste eines Hutzelmännchens, dessen alleinige Aufgabe darin bestand, einen Knopf zu drücken, der unsere Abfahrtbereitschaft signalisierte. Den Rest machte die Maschine. Wir fragten den Mann, was denn das für seltsame Flecken dort unten seien. Er lachte ein krächzendes Lachen. Das sei der hilflose Versuch, Schnee hinzubekommen. Aber es sei sogar für künstlichen Schnee zu warm. Ich fragte ihn, warum er denn so lache? »Weil’s so verzweifelt soan!«, sagte er. Das ganze Dorf zittere, es sei eine riesige Aufregung: Wann wird’s endlich kalt? Dann lachte er wieder in sich hinein. Beim Aussteigen erzählte uns das Männchen noch, man habe im Nachbartal kürzlich einen Sessellift gebaut, einen Sechser mit Haube – aber man habe alles wieder abreißen müssen. »Wissen S’ warum?« Nein. »Weil die Sessel nicht beheizt waren!« Das würden die Leute heute nicht mehr akzeptieren. »Die wollen einen warmen Hintern, auch beim Skilaufen! A Wahnsinn!« Wir stiegen aus und liefen unter einem strahlenden Himmel die Geröllhalden, die im Sommer den Verlauf der Skipisten anzeigen, hinab ins Tal. Es war, ich muss es leider sagen, eine eher trostlose Wanderung.

Warum erzähle ich das? Weil ich mich an diesen Nachmittag in Lech am Arlberg erinnert fühlte, als ich die Bilder von Lois Hechenblaikner angeschaut habe. Diese Bilder, die eine andere Geschichte von den Bergen erzählen, eine Geschichte, die wir nicht so gern sehen, die Geschichte hinter den Postkarten, die wir nach Hause schicken. Die Kehrseite, im wahrsten Wortsinn.

Hechenblaikner stellt seine Großbildkamera auf, um eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte, wie der Mensch sich die Berge zunutze macht, indem er sie zu einer Vergnügungsstätte, zum Rummelplatz für uns Kunden umbaut, inszeniert und banalisiert. Dieser Fotograf zeigt, in kalter, weil realistischer Grausamkeit, die Infrastruktur, die nötig ist, um eine massentaugliche Spaßindustrie herzustellen. Es ist eine Ästhetik des Schreckens, die Hechenblaikner darbietet. Es schaudert einen, wenn man sie anschaut. Man fragt sich unwillkürlich: Wollen wir das wirklich?

Leider schwanken wir immer noch zwischen Albrecht Haller und DJ Ötzi

Und, nebenbei bemerkt, machen Sie es sich nicht zu einfach, indem Sie sagen, diese Disneysierung der Alpen sei ja bloß eine Unsitte der Österreicher, das sei nur im Tirol so, wo Hechenblaikner herkommt, wo er arbeitet. Wir kennen das auch, mitunter einfach in einem anderen Preissegment. Waren Sie schon mal in St. Moritz zum Skifahren? In diesen fellübersäten Skihütten, wo sie Austern schlürfen und Kaviar essen? Und es wird auch hierzulande kräftig am Umbau zur Spaßindustrie gearbeitet. In Lenk im Simmental etwa will man in den nächsten vier Jahren 55 Millionen Franken investieren. Geplant ist unter anderem ein Speichersee für die Beschneiungsanlagen, der 75.000 Kubikmeter Wasser fassen soll.

Hechenblaikners Bilder berichten auch von dieser Verzweiflung, um jeden Preis die weiße Pracht herzustellen, diesem Kampf gegen den Klimawandel. Es sind Bilder, die diese schiere menschliche Verzweiflung dokumentieren, über die der Einheimische in Lech am Arlberg nur noch lachen konnte. Ja, Hechenblaikners Bilder sind traurig, aber sie haben auch einen Witz, es ist der Witz, der jeder Vergeblichkeit anhaftet. Wenn man sie denn so zeigt, wie es dieser Fotograf tut.

Hechenblaikner hat mal in der englischen Zeitung The Independent diesen Satz gesagt: »Die Fotografie ist meine Waffe, um etwas zu verändern.« Was ist das für ein Kampf, den der österreichische Fotograf da ausficht? Es ist natürlich ein Kampf, den viele von uns kennen, es ist ein Kampf für etwas, ein Kampf, der scheinbar wenig Aussicht auf Erfolg hat. Man sieht hin, und man sieht wieder weg. Der Gang der Dinge scheint unaufhaltsam.

Was aber kann Fotografie oder die Kunst an und für sich? Wenn sie denn etwas will – was ich an sich für keine schlechte Idee halte. Sie kann die Dinge nur zur Kenntlichkeit entstellen. Und dies tut Hechenblaikner. Die Schlüsse daraus müssen andere ziehen.