KasselAuf wackeliger Leiter

Eine Ausstellung im Staatsauftrag: Chinesische Künstler zeigen in Kassel, wie frei sie trotzdem sind. von Nikola Helmreich

Eine Skulptur aus der Reihe "Fix" des chinesischen Künstlers Mou Baiyan steht in Kassel auf einer Leiter und scheint in die Neue Galerie hineinzuschauen.

Eine Skulptur aus der Reihe "Fix" des chinesischen Künstlers Mou Baiyan steht in Kassel auf einer Leiter und scheint in die Neue Galerie hineinzuschauen.  |  © Uwe Zucchi/dpa

Die Documenta ist aus und vorbei, wieder gab es Besucherrekorde und heiße Tränen zum Abschied, und nun wird Kassel, so sollte man denken, bis zur nächsten Documenta in einen fünfjährigen Kunstwinterschlaf fallen. Doch nicht so in diesem Jahr, Kassel bleibt wach. Schon wieder gibt es Kunst, große Kunst, bedeutende Kunst. Kunst aus dem fernen China.

Keine Tuschezeichnungen, auch keine Terrakotta-Armee gibt es zu sehen, stattdessen lauter Werke lebender Künstler, verstreut über die vielen Straßen und Plätze und auch Parks der Stadt. Wobei verstreut wohl das falsche Wort ist, die meisten der Installationen sind überaus raumgreifend und schwergewichtig und wurden mit viel Aufwand nach Kassel gebracht. Man kommt halt aus China, dem Riesenreich, in dem alles zwei, drei Nummern größer sein darf. Der 27-jährige Bi Heng zum Beispiel präsentiert ein Guan Gong betiteltes Werk, knapp zehn Meter hoch und vier Tonnen schwer – ein Riesenauto mit menschlicher Statur in Roboteroptik, wie man es aus der gleichnamigen Comicserie und den Action-Filmen Transformers kennt. Hier knallt chinesische Geschichte auf westlichen Mainstream, so scheint’s. Denn so überdimensional und vielleicht auch ein wenig platt die Skulptur auf den ersten Blick wirken mag, steckt darin doch eine recht subtile Auseinandersetzung mit der Zeit vor der chinesischen Kulturrevolution. Der Robotermensch ist nämlich aus Militärtrucks der Volksbefreiungsarmee der fünfziger Jahre zusammengesetzt. Hier transformiert sich eine längst vergangene Zeit in etwas Gegenwärtiges.

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Fast fünf Monate lang ist diese Ausstellung nun unter dem Titel Alles unter dem Himmel gehört allen zu sehen, hier lässt sich erkunden, was es für chinesische Künstler heißt, den musealen Rahmen zu verlassen und den öffentlichen Raum als Ort ihrer Kunst zu begreifen. Kuratiert wurde die Schau von dem Deutschen Klaus Siebenhaar zusammen mit seinen chinesischen Kollegen Yu Ding und Fan Di’an. Eine interessante Unternehmung, sollte man denken. Doch auch eine, die nicht ganz unproblematisch erscheinen könnte. Denn diese Ausstellung hat einen höchst offiziösen Rahmen, sie soll für China werben, im Rahmen des chinesischen Kulturjahrs. Finanziert wird sie zum größten Teil von der China Construction Bank – und vom chinesischen Kulturministerium. Die Kuratoren beteuern zwar, sie seien vollkommen frei in der Auswahl der Künstler gewesen. Es habe auch keinerlei staatliche Aufsicht oder Einmischung gegeben. Das Ganze sei als ein betont weltoffener Versuch zu verstehen, die übliche, westliche Sichtweise mit all den China-Klischees ein wenig aufzulösen. Doch verändert es nicht vor allem den Blick auf die Kunst, wenn man weiß, dass hier nicht eine gewöhnliche Ausstellung, sondern im weitesten Sinne ein Staatsauftrag zu besichtigen ist?

Die Kunst, zum Glück, lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Vor allem dann nicht, wenn sie mit einiger Selbstironie auftritt, etwa bei Mou Baiyan. Er zeigt an der Fassade der Neuen Galerie einen Fat Man, einen 300-Kilo-Koloss, der eine acht Meter hohe Leiter hinaufkraxelt, um einen Blick durch das Fenster des Museums zu werfen. Ein Spiel mit dem Betrachten und mit dem Betrachter: Der Besucher schaut auf den chinesischen Dicken, der wiederum die westliche Kunst betrachtet. Ganz im Sinne vieler hier vertretenen Künstler, für die Kunst in jedem Fall massenkompatibel zu sein hat, ließ der Künstler auch Miniaturseifen seines fetten Mannes anfertigen.

Nun ist Kassel aber nicht nur Documenta-Stadt, sondern auch Ai-Weiwei-Stadt. Vor fünf Jahren war der wohl bekannteste chinesische Künstler und Dissident eingeladen und blieb vielen mit seinen Großaktionen in Erinnerung. Das wissen auch die Künstler, die jetzt hier ausstellen. Ist es also mutig oder fahrlässig, ausgerechnet hier eine solche Ausstellung stattfinden zu lassen? Weder noch, es scheint eher berechnend, was auf absurde Weise angenehm ist, denn zu sehen ist ja nicht die übliche Klischeekunst mit viel Mao und noch mehr grinsenden Chinesengesichtern. Vielmehr zeigen teils sehr junge Künstler, wie sie nach ihrer Identität suchen – zwischen der längst zerrütteten Tradition des Landes und den sich rasant entwickelnden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Und wie sie den Spagat proben zwischen den kommerziellen und den staatlichen Interessen. Viele werden einerseits von Privatsammlern verehrt und haben sich einen Ruf als freie Künstler auf einem weitgehend freien Kunstmarkt erarbeitet. Anderseits bekommen manche auch Aufträge staatlicher Institutionen, und im Hinterkopf führt die Partei ihr Eigenleben.

Zumindest etwas von dieser Spannung spürt man am eigenen Leib, wenn man am Fulda-Ufer entlangspaziert, wo Chen Wenling zwei surrealistische Riesenskulpturen errichtet hat, die wie die Gebilde beim silvesterlichen Bleigießen in Übergröße wirken. Wenn man so schaut und betrachtet, muss man auf seine Füße achten, Hunderte Kastanien pflastern den Weg und machen ihn zu einer halsbrecherischen, wenn auch idyllischen Murmelbahn.

Während man so dahinglitscht, fragt man sich, ob es überhaupt so etwas gibt wie chinesische Kunst. Vieles, was hier zu sehen ist, fügt sich trotz der Größe in den Rahmen der Stadt und wird dem Sinn der Public Art gerecht, nämlich das urbane, geschichtliche und gesellschaftliche Umfeld aufzunehmen. Auch die Themen der chinesischen Künstler unterscheiden sich nur selten von denen ihrer westlichen Kollegen, oft geht es um Lebens- und Leistungsdruck, um Identität und das Zurechtfinden in der Gesellschaft. Der offizielle Rahmen ist das eine. Das andere aber ist diese Kunst, die einen neugierig macht auf mehr. Die einen berührt oder abstößt. Kunst von jungen und von arrivierten Künstlern, die man in jedem Fall gesehen haben sollte.

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Leserkommentare
  1. bitte die Kunstwerke nicht zu berühren.

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  • Quelle DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41
  • Schlagworte Ausstellung | Künstler | Kunst | China
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