Bernadette La HengstDie Unterjublerin

Heiter bis wolkig klingt sie nur an der Oberfläche. In Wahrheit ist Bernadette La Hengst die Queen des "Diskursschlagers". von 

Zwischen Hauptstrom und Seitenarm: La Hengst in ihrem Element

Zwischen Hauptstrom und Seitenarm: La Hengst in ihrem Element  |  © Christiane Stephan

Mit soziokultureller Relevanz in populärer Musik ist es so eine Sache. Zu viel davon schreckt anspruchslose Konsumenten schnell ab, zu wenig dagegen die anspruchsvolleren. Wer also weder steife Protestsongs noch Hitparadengedudel machen will, wäre gut beraten, einen Mittelweg zu finden: Gesellschaftskritik muss ihre Botschaft nicht gleich aus der Titelzeile herausbrüllen. Mit etwas Geschick erreicht man dann die einen, ohne andere zu vergraulen. Davon weiß kaum jemand bessere Lieder zu singen, als Bernadette La Hengst.

Nicht dass die Hamburger Musterschülerin von einst mit ihrem Winkelzug, politische Parolen in gefällige Klangfolgen zu verpacken, je allzu viele Platten verkauft hätte. Nein – die schöne, schlaue Bernadette steckt in einer selbst kreierten Nische. Man könnte sie »Diskursschlager« nennen, und Hengst, die bis aufs frankophone »La« im Namen wirklich so heißt, seine ungekrönte Queen. Als feministische Entertainerin mit Mainstreamappeal war ihr der unbedingte Wille zum Subtext ja stets ebenso zu eigen wie unbedingte Hörbarkeit.

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Beispiele dafür lieferte sie bereits Anfang der Neunziger mit der zu früh verblichenen Frauenband Die Braut haut ins Auge. Noch mehr allerdings tat sie es auf Solopfaden, denen nun das vierte Soloalbum entspringt. Es heißt Integrier mich, Baby! und ist eine Art Spin-off mehrerer mit Laiendarstellern realisierter Theaterstücke, mit denen La Hengst, wie sie selbst freimütig einräumt, ihre leidlich lukrative Musikkarriere cofinanziert. Integrier mich, Baby! ist die Quintessenz beider Sphären. Von der Musik her könnte es beim ersten Hören mal wieder alles Mögliche sein. Sogar total unpolitisch.

Integrier mich Baby (Ausschnitt)


Die 14 selbst produzierten Lieder bewegen sich irgendwo zwischen Radiopop und Agitprop, Rosenstolz und Blumfeld, R-’n’-B-Stromlinie und Independent-Ecke. Klanglich geht es überwiegend sonnig zu, gesanglich dagegen herrscht dieses heiter bis wolkige Hengst-Timbre, das mal arg prononciert nach leichter Muse klingt, mal schwer nach gewissenhaftem Songwriting. Sie leiht sich dabei fröhlich Hooklines von Bowie und Tonfolgen von Cher, greift in die Massentauglichkeit wie ein Lilalaunebär in den Honigtopf, streut andernorts Kampfbegriffe wie »Bedingungsloses Grundeinkommen« in alle Leichtigkeit, das, um das Wörtchen »Liebe« ergänzt, aber gleich wieder etwas weniger gentrifizierungskritisch daherkommt.

Bernadette La Hengst schlägt, in einem Wort, die Unterhaltungsbranche mit ihren eigenen Mitteln, und das schwungvoll und versiert. Wenn sie im Titelsong zu süffigem Allerweltspop »Integrier mich, Baby! / Und lass mich in dein Leben / Assimilier mich, Baby! / ich will nicht draußen im Regen stehen« flötet, lautet die Erstassoziation nun mal: Schnulze. Erst beim zweiten Hinhören bemerkt man, dass da nicht Marianne Rosenberg singt, sondern eine Meisterin des Doppelbödigen, und das Stück nicht vom Balzverhalten moderner Großstädter handelt, sondern der Bitte Ausgegrenzter um Teilhabe am Gemeinwesen Ausdruck verleiht, wie sie La Hengst in anderer, nämlich theatralischer Form anno 2003 ans Hamburger Thalia Theater brachte.

Grundeinkommen Liebe (Ausschnitt)


Nun mag es ein Trojanisches Pferd sein, dem bürgerlichen Gegenüber gehaltvolle Botschaften im Glitzersuit musikalischer Arglosigkeit unterzujubeln. Vielleicht handelt es sich aber auch bloß um die Lockerungsübung einer unermüdlichen Politaktivistin: Sich einfach mal jenseits aller musical correctness austoben. Ja, vielleicht speist sich ihr geschmeidiger Zynismus nach all den linksradikalen Großdemos, die das meinungsstarke Showtalent mit ihrem Schwabinggrad Ballett und ähnlichen Projekten anfeuerte, mal nicht aus gezielter Subversion, sondern simpler Spielfreude. So würde sich auch Bernadettes Coverartwork als Knetfigur mit engelsgleich entrücktem Blick unterm biederen Bubikopf erklären: La Hengst war zwischendurch einfach mal nach Scherzen zumute. Zwischen den Zeilen eingeflüstert wird einem noch immer genug. Selbst wenn man ihr Gesamtwerk aus 22 Jahren Nischendasein wissenschaftlich korrekt nach Seichtigkeiten durchforstet – auf unvorsätzlich dusselige Klänge gibt es nicht den geringsten Hinweis. Bei Bernadette La Hengst steckt immer was dahinter. Und seien es großartige Texte hinter manchmal etwas kleinmütiger Musik.

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    • Schlagworte Popmusik | Feminismus
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