DIE ZEIT: Frau Lautenschläger, Bankenregulierung ist das Thema dieser Tage. Peer Steinbrück fordert, dass Großbanken das Investmentbanking vom klassischen Kreditgeschäft abtrennen. Ähnlich argumentiert eine von der EU eingesetzte Expertengruppe. Was halten Sie von derlei Vorschlägen?

Sabine Lautenschläger: Ein Trennbankensystem hat durchaus Vorteile, aber auch einige entscheidende Nachteile. Man muss das gegeneinander abwägen.

ZEIT: Und zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Lautenschläger: Die Abschirmung des Kreditgeschäfts kann es leichter machen, in Schieflage geratene Institute abzuwickeln.

ZEIT: Das klingt doch gut!

Lautenschläger: Ich bin trotzdem skeptisch. In der Regel will man durch ein Trennbankensystem erreichen, dass Fehlspekulationen im Handelsgeschäft nicht mehr das gesamte Finanzsystem bedrohen. Der Staat könnte also die Investmentbank in die Insolvenz schicken, weil ja die für die reale Wirtschaft wichtigen Geschäftsfelder einer Bank abgeschirmt sind. So einfach ist das aber nicht.

ZEIT: Warum nicht?

Lautenschläger: Im Bankgeschäft ist Vertrauen die wesentliche Komponente. Beim Zusammenbruch eines großen Instituts besteht immer die Gefahr, dass der Markt erst einmal stillsteht. Wenn Investoren an den Finanzmärkten infolge der Insolvenz einer Investmentbank das Vertrauen in Banken verlieren, dann werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Kreditbanken abstrafen, selbst wenn keine direkten Geschäftsverbindungen bestehen. So hatten deutsche Finanzhäuser mit Lehman Brothers – einer reinen Investmentbank! – keinerlei direkte Geschäftsbeziehungen und trotzdem nach dem Zusammenbruch des Instituts Probleme, sich zu refinanzieren.

ZEIT: Möglicherweise wäre die Reaktion nicht so dramatisch, wenn wirklich klar wäre, dass es diese Beziehungen nicht mehr gibt.

Lautenschläger: Vielleicht, aber dann gibt es noch andere Arten der Ansteckungen. Auch die Kreditbanken müssen ihr Geld irgendwo anlegen. Wenn sie zum Beispiel in Wertpapiere investiert haben, die auch die Investmentbank gekauft hat, und diese Papiere bei einem Notverkauf durch die Investmentbank erheblich an Wert verlieren, können die Kreditbanken wieder unter Druck geraten.

ZEIT: Ein Trennbankensystem ist eine Schnapsidee?

Lautenschläger: Das habe ich nicht gesagt. Ich bin mir nur nicht so sicher, dass man die abgetrennte Investmentbank wirklich in die Insolvenz schicken kann. Und wenn das nicht der Fall ist, bleibt die Frage, was man durch eine Abtrennung eigentlich gewinnt.

ZEIT: Aber auch die EU-Expertengruppe um den finnischen Zentralbankchef Erkki Liikanen spricht sich für eine solche Abtrennung aus.

Lautenschläger: Wie gesagt, das ist eine Frage der Abwägung. Die Abschirmung kann einige Vorteile bringen. Ein Blick auf die Modelle, die in den USA und in Großbritannien diskutiert werden, zeigt aber auch, mit welchen Schwierigkeiten eine trennscharfe Abgrenzung des Investmentbankings verbunden ist.