WirtschaftspolitikDamit das Wunder weitergeht

Die künftige Führung Chinas will eine neue Strategie für die Wirtschaft finden. Was raten die Ökonomen? von 

Arbeiter in China stellen Laufräder für Kinderfahrräder her.

Arbeiter in China stellen Laufräder für Kinderfahrräder her.   |  © Feng Li/Getty Images

Endlich steht ein Datum fest. Wochenlang hatte das Land gerätselt, jede Kleinigkeit – Blumen auf dem Tiananmen-Platz, mehr Polizisten auf der Straße, ein verschobener Marathon – bot Anlass zu Spekulationen. Am 8. November wird der 18. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas stattfinden, auf dem die alte Führungsriege die Macht übergeben wird. Die Neuen werden sich schon bald mit vertrackten ökonomischen Fragen zu beschäftigen haben.

China wächst so langsam wie seit 2009 nicht mehr, auch wenn es im zweiten Quartal immerhin 7,6 Prozent Wachstum waren. Den Daten, die bislang veröffentlicht wurden – von den Handelsbilanzen über den Strom- und Ölverbrauch bis hin zum industriellen Ausstoß –, ist kein Zeichen dafür zu entnehmen, dass die Dynamik steigt. Ökonomen warnen davor, dass das Land bald am sogenannten Lewis Turning Point angekommen sei. Arthur Lewis hatte in den siebziger Jahren für Japan beschrieben, wie schnell Wirtschaft in sich rasch urbanisierenden Gesellschaften wachse – bis sie an einem Punkt angelangt sei, an dem die Löhne so sehr stiegen, dass das Land seinen komparativen Vorteil verliere.

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Seit einiger Zeit kündigen Regierungsberater »außergewöhnliche Maßnahmen« an, arbeiten sich Ökonomen an dem Gerücht eines weiteren Konjunkturprogramms ab. Die darauf folgende Debatte dreht sich längst nicht nur um die Details eines Stimulus, sondern um die ökonomische Zukunft des Landes.

Für Aufregung sorgt Lin Yifu (Justin), der ehemalige Vizepräsident der Weltbank. Kaum nach China zurückgekehrt, verkündete er, sein Land könne weiterhin um jährlich acht Prozent wachsen. Lin hat in seinem Buch New Structural Economics Chinas Wachstumsweg gefeiert. Das Land verdankt seinen sagenhaften Aufstieg einer Strategie, die auch schon anderen asiatischen Staaten zu Erfolg verhalf: Statt auf Importsubstitution zu setzen und damit auf die Nachfrage aus dem Inland, konzentrierten die Chinesen sich ganz auf den Export. Die chinesischen Arbeiter produzierten billig, sie verdienten nicht viel und konnten wenig konsumieren, dafür kaufte der Rest der Welt chinesische Waren. Den Staat machte diese Strategie reich, er konnte viel investieren und »große Fortschritte in Erziehung, Gesundheit, Armutsbekämpfung erzielen«, so Lin. Das Konzept gelangte aber mit der Finanzkrise von 2008 an seine Grenzen. Mit einem Mal ging die Nachfrage aus dem Ausland zurück. Der Staat sprang mit einem gewaltigen Konjunkturprogramm im Wert von mehr als 500 Milliarden Euro ein. Peking setzte auf Keynes’ Rezepte, ließ Brücken, Bahnen, Straßen bauen. Und tatsächlich gelang es dem Land, die Krise weitgehend unbeschadet zu überstehen.

Das Problem ist, dass die Nachfrage aus dem Ausland seither nicht mehr wirklich anzog. Staatliche Investitionen machen mittlerweile wohl mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Und bei immer mehr Ökonomen mehren sich mittlerweile die Zweifel. Denn während einige Investitionen sinnvoll sind, wirken andere haarsträubend sinnlos. Vor allem aber mangelt es unzähligen Gläubigern an Kreditwürdigkeit. Viele Lokalregierungen konnten sich den neuen Bahnhof, die gewaltige Konzerthalle gar nicht leisen. Niemand kann mit Sicherheit sagen, auf wie vielen faulen Krediten die Banken sitzen. Jetzt hat es sogar die einstige Boomstadt Dongguan erwischt. 60 Prozent der Dörfer in ihrem Einzugsbereich haben so viele Schulden angehäuft, dass sie bald einen Bail-out der Stadt benötigen. Dongguan stehe damit kurz vor dem Bankrott, sagen Forscher der Sun-Yatsen-Universität. Es wäre ein dramatisches Schicksal, galt Dongguan doch als eine der reichsten Städte des Landes. Die Lage ist umso heikler, als eine der wichtigsten Einnahmequellen der Lokalregierungen langsam versiegt. Jahrzehntelang finanzierten sie sich vor allem über den Verkauf von Land, durchschnittlich machte dieser Posten ein Drittel des Budgets aus. »Jetzt aber ist fast kein Land mehr da, das sie verkaufen können«, sagt Yu Jianrong, einflussreicher Soziologe an der Akademie für Sozialwissenschaften.

Alles halb so schlimm, meint Lin, der ehemalige Weltbankmann. »Ob die Projekte des letzten Konjunkturprogramms einen guten oder schlechten Ausgang finden, hängt von Chinas Wachstum ab. Wenn wir ein Wachstum von acht Prozent halten können, werden viele dieser Projekte ein gutes Ende haben.« Über die Schulden müsse sich China dabei nicht allzu viele Sorgen machen, »sie betragen nur 40 Prozent unseres Bruttosozialprodukts, im Vergleich zu den Staatsschulden in anderen Teilen der Welt, ist das sehr wenig«. Auch Li Daokui (David), Exberater der Zentralbank, sieht den Staat in Zukunft stark: »Der Hauptgrund für das wirtschaftliche Abflauen ist nicht so sehr der Rückgang der Exporte als vielmehr, dass die Sachinvestitionen zurückgegangen sind. Solange die Investitionen nur um ein oder zwei Prozent steigen, wird es der chinesischen Wirtschaft sehr viel besser gehen.«

Ein weiteres Konjunkturprogramm also? Ein »außergewöhnliches« gar? Tatsächlich scheint die Regierung vorsichtig geworden zu sein. Zwar hat sie angekündigt, 2000 Kilometer Straßen zu bauen und das Bahnnetz um ein Vielfaches zu erweitern. Geplant aber waren diese Projekte schon seit Längerem. Selbst ein Mitarbeiter der Kommission für Reform und Entwicklung, Chinas wichtigster Planungsorganisation, ließ verlauten, man solle besser nichts Großes erwarten. Offensichtlich orientieren sich Chinas Wirtschaftsplaner derzeit weniger an Keynes denn an Friedrich Hayek, einem österreichischen Ökonomen, der vor den Gefahren staatlicher Investitionen warnte. Die Verunsicherung sitzt tief. »Die meisten Ökonomen sind der Ansicht, dass China einen Wendepunkt erreicht hat«, schreibt Wu Jinglian im einflussreichen Magazin Caixin. »Es gibt einen wachsenden Konsens darüber, dass das alte Entwicklungsmodell nicht mehr weiterführt.«

Leserkommentare
    • Flari
    • 14. Oktober 2012 16:26 Uhr

    Man könnte da ja vielfach auch einfach China durch Deutschland ersetzen..
    Natürlich müsste man dann noch ein paar Zahlen und Begriffe berichtigen.
    Überwiegend nach unten..

    • Chali
    • 14. Oktober 2012 17:21 Uhr

    Also Lewis in seiner Welt von 1970 - 75 mit seiner geschlossenen Volkswirtschaft für China anwendbar zu halten ... JungeJunge, da steht den armen Menschen wohl noch ganz schön Hajek bevor.

  1. Ich finde den Artikel gut. Er wirkt sehr sachlich und stellt halt die aktuelle Situation in einen Zusammenhang mit der Wirtschaftstheorie und gibt ausblicke, wohin es gehen könnte.

    Warum der erste Kommentator wieder meint, man solle sich jede Berichterstattung über China verbieten verstehe ich allerdings nicht ganz.

  2. Das Wunder kann nur weitergehen, wenn China versucht "sein" Yin & Yang immer wieder neu zu entdecken und neu zu beleben. Wenn China beispielsweise kein Rücksicht auf eine Ballance seiner Ressourcen findet, keine Bildung aufs Land mit hoher Qualität stattfinden läßt, Menschen nicht zur Kreativität fördert, sich nur zu bereit als Drehscheibe zur superbilligen Massenproduktion hingibt, Landarbeitern den gesellschaftlichen Aufstieg nur sehr schwer ermöglicht, zu wenig Reife u. Vorbildfunktion von seinen politischen Kadern einfordert u.v.m. ... ist das Wunder bedroht. In der Geschichte Chinas stolperte China vor allem immer wieder über seine eigenen Füße.

    Bislang profitierte China auch an der ungebremsten Gewinnsucht seiner Kunden in der Welt, die nur sehr bereitwillig ihre eigenen Lieferanten regelrecht opferten, um selbst noch billiger einzukaufen. Das hat auch wenig mit Intelligenz, sondern mit einem hochgradigen Egoismus weniger zu tun. Ein Menschenleben ist kurz und der Erkenntnisgewinn einzelner Akteure bescheiden. Ganze Branchen wurden so regelrecht abgeschlachtet oder mußten sich in Lichtgeschwindigkeit anpassen. Deutschland entwickelte sich als Meister einer Patchworkindustrie; andere hatten weniger Fortune.

    Yin & Yang fordern ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Das ist die größte Herausforderung. In der Geschichte fielen Großkulturen und Neue entstanden. Einen gesunden Mittelweg zu finden ist von großem Können geprägt und weiser Zukunftsbeurteilung.

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