Fünf Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center, die mittlerweile als Chiffre für die Rückkehr der Religion ins okzidentale Bewusstsein gelten, hat Peters den Roman Ein Zimmer im Haus des Krieges veröffentlicht. Darin schildert er das Innenleben eines jungen Deutschen, der in den Dschihad zieht. 2009 ließ er Mitsukos Restaurant folgen, eine interkulturelle Liebesgeschichte, geschmückt mit Exkursen über den japanischen Zen-Buddhismus. Jetzt ist der Katholizismus dran. Wir in Kahlenbeck heißt sein neuester Roman. Handlungsort: ein katholisches Jungeninternat 1981 nahe der Grenze zu den Niederlanden.

Was kennzeichnet den Internatsroman? Eine Aufzählung seiner Elemente müsste so beginnen: ein sensibler Junge, erwachende Sexualität, eine Prise Homoerotik, Sadismus, zu dem Schüler wie Lehrer neigen können, tiefsinnige Gespräche, gerne nachts, Verköstigungen, die den Namen nicht verdienen, Freundschaften, deren Tragfähigkeit erprobt wird. Sämtliche dieser bekannten Ingredienzen bietet Peters auf. Darüber hinaus erörtert er den Glauben an Gott als ernsthafte Option für pubertätsgeplagte Jugendliche.

Der Held ist der 14-jährige Carl Pacher. Er könnte ein toller Hecht sein oder ein Heiliger. Es zieht ihn im selben Maße zu den Küchenmädchen wie zu Gott. Das führt ihn einerseits in eine zarte Liebesbeziehung mit der vier Jahre älteren Ulla, andererseits in die Arme Bernhard Kuffels, eines Hardcore-Katholiken, der sich als Abiturient auf die Priesterlaufbahn vorbereitet. Kuffel übernimmt die Rolle des Mentors und führt Carl in die Geisteswelt eines vormodernen Katholizismus ein. Ulla verkörpert die Wonnen der Gewöhnlichkeit. Und Carl? Tut, was die Helden aller Pubertätsgeschichten tun: schwankt wie das Rohr im Winde.

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Das alles ist etwas schlicht und durchsichtig, aber nicht ohne Kunst gemacht. Allerdings mit einer Kunst, die weit zurückgreift. Man könnte die Romankonstruktion gut anhand einer Bachschen dreistimmigen Fuge erläutern. Angefangen mit dem Prolog des Buches, einer Kirchenszene: Vorn von der Kanzel donnert alttestamentarischer Groll, die Oberstimme; in den Kirchenbänken höhnt die Jugend, der Kontrapunkt; und Carl, ohne die Kraft, sich unter ihnen zu Gott zu bekennen, den er doch zu lieben meint, als Mittelstimme. Dieses Prinzip funktioniert natürlich nicht ohne Schematismus, der zu einer totalen Vorhersehbarkeit führt. Der ernsthafte Kuffel kann unmöglich von Gott abfallen, das Küchenmädchen Ulla unmöglich zu Gott finden und Carl unmöglich zu einer Entscheidung kommen zwischen dem Sinnlichen und dem Geistlichen, dem Materiellen und dem Ideellen, dem Althergebrachten und dem Heute.

In der Binnenstruktur des Romans spiegelt sich dieser Schematismus im Rückgriff auf Stereotype. So verläuft die Liebesgeschichte zwischen Carl und Ulla ganz nach altbekanntem Muster. Carl schlüpft anfangs in die Rolle des »verständnisvollen Freundes«, wie Peters als auktorialer Erzähler bemerkt. Das hindert den Autor aber nicht, dieses Muster über mehrere Seiten hinweg durchzudeklinieren. Und wenn ein klassischer Herzensbrecher (Künstlergestalt mit Gitarre) eine Weile dazwischenfunkt, wissen wir schon, dass er Ulla sang- und klanglos sitzen lassen wird und Carl am Ende doch den Zuschlag erhält. Dazu passend sind auch die Sprachbilder bewusst einfach, gelegentlich regelrecht abgegriffen gehalten. Wenn Ulla ihren Zopf entflicht, stürzen ihre Haare »in schweren Wellen« hinunter.

Botho Strauß hielt 1981 angesichts der Überinformation und Zerstreuung in der Moderne »das Grobe und das Gleiche« für das Interessante. Dieser Einschätzung scheint Peters heute zu folgen. Er fällt über den Stil und die Komposition des Romans die Entscheidung, vor der sein Held Carl steht, zugunsten des Kuffelschen Antimodernismus. Das kann man verstehen. Provinziell ist es trotzdem.