Neue Debussy-EinspielungSchluss mit dem Impressionismus!

Der Pianist Alexei Lubimov zeigt auf alten Flügeln, wie durchtrieben Debussy in Wahrheit war. von Volker Hagedorn

Der Pianist Alexei Lubimov

Der Pianist Alexei Lubimov  |  © Peter Laenger/ECM Records

Wenn Pianisten mit Bleifuß auf dem rechten Pedal im Mondlicht baden und im Pausengespräch verständig das Wort »Impressionismus« fällt, dann steht Claude Debussy auf dem Programm. Übertrieben gesagt, zugegeben. Aber wesentlich besser steht es nicht um die öffentliche Wahrnehmung des großen französischen Jubilars, geboren vor 150 Jahren und gestorben mit 57. Am wenigsten, was seine Klaviermusik angeht. Starpianisten wie Lang Lang pflegen ihn, wenn überhaupt, als einen besseren Salonlöwen, obwohl Debussy Virtuosität und Schwärmerei allenfalls als ironisches Zitat erträgt und die Farben so reflektiert zusammensetzt wie sein malender Zeitgenosse Paul Cézanne.

Auf welchen Instrumenten kann man diese Farben realisieren? Die tonangebenden Hersteller haben den Klang zur Brillanz, Tragfähigkeit und Einheitlichkeit getrieben. Vollgriffige Akkorde klingen auf einem neuen Steinway wie verspiegelte Betonwände, auch das tut Debussy nicht gut. Für den Pianisten Alexei Lubimov kam darum von vornherein kein moderner Flügel infrage, als er für ECM sein Debussy-Projekt plante. Der Russe, der sich für historische Instrumente und zeitgenössische Komponisten gleichermaßen interessiert, hat nun beides zusammengebracht. Auf einem Bechstein von 1925 und einem Steinway von 1913 legt er Debussys Modernität frei.

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Es ist schon eine Wohltat, auch nur der Basslinie zu Anfang des Premier Livre der Préludes zu lauschen. Jeder Ton hat ein spezifisches Gewicht, eine Kontur, eine Oberfläche, man glaubt sie berühren zu können wie einen rauen Stein, eine eigene Farbigkeit. Die Achtel, die dann in der rechten Hand herunterwandern, kommen merklich aus einem anderen Register. Man spürt, wie sie entstehen, angeschlagen werden, es ist ein Instrument. Gerade bei Debussy ist es gar nicht desillusionierend, zu hören, dass Töne »gemacht« werden, es führt einen dorthin, wo sie gedacht werden und wo Debussy auch ein Dichter ist, so, wie der von ihm verehrte Stéphane Mallarmé schreibend komponierte. Es geht um die präzise Annäherung an Gedanken, an Wahrnehmungen.

Claude Debussy (1862-1918) auf einem Foto von etwa 1901

Claude Debussy (1862-1918) auf einem Foto von etwa 1901  |  © Henri Manuel/Getty Images

Im Booklettext erinnert Jürg Stenzl daran, dass Debussy die »Titel« seiner Préludes nur in Klammern unter die Stücke setzte, Wegmarken zwischen »absoluter« und »poetischer« Musik. Und Lubimov hält die Stücke offen. Man bekommt Lust, die Noten mitzulesen. Wobei sich erweist, dass der Pianist viele sehr leise Passagen mindestens ins Mezzopiano hebt. Tja, kaum wird der Hörer mal mit Feinheiten verwöhnt, will er gleich mehr davon! Kriegt er ja auch. Eine Versunkene Kathedrale etwa, die wie die Fotografie eines Phantoms wirkt. Und L’après-midi d’un faune wird in Ravels Bearbeitung für zwei Klaviere (mit Alexei Zuev) zur Abstraktion, nicht zur Illustration des Mallarmé-Gedichts. 

Man entdeckt, wie durchtrieben Claude Debussy sich selbst zitiert (Mondlicht!), den Pickwickiern des Charles Dickens huldigt und sich am Schluss des Deuxième Livre (1912) seiner Préludes zwischen Erik Satie und Charles Ives bewegt: Ein Feuerwerk ironisch inszenierter Virtuosität erlischt in einem gischtspritzenden Glissandoabsturz und wie von einem fernen Volksfest, und verlangsamt hört man einen Fetzen Marseillaise. Ausgerechnet die Töne zu »formez vos bataillons« wehen da einsam über die Fläche, im Licht eines Spätnachmittags, lange Schatten im Bass, es ist wie der Rückblick auf ein Zeitalter. Aber nur als knappe Notiz. Und kein bisschen impressionistisch.

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    • Schlagworte Klassik | Claude Debussy | Pianist
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