Man darf sich den Autor Clemens Setz nicht zu gutartig vorstellen. Schon der Grundeinfall seines neuen Buches ist eine Provokation, deren Wirkung so sicher ist wie die eines Schlags in die Magengrube.

Der Titel Indigo stammt von einem Begriff aus der Esoterik-Szene und geht auf die Vision einer Amerikanerin zurück, die erstmals 1982 bei bestimmten Kindern eine indigofarbene Aura wahrgenommen haben will; sie hat diese Kinder später als Sendboten der Zukunft, einer neuen spirituellen Zivilisation beschrieben. Es war selbstverständlich, dass sie es in der Gegenwart nicht leicht haben konnten, zumindest auf Unverständnis und Ablehnung stoßen mussten.

Auf dieser Prophezeiung beruht noch heute eine Flut von Erziehungsratgebern. Alle Eltern, deren Kinder als schwierig und verhaltensauffällig gelten, werden dort mit der Vermutung getröstet, dass es sich um sogenannte Indigo-Kinder handeln könnte, die in Wahrheit hochbegabt und mit übersinnlichen Fähigkeit ausgestattet seien.

Diese Quelle von Trost und Kitsch hat Clemens Setz jetzt gründlich vergiftet. Die Indigo-Kinder, die seinen Roman bevölkern, haben zwar eine außergewöhnliche Aura, aber ihre Wirkung besteht vor allem in Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Migräne, die sie bei jedem auslösen, der ihnen zu nahe kommt. Indigo-Kinder sind im Wortsinne zum Kotzen. Clemens Setz spricht von Müttern, die spontan in den Kinderwagen speien, wenn sie sich zu tief über ihr Baby beugen.

Eltern, die zu lange mit ihren Sprösslingen unter einem Dach leben, werden ernsthaft krank; es kann zu lebensbedrohlichen Durchfällen und Ekzemen kommen. Man muss die Kinder in weitab gelegene Internate schaffen, wo sich die Lehrer ihnen nur auf Sichtweite nähern. Wenn die Eltern sie nicht zurückhaben wollen, werden sie von speziellen Agenturen fortgeschafft; und zwar wahrscheinlich für besonders fiese medizinische Experimente verkauft, die darin bestehen, mithilfe der Indigo-Kinder Menschen zu foltern.

Es wird sich zeigen, wie die Esoterik-Szene diesen Angriff auf ihr verkitschtes Weltbild verkraftet. Jedenfalls spielt der Roman mit zahlreichen Science-Fiction-Motiven just in der Zukunft, von der die Indigo-Kinder zeugen sollen, und er hat auch eine Vermutung, worin ihre besondere Zukunftstauglichkeit einerseits und ihre abscheuliche Wirkung andererseits besteht. Indigo-Kinder kennen keine Empathie. Sie sind für Empfindungen anderer völlig unzugänglich. Der Prozess der Zivilisation, der für die menschliche Gattung nach und nach die Gesetze der Wildnis, der Selektion, des erbarmungslosen Überlebens außer Kraft gesetzt hat, hat diese Geschöpfe nicht verändert. Sie sind Fossilien unserer Gattung. Sie haben, wie Quastenflosser oder andere archaische Tierarten, an denen die Evolution vorübergegangen ist, in irgendeinem schlammigen Winkel überlebt – und nun, in einer wieder barbarisch werdenden Zeit, steigen sie aufs Neue empor, als gäbe es eine Ahnung in unser aller Erbgut, dass ihre Stunde gekommen sei.

Das ist sie indes entschieden nicht. Der neualte Mensch, das Indigo-Kind, ist in diesem Roman Täter nur durch seine genetische Besonderheit; in allem Übrigen wird er Opfer. Die Zivilisation, wie wir sie kennen, setzt sich auch in der geschilderten Zukunftswelt brutal gegen die Sonderlinge durch. Sie werden als medizinisches Problem ausgegrenzt, verschleppt, missbraucht. Manche überleben als »ausgebrannte Fälle« – eine wunderbar plausibel-zynische Wortprägung für Indigo-Kinder, die als Erwachsene ihre krank machende Aura verloren haben. Ausgebrannte Fälle können durchaus Karriere machen, in der Wirtschaft vorzugsweise, aber auch als Künstler von der sadistischen Restenergie ihrer Veranlagung profitieren. Die meisten Indigos verschwinden, bleiben verschollen in obskuren Laboren oder den Fängen internationaler Menschenhändler. Man könnte versuchsweise die Interpretation wagen, dass Clemens Setz die moderne Zivilisation für noch teuflischer hält als unsere satanischen Ururahnen.