Demografischer WandelBesser leben im Alter

Bundeskanzlerin Merkel hat zu ihrem ersten Demografiegipfel geladen. Vor welchen Herausforderungen steht Deutschland zurzeit? von 

Zwei ältere Fußgängerinnen in Berlin

Zwei ältere Fußgängerinnen in Berlin  |  © Sean Gallup/Getty Images

Vor einigen Jahren wurde ständig in düsterer Tonlage über die alternde Gesellschaft gesprochen. Nun ist viel von ihren Chancen die Rede, auch bei der Kanzlerin. Waren die Warnungen übertrieben?

Einiges hat sich tatsächlich geändert: die Rente ab 67, die gesenkten Lohnnebenkosten und der Abschied von der Frühverrentung. Dadurch ist das Schreckensszenario einer Gesellschaft, in der wenige Junge viele Alte finanzieren müssen, weniger wahrscheinlich geworden. In den letzten Jahren gab es ein kleines Jobwunder bei den Älteren: In der Zeit seit 2005 entstanden gerade mal 250.000 Jobs für unter 25-Jährige, aber 1,7 Millionen Stellen für diejenigen, die 55 oder älter sind.

Auch die Glücksforschung hat eine Rolle gespielt für den freundlicheren Blick auf das Alter. Verschiedene Studien haben ergeben, dass Lebensfreude und Zufriedenheit in der Lebensphase zwischen 30 und 45 viel geringer sind als in den Jahren davor. Ab 46 geht es wieder bergauf. Es sieht also so aus, als ob viele Deutsche das Älterwerden tatsächlich genießen könnten.

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  Was müsste noch getan werden, damit Deutschland gut vorbereitet ist auf den demografischen Wandel?

Der Streit über eine langfristig drohende Altersarmut hat gezeigt, dass Geringverdiener im deutschen Rentensystem sehr schlecht abschneiden. Das wollen alle Parteien ändern. Abgesehen davon hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auf diese Frage eine interessante Antwort gegeben. Die sogenannten Wirtschaftsweisen hatten zusammengetragen, wie sich die Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung auf die verschiedenen Bereiche des Staates auswirken – auf den Haushalt wie auf die verschiedenen Sozialsysteme. Dabei stellte sich heraus, dass die größten Risiken nicht etwa bei der Renten- oder Pflegeversicherung entstehen, sondern im Gesundheitssystem . Denn je älter Menschen werden, umso häufiger sind sie krank. Und dass Männer und Frauen immer länger leben, zeigen die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts . So stieg in den letzten zehn Jahren die Lebenserwartung in Deutschland etwa alle fünf Jahre um ein Jahr an. Normalerweise wachsen damit auch die Gesundheitsausgaben. 100-Jährige sterben nun einmal nicht ohne Krankengeschichte.

Die Geburtenrate steigt nicht, obwohl der Staat immer mehr Geld für Familien ausgibt und die Betreuungsangebote ausweitet. Kann Politik junge Paare überhaupt zur Familiengründung animieren?

Auch die meisten Experten können diese Frage nicht sicher beantworten. Auf Demografie -Kongressen werden deshalb zu fortgeschrittener Stunde oft schlüpfrige Witze gemacht. Es heißt dann, die hohen Geburtenraten in Skandinavien oder Frankreich erklärten sich durch die langen Winternächte in Nordeuropa oder die Liebhaberqualitäten französischer Männer. Hinter diesen Bemerkungen verbirgt sich Hilflosigkeit. Sicher ist aber, dass das deutsche System schlecht funktioniert, schließlich geben wir besonders viel Steuergeld für Familien aus – ohne dass sich dies positiv auf Geburtenraten, Kinderarmut oder die Qualität des Bildungswesens auswirkt.

Die SPD-Linke und die Gewerkschaften fordern vehement, dass das Rentenniveau auf lange Sicht nicht, wie einst beschlossen, auf etwa 43 Prozent abgesenkt wird. Das Niveau soll bei 50 Prozent der Bruttolöhne bleiben, damit weniger Menschen von Altersarmut bedroht sind. Ist das vernünftig?

Auf den ersten Blick ist die Idee nicht abwegig, denn die deutschen Rentenpolitiker haben vor einigen Jahren besonders entschlossen reformiert – mit dem Ergebnis, dass das Rentenniveau bei uns im Vergleich zu anderen Industrieländern in Zukunft eher niedrig sein wird. Allerdings ist der Vorschlag von SPD-Linken und Gewerkschaften sehr teuer. Die Beitragszahler müssten ungefähr 23 Milliarden Euro mehr als geplant ins System einzahlen, die Rentenbeiträge müssten dafür um zwei Prozentpunkte steigen.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 04. Oktober 2012 19:43 Uhr

    ...in den derzeitigen Formen zu fördern.
    Das ist nur rausgeschmissenes Geld, die Kosten werden mehr, die Kinder immer weniger.
    Irland hat in den EUROStaaten die höchste Geburtenrate und die zweithöchste in Europa - Tendenz trotz Krise und hoher Arbeitslosigkeit weiter steigend - und dort gibt es nichts, im Vergleich zu dem was einem in Deutschland zusteht. Dazu kosten Schule und Uni ein vielfaches im Vergleich und trotzdem steht Irland weltweit(!)auf Platz Zehn im OECD Ranking von Menschen mit Uniabschluss.
    Geld ist also bestimmt nicht die Antwort!

    Und von diesem Gipfel hätte ich gerne erfahren wie man die Beamtenpensionen bezahlen will die in den nächsten 20 Jahren fällig werden...

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    . . .wäre der Weg zu einer Lösung heraus zufinden, wie es dort zu dieser höheren Geburtenrate kommt. Was motiviert die Menschen dort?

  1. Wir sind heute viel produktiver mit viel weniger Arbeitern, das ist fakt! Schaut man sich die großen Werke von Dailmer, BMW, Siemens & Co. an und Bilder vor Jahrzehnten wird merken wie wenige dort noch sind.

    Das immer mehr Geld für Kinder ausgegeben wird? Ja für ADHS Tabletten, dafür das die Eltern (wenn sie verdienen) gut für die Kinder zahlen müssen und das wiederum wieder den Eltern fehlt als auch andere Kosten da ist was dran!

    Es leben sieben Millarden Menschen auf die Planeten.

    Das Klima wird sich wandeln, den man kann es nicht aufhalten, und dann werden wir sowie die Niederländer und Belgier bei uns eingliedern müssen.

    Wir sollten auf Klasse statt auf Masse setzten.

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    • R.B.
    • 04. Oktober 2012 19:57 Uhr

    dieser gesellschaftlichen Aufgabe des demographischen Wandels fehlt immer dasselbe: Ein Grundrentensystem für alle: Arbeiter, Angestellte, Selbständige, Beamte.

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    • ST_T
    • 05. Oktober 2012 0:34 Uhr

    Solidargemeinschaft klingt sehr positiv, aber haben Sie jemals über ihre Forderung nachgedacht?

    Renteneinzahlung für Beamte?
    Beamte verzichten auf verschiedene Arbeitnehmervorteile, unter anderem Streikrecht und auch einen höheren Netto-Lohn.
    Eine Einführung der Versicherungspflicht für Beamte würde nur in extremen Lohnsteigerungen resultieren, bei denen der Effekt bereits der selbe wäre. Also entweder gibt man den Beamten alle Rechte eines regulären Arbeitnehmers, oder aber man lässt diesen Unsinn sein.

    Renteneinzahlung Selbstständige?
    Klingt ja schon sehr toll, nur, dass die Selbstständigen bereits einen hohen Teil an Steuern zahlen. Was Sie wohl im Blick haben sind die netten Dinge wie Gewerbeerleichterungen usw...
    Aber was ist mit dem Großteil der Selbstständigen die relativ gut zum Leben Geld verdienen, aber keine R-Versicherung wünschen/bezahlen können?
    Hierbei sind vor allem Neueinsteiger in das Berufsleben betroffen die sich derartige Vorsorge nicht leisten können.
    Vielleicht erst 2-3 Jahre nach dem Berufseinstieg, doch Deutschland lebt von der Innovation der Unternehmen.
    Ihr Vorschlag würde nur darin resultieren, dass der Teil gut verdienender Selbstständiger sich ins Fäustchen lacht während der Großteil der Menschen keine Möglichkeit mehr hätte, selbstständig tätig zu sein.
    Ich denke, sie können sich nur im Entferntesten die Belastungen für die Mittelstandsunternehmen vorstellen...

    • Thetis
    • 04. Oktober 2012 20:01 Uhr

    bedeutet jedes Kind zusätzliches Netto-Einkommen.
    Ein ein-, zwei- oder dreijähriges Kind kostet an Essen und Bekleidung fast gar nichts. Besonders wenn ältere Geschwister da sind, keine Windeln oder teure Babynahrung gebraucht werden. Es braucht kaum Platz und hat keine teuren Hobbys. Das teuerste ist die Betreuung, falls es nicht daheim bleiben kann, weil die Mutter arbeiten und Steuern zahlen soll.
    Dies ist der Grund, warum in diesem Millieu pro Frau die meisten Kinder geboren werden. Und wie nur der nicht weiß, der es nicht wissen will, ist der durchschnittlich Bildungsgrad dort am niedrigsten und ebenso der Wille sich Bildung anzueignen.
    Für Familien mit gutem Einkommen ist dagegen jedes Kind ein finanzieller Verlust, das Durchschnittseinkommen der Familienmitglieder sinkt rapide, diese Familien wollen eine qualitativ gute Förderung, wie teuren Musikunterricht, und die Mütter oder Väter, die daheim bleiben oder sich bei der Arbeit einschränken oder auch nur nicht mehr so flexibel sind, zahlen obendrein noch mit entgangenen Karrierechancen.
    Es gibt manche, denen das egal ist, weil für sie das Familienglück alles aufwiegt und die auch viel Zeit mit ihrem Kind verbringen wollen, aber jeder in dieser Elterngruppe weiß, daß er bezüglich Karriere und Einkommen hintendran bleibt und daher wählen ganz viele kein oder ein Kind.

    4 Leserempfehlungen
    • DDave
    • 04. Oktober 2012 20:03 Uhr

    Einige Probleme könnten sehr schnell und sehr einfach gelöst werden. Ein Mindestlohn in allen Arbeitsbereichen wirkt Wunder und entlastet auch den Staat(, weil es weniger Aufstocker gibt).
    Zeitarbeit, ja, aber so geregelt, dass es unwirtschaftlich für Firmen wird Zeitarbeiter nach X Monaten(z.B. 6 oder 12) nicht zu übernehmen.
    Dazu noch die Mentalität beeinflussen, nämlich nicht maximaler Profit, sondern sozialverträglicher Gewinn. Durch diese Druckentlastung könnte man mehr Leute unbefristet einstellen.
    Im Endeffekt ändert sich die beklagte "Kinderlosigkeit" bei Familien, in dem der Staat für sichere, planbare Verhältnisse sorgt. Denn warum sollte man Kinder kriegen, die noch Geld und Nerven kosten, wenn man nicht mal weiss, wie lange man noch den Job hat und nicht morgen mit Hartz4 da sitzt.(oder jetzt schon Aufstocker ist.)

    Eine Leserempfehlung
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    . . .nur der Adressat ist der Falsche. Nicht die Regierung sondern die Arbeitgeber sind angesprochen. Sollte z.B. der Artikel im STERN über die berufliche Behandlung von berufstätigen Frauen die Kinder bekommen richtig, dann gibt es dort viel zu bereden und zu verändern. Die Bundesregierung wird bei Erfolg bestimmt positiv im Sinne der Arbeitnehmer reagieren. So wie es jetzt aussieht werden die Arbeitgeber, deren angebotenen Arbeitsbedingungen und deren Ideen bereits bestehende familienfreundliche Gesetze für die Arbeitnehmer zu torpedieren keine Lösung des Problems zulassen.

  2. . . .wäre der Weg zu einer Lösung heraus zufinden, wie es dort zu dieser höheren Geburtenrate kommt. Was motiviert die Menschen dort?

    Eine Leserempfehlung
  3. . . .nur der Adressat ist der Falsche. Nicht die Regierung sondern die Arbeitgeber sind angesprochen. Sollte z.B. der Artikel im STERN über die berufliche Behandlung von berufstätigen Frauen die Kinder bekommen richtig, dann gibt es dort viel zu bereden und zu verändern. Die Bundesregierung wird bei Erfolg bestimmt positiv im Sinne der Arbeitnehmer reagieren. So wie es jetzt aussieht werden die Arbeitgeber, deren angebotenen Arbeitsbedingungen und deren Ideen bereits bestehende familienfreundliche Gesetze für die Arbeitnehmer zu torpedieren keine Lösung des Problems zulassen.

  4. und solange die Flexibilisierungsparteien gewählt werden, solange macht es keinen Sinn, über Rente zu debattieren, ES WERDEN ZUWENIGE EINZAHLER DA SEIN!, und das weis man. Was hier vorgeführt wird, ist Wahlkampf und Verdummung pur. Natürlich wird das Bevölkerungswachstum weltweit zunehmen, aber warum sollen unsere Kinder mal ohne Alterssicherung dastehen, nur weil die jetzige Rentnergeneration der Meinung ist, dass schon alles richtig gemacht wird. Für die fehlenden Kinder, die das Resultat der Politik der letzten Jahre sind, zahlen wir nun bereits doppelt. Es müssen Mindestsicherungen her, für Alle. Nicht nur Geld, auch Zeit muss wieder planbar werden. Kinder in unsichere Verhältnisse setzen kann man auch als assozial betrachten.

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  • Schlagworte Angela Merkel | CDU | Bundesregierung | Alter | Altersvorsorge | Demografie
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