Dirigenten-LegendeThe Big Stokowski

Magier, Manipulator, Klangfriseur: Ein Dirigent wird wiederentdeckt. von Wolfram Goertz

An einem Sonntagabend im Juni 1957 klopfte es an einer Abteiltür im Schlafwagen Amsterdam-Wien. Drinnen saß ein 24-jähriger Neuling, draußen stand ein 75-jähriger Gigant; sie hatten einander im Frankfurter Hauptbahnhof kennengelernt und ein nächtliches Kolloquium verabredet. Eine denkwürdige Begegnung: Der pianistische Jungspund hatte die Welt mit seiner Neuaufnahme von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen soeben auf links gedreht. Der dirigierende Oldie hatte den Orchesterklang in vielen Jahrzehnten seines Wirkens so luxuriös verfeinert, dass der Jungspund später in einem Essay über den Altmeister schreiben sollte, »dass aus irgendeinem geheimnisvollen Grund seine Schallplatten besser klingen als die der meisten seiner Kollegen«. Bei dem Youngster handelte es sich um den Kanadier Glenn Gould, der Oldie war allerdings kein Rentner, sondern der weiter ungebremst über die Podien turnende englische Dirigent Leopold Stokowski (1882 bis 1977). Der galt bis ins höchste Alter als Haudegen, als drakonischer Erzieher, von dem das Bonmot überliefert ist: »Warum Dirigenten und Generäle so alt werden? Vielleicht liegt es am Vergnügen, anderen seinen Willen aufzuzwingen.«

Für das Label Columbia war General Stokowski in den sechziger und siebziger Jahren noch mehrfach ins Studio gegangen, sogar mit seinem alten Philadelphia Orchestra, das er von 1912 bis 1938 als Chef geleitet hatte. Weitere Aufnahmen kamen mit dem American Symphony Orchestra zustande, das Stokowski 1962 gegründet hatte, sowie mit dem National Philharmonic Orchestra, in dem ihm zu Ehren Spitzenmusiker der namhaften Londoner Orchester mitspielten. Jetzt hat die Sony in einer 10-CD-Edition alle relevanten Stereoaufnahmen dieser späten Jahre Stokowskis herausgebracht. Gould und Stokowski, so viel vorab, begegnen uns in ihrer berühmten Aufnahme von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur aus dem Jahr 1966.

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Hört man diese zehn CDs, gewinnt man einen perfekten Eindruck von Schlackenlosigkeit. Keine einzige windschiefe Intonation, kein Stäubchen unterm Geigenpult, keine vorschnellen Pauken, keine Schlieren auf Bläserlinien. Stokowskis Pingeligkeit war so gefürchtet wie gefeiert, er besaß ein seismografisches Gehör und eine hoch entwickelte Vorstellungskraft für orchestralen Sound, von der später Karajan manches lernen konnte. Freilich verfolgte seine Leidenschaft für den perfekten Klang nicht das Ziel, ihn zur Grundlage irgendeiner Form von Werktreue zu machen. Nein, Stokowski galt als Manipulator, der sich um das Kleingedruckte von Partituren wenig scherte. Das verband ihn mit Gould. Stokowski legte es bisweilen förmlich darauf an, Musik zu frisieren. Seine Bach-Bearbeitungen sind berüchtigt, etwa die Orchesterversion des Choralvorspiels Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, dessen sanfte f-moll-Lyrik bei Stokowski eine herbstliche Melancholie à la sehr frühem Grieg gewinnt. Hübsch. Eher unfroh stimmen einen Stokowskis Interpretationen barocker Originale. Wie er das Brandenburgische Konzert Nr. 5 D-Dur mit bleiernen Ritardandi in einzelne Abschnitte strukturiert, statt den konzertanten Geist zu befeuern, das kann man weder kreativ noch wollüstig finden: Es ist einfach daneben.

Gould nannte jene Bearbeitungen »Transkriptionstravestien«, er hielt Stokowski für einen »Ekstatiker«, der die begrenzte Wirkmacht der Schriftlichkeit predigte. Der Dirigent sagte es so: »Was Komponisten komponieren, existiert nur auf dem Papier. Manche glauben, dass man die Zeichen auf dem Papier bloß mechanisch wiedergeben sollte, aber daran glaube ich nicht. Man muss sehr viel weiter gehen.« Wohin dieser selbst formulierte und vom ihm persönlich abgestempelte Freibrief führen konnte, erlebt man auf CD 6 der Lieferung: unschuldige Kleinodien für Klavier, von Stokowski per Tuning fürs Orchester manövrierfähig gemacht, etwa Claude Debussys Clair de lune, das nun wie der Soundtrack eines beinahe elegischen Films über die Mondlandung von Apollo 11 klingt. Hierbei gibt es einige erlesene Abweichungen vom Original, etwa in der Dynamik, die Gould später mit einer köstlichen Ironie als »patentierte Stokowski-Momente« etikettierte. Dagegen ist Stokowskis Arrangement von Nikolai Rimski-Korsakows Hummelflug eine superbe Lachnummer – aber nicht lächerlich, sondern funkensprühend komisch.

Leserkommentare
    • FranL.
    • 17. Oktober 2012 19:30 Uhr

    Er hat nicht nur Bach "vergewaltigt" sondern auch die Musik zu dem schrecklichen Machwerk "Fantasia" dermaßen bearbeitet, daß selbst Schubert und Beethoven zu einem süßlichen Disneymusikbrei verkommen.

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    Ellens Dritter Gesang.
    Wer ein bisschen von Musik versteht, erkennt sofort Bachs Preludium.

    Man kan sich Fantasia antun, aber es ist nun nicht Maßstab.
    Etwas so werthaltig wie ein "Klassik-Sampler" der Kram, den halt jeder irgendwie kennt ist drauf.

  1. Ellens Dritter Gesang.
    Wer ein bisschen von Musik versteht, erkennt sofort Bachs Preludium.

    Man kan sich Fantasia antun, aber es ist nun nicht Maßstab.
    Etwas so werthaltig wie ein "Klassik-Sampler" der Kram, den halt jeder irgendwie kennt ist drauf.

    Antwort auf "Er ist überschätzt"
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    • FranL.
    • 18. Oktober 2012 20:01 Uhr

    Wenn es nur das unselige "Fantasia" wäre. Auch Stokowskis "richtige" Aufnahmen sind eine Zumutung. Seinen Bachinterpretationen fehlt die ursprüngliche Klarheit, bei ihm wird daraus ein süßlicher Klangbrei, eben das was dabei herauskommt, wenn ein Viktorianer in Hollywood arbeitet. Es ist kein Wunder, daß Stokowski außerhalb des englischsprachigen Raums wenig Anerkennung fand, er war ein Dirigent für Hollywood, nicht für einen "richtigen" Konzertsaal, und daher ist er ein Wegbereiter für die David Garrett und Vanessa Mae (und für solche "Klassiksampler" wie "Klassik zum Entspannen" die man auf Supermarktwühltischen findet.)

    • FranL.
    • 18. Oktober 2012 20:01 Uhr

    Wenn es nur das unselige "Fantasia" wäre. Auch Stokowskis "richtige" Aufnahmen sind eine Zumutung. Seinen Bachinterpretationen fehlt die ursprüngliche Klarheit, bei ihm wird daraus ein süßlicher Klangbrei, eben das was dabei herauskommt, wenn ein Viktorianer in Hollywood arbeitet. Es ist kein Wunder, daß Stokowski außerhalb des englischsprachigen Raums wenig Anerkennung fand, er war ein Dirigent für Hollywood, nicht für einen "richtigen" Konzertsaal, und daher ist er ein Wegbereiter für die David Garrett und Vanessa Mae (und für solche "Klassiksampler" wie "Klassik zum Entspannen" die man auf Supermarktwühltischen findet.)

    Antwort auf "Ach Schubert."

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