SchulessenIss das auf!

10.000 Kinder leiden an Magen-Darm-Erkrankungen. Die Ursache: Nicht geklärt. Aber jetzt wissen wir genau, wie billig und lieblos das Essen für Schulen und Kitas zubereitet wird. von 

Es ist womöglich die größte Krankheitswelle, die hierzulande durch kontaminierte Lebensmittel ausgelöst wurde: Rund 10.000 Kinder, Jugendliche und Erzieher in Ostdeutschland litten unter Brechdurchfall. Bis Redaktionsschluss war nicht vollständig geklärt, was die Ursache für die Erkrankungen ist. Forscher des Robert Koch-Instituts untersuchen derzeit, ob Viren oder giftproduzierende Bakterien die Auslöser sind. Und ob die Schuld beim Caterer Sodexo liegt, der die Schulen von Thüringen bis Brandenburg täglich mit Mittagessen beliefert.

Rund 2.000 Schulen und Kindergärten versorgt das Unternehmen in Deutschland, es gehört zu den Großen in diesem Markt. Man stehe mit den Behörden nach wie vor in intensivem Kontakt, ließ Sodexo am vergangenen Dienstag wissen: »Die Analysen gehen weiter.«

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Doch längst geht es nicht mehr nur um akuten Durchfall, sondern insgesamt um die Qualität der Mahlzeiten an den Essenausgaben der Schulen. Was kriegen unsere Kinder da auf die Teller? Die Verunsicherung ist gewaltig.

Unabhängig vom Elternhaus sollten Schüler täglich eine warme Mahlzeit bekommen und damit auch ein Stück Esskultur lernen. In den rund 16.000 Ganztagsschulen geht es sowieso nicht ohne. Schüler brauchen Energie, um sich über viele Unterrichtsstunden hinweg konzentrieren zu können.

Auf dem Papier sieht Schulessen auch wunderbar gesund aus. In bunten Bildern illustriert die Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ihre Qualitätsstandards für die ideale Schülerspeisung. Vielfältig in Aussehen, Geruch und Konsistenz sollen die Produkte sein, um den Sinn für natürlichen Geschmack zu wecken: Brötchen zu 50 Prozent aus Vollkorn, Naturjoghurt mit nur 1,5 Prozent Fett, Gemüse roh oder bissfest gedünstet, Fleisch vorzugsweise aus artgerechter Tierhaltung. Ernährungsbewusstsein auf jeder Seite.

Die Realität am Mittagstisch ist allerdings eine andere. Wie die Studie »So is(s)t Schule« 2010 zeigt, die das Marktforschungsinstitut iconkids & youth im Auftrag von Nestlé durchgeführt hat, finden Schüler der Klassen 5 bis 10 ihre Kantine lediglich »befriedigend«. Wem es nicht schmeckt, der geht dann doch zum Fast-Food-Laden – wie zwei Drittel der Oberstufenschüler. »Das Essen ist zerkocht, unausgewogen und nicht schmackhaft«, klagen Eltern im Blog des Kochs Tim Mälzer, der sich gerade mit Ernährung an Schulen beschäftigt. »Die Kinder kommen mit leerem Magen und mit schlechter Laune nach Hause.« Der Ökotrophologe Volker Peinelt, der an der Hochschule Niederrhein seit fast zehn Jahren dazu forscht, gibt deutschem Schulessen die Note Mangelhaft.

Denn über Qualität wird zwar viel geredet, den Ausschlag gibt aber letztlich der Preis. Und der soll weder für die meisten Eltern noch für die Kommunen zu hoch sein, die sich oft die Kosten für das Essen teilen. 2,50 Euro werden für eine Portion im Bundesdurchschnitt berechnet. Zudem variieren die Preise je nach Bundesland stark: In Hamburg stehen bis zu 3,50 Euro zur Verfügung, in Berlin haben Caterer protestiert, weil die Bezirke nur 2,10 Euro zahlen wollten. Der aktuellen Kostenstudie zufolge werden für den Einkauf der Waren dort lediglich 50 Cent berechnet. Berücksichtigt man die DGE-Kriterien, brauchte man aber mindestens einen Euro, Peinelt kalkuliert sogar mit 1,50 bis 2 Euro für gute Produkte.

Zwei Drittel der Schulen beauftragen zudem Warmverpfleger, die das Essen fertig kochen und in isolierten Behältern anliefern. Das erscheint einfach und zudem günstig: Die Schule muss sich um nichts kümmern als um die Ausgabe der Teller. Kochgelegenheiten sind nicht nötig. Für das Essen sei das jedoch eine Katastrophe, sagt der Ökotrophologe Volker Peinelt. »Überlegen Sie sich nur mal, wie das abläuft! Damit es sich für den Caterer rechnet, macht er die Portionen um neun fertig, dann beginnt der Lkw die große Tour. Er liefert die Bestellung noch vor der Pause, dann hat die Ausgabe zwei Stunden geöffnet. Bis dahin ist das Gericht an der Grenze der Essbarkeit!«

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