Euro-Krise : Sie haben die Schulden – wir den Profit

Die verschwenderischen Südeuropäer gefährden unseren Wohlstand? Von wegen – ihnen haben wir Deutschen den Reichtum zu verdanken. Ein Essay
Ein Zug mit Neuwagen von VW, die für den Export bestimmt sind (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

Dreihundert Menschen sitzen in der Saarbrücker Congresshalle und sehen zu, wie ein meterhohes Bild auf einer Leinwand erstrahlt. Es zeigt eine lächelnde Frau mit kurzen Haaren inmitten fröhlicher Kinder. Unten auf dem Bild steht ein kurzer, prägnanter Satz. Die Leute im Saal sehen die Frau, sie sehen die Kinder. Sie lesen die Worte, sie murmeln zustimmend. Der Satz gefällt ihnen.

Es sind Funktionäre der saarländischen CDU, die meisten Vorsitzende von Ortsverbänden, die sich an diesem 6. Februar 2012 versammelt haben. Sie sind hier, um Hoffnung zu schöpfen. Nur noch wenige Wochen bis zur Landtagswahl. Die CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, das ist die Frau auf der Leinwand, liegt in den Umfragen zurück.

Die Parteizentrale hat deshalb eine neue Kampagne entworfen, der Satz an der Wand ist ein Teil davon. In den folgenden Tagen wird er im Saarland auf den CDU-Wahlplakaten prangen. Kramp-Karrenbauer wird ihn von Rednerbühnen herunterrufen und in Fernsehkameras und Radiomikrofone sprechen.

Der Satz lautet: »Ich will Zukunft ohne Schulden

Acht Wochen später gewinnt Annegret Kramp-Karrenbauer die Wahl mit überraschend großem Vorsprung. Die Wahlkampagne ist in diesem Moment beendet, der Satz von den Schulden aber verbreitet sich in den folgenden Monaten weiter, manchmal in leicht abgewandelter Form. Der Spitzenkandidat der CDU in Schleswig-Holstein vereinnahmt ihn für sich, die Junge Union in Berlin, die FDP-Fraktion im Bundestag.

Sie alle wollen Zukunft ohne Schulden.

Gut möglich, dass der Satz auch im kommenden Jahr vor der Bundestagswahl an Wänden und Säulen klebt. Wahlplakate sind immer ein Spiegel dessen, was die Leute sich wünschen. Schulden hatten sie schon früher nicht gerne, aber nie klang das Wort so bedrohlich wie jetzt, da die Schulden der Griechen, der Spanier, der Italiener unseren Wohlstand bedrohen und die Angst vor der großen Pleite über allem hängt wie einst die Angst vor dem Atomkrieg.

Zukunft ohne Schulden: Man liest das und denkt an das eigene Land und daran, dass es mit Deutschland nie so weit kommen darf wie mit Griechenland, wo vergangene Woche wieder Blendgranaten und Molotowcocktails flogen. Man denkt an die eigenen Kinder und daran, dass sie ohne finanzielle Last aufwachsen sollen. Man denkt an den eigenen kleinen Wohlstand, das neue Auto zum Beispiel, und daran, dass man sich ihn erarbeitet und nicht auf Pump erschwindelt hat.

An den Leopard 2 denkt man nicht.

Der Leopard 2 ist ein Panzer, produziert von dem deutschen Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann. Er kann vier Meter tiefe Flüsse durchqueren und siebzig Stundenkilometer schnell fahren. Schießen kann er sowieso. Er gilt als bester Panzer der Welt.

Vor vier Jahren hat Krauss-Maffei Wegmann 170 Exemplare des Leopard-Panzers an ein europäisches Partnerland verkauft und dafür 1,7 Milliarden Euro kassiert. Das ist anderthalb mal so viel, wie das Unternehmen normalerweise in einem Jahr erwirtschaftet.

Der Käufer war Griechenland. Schon damals war klar, dass die Griechen den Leopard 2 mit Schulden finanzierten, aber das hat niemanden so recht interessiert. Viel Geld floss nach Deutschland, darauf kam es an.

Die Krisenländer haben viel Geld überwiesen – an VW, Daimler, BMW

Es floss überhaupt eine Menge Geld hierher in den vergangenen Jahren, nicht nur aus Griechenland, sondern auch aus Italien, Spanien, Portugal. Die Italiener zum Beispiel kauften vor Beginn der Krise jedes Jahr rund 450.000 deutsche Autos, die Spanier etwa 330.000, die Griechen und Portugiesen je 50.000. Fast jedes vierte Auto, das die Deutschen damals im Ausland abgesetzt haben, wurde in einen der heutigen Krisenstaaten geliefert. Jene Länder, von denen es heute heißt, sie könnten nicht mit Geld umgehen, haben viel Geld überwiesen, an VW, Daimler und BMW.

Dieses Geld ist nicht in den deutschen Konzernzentralen geblieben, es hat sich weiterverbreitet zu Zulieferern und Dienstleistern der deutschen Automobilindustrie, es hat sich verwandelt in die Löhne deutscher Fließbandarbeiter, in die Gehälter deutscher Manager, in die Dividenden deutscher Aktionäre.

Manche Bundesbürger mögen, ohne es zu wissen, mit dem Geld aus dem Süden ihre Miete bezahlt haben oder eine Urlaubsreise oder ihr neues Smartphone. Andere haben sich vielleicht einen neuen Wagen angeschafft.

Vor ein paar Wochen verbreiteten die Nachrichtenagenturen folgende Meldung: Die Deutschen kaufen so große Autos wie noch nie. Tiefgaragen und Parkhausbetreiber haben Schwierigkeiten: Für die breiten Geländewagen und Familienvans gibt es zu wenige Stellplätze.

Arbeitsplätze dagegen gibt es in Deutschland mehr als je zuvor. Der Exportboom hat ein zweites, kleines Wirtschaftswunder bewirkt. Man kann sagen, es ist eingetreten, was die politischen Parteien schon vor Jahren versprochen haben.

»Mehr Wachstum, mehr Arbeit«, stand auf einem CDU-Wahlplakat vor der Bundestagswahl 2005.

»Arbeit, Arbeit, Arbeit«, formulierte die SPD.

»Jobs, Jobs, Jobs«, druckten die Grünen.

»Was Arbeit schafft, ist auch sozial«, hieß es bei der FDP.

Wenn die Arbeit aber durch das Geld aus Südeuropa geschaffen wurde, was ist dann, wenn die Griechen, Spanier, Italiener und Portugiesen nun tatsächlich beginnen, zu sparen und ihre alten Schulden zurückzuzahlen, anstatt neue Schulden aufzunehmen?

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Kommentare

103 Kommentare Seite 1 von 19 Kommentieren

Ganz hervorragend

Ein sehr gut geschriebener Artikel, der vieles deutlich macht, was sonst nur undeutlich umschrieben und heftig umstritten wird.

Ich werde diesen Artikel auf meinen sozialen Plattformen weiterempfehlen. Als interessierter Laie in Sachen Volkswirtschaft kann ich inhaltlich keine Argumente in Frage stellen. Als Linguist ist mir jedoch eingefallen, dass der periodische Reset mit Schuldenerlass im Judentum eine lange Tradition hatte:
http://de.wikipedia.org/w...
"Das Jüdische Jubeljahr begann immer an Jom Kippur, am 10. Tag des Tischri, und wurde mit Posaunen im ganzen Land verkündigt. Während des ganzen Jahres musste alle Feldarbeit ruhen, auch wurden die hebräischen Sklaven ohne Unterschied freigelassen; verkaufte und verpfändete Grundstücke (Häuser in ummauerten Städten und dem Heiligtum gelobte Äcker ausgenommen) kamen ohne Entschädigung aus fremden Händen wieder an den ursprünglichen Besitzer oder seine rechtmäßigen Erben zurück, und alle Schulden wurden erlassen."
Dieser wirtschaftliche Aspekt ist beim heutigen katholischen Jubeljahr (seit 1300) verloren gegangen.

Falsch

Bitte verlinken Sie den Artikel nicht weiter, denn er geht von ist grundsätzlich falschen Annahmen aus.

Wachstum entsteht z.B. durch Produktivitätssteigerung, Innovation und Investition. Das alles kann durch Schulden beflügelt werden, muss aber nicht. Insbesondere bei der Produktivitätssteigerung ist das unmittelbar einsichtig, denn das kann z.B. einfach nur eine optimierte Arbeitsorganisation sein. Investitionen sind letztendlich Konsumverzicht und müssen ebenfalls nicht zwingend durch Schulden finanziert werden.

Auch das Suppenbeispiel ist falsch gewählt. Warum sollen die Eigentümer des Unternehmens nicht einen Teil der Suppe abbekommen (Gewinn) und die Arbeiter dafür etwas weniger Suppe erhalten? Dann ist der Kreislauf auch geschlossen und das Unternehmen hat eine Zukunft.

Die Tatsache, dass man unser Geld so etwas wie „Schuldgeld“ ist, und es eine „Geldschöpfung“ durch private Kreditinstitute gibt ist per se nicht schlimm und muss keineswegs zwangsläufig zum Zusammenbruch führen.

ach nee

Hm Zitat'Insbesondere bei der Produktivitätssteigerung ist das unmittelbar einsichtig, denn das kann z.B. einfach nur eine optimierte Arbeitsorganisation sein. Investitionen sind letztendlich Konsumverzicht und müssen ebenfalls nicht zwingend durch Schulden finanziert werden.'Mache ich mich selbständig arbeite ich dann 18 Stunden ein Jahr und höre auf zu essen, oder nehme ich einen Kredit auf. Warum schreib ich das, weil ich weiss ohne Kredit egal von wem fliegt nix los. Und läuft es dann gut reicht mein Gewinn gerade, für Mitarbeiter, Sozialbeiräge, Nebenkosten, mich und meine Familie. Für neue Maschinen um mehr zu produzieren und weitere Mitarbeiter, mehr Platz brauch ich was? Einen Kredit,das wird flacher daran habe ich gearbeitet, war stolz. Dann kam die Kriese1, Kriese 2, Nebnekosten, Sozialabgaben stiegen. Mein Auto immer noch 20 Jahre alt, meine Uhr 8$ aus dem www, aber ich lass jetzt nähen, bin böse Unternehmerin, da wo alle sind, wo es billig ist, die Bank lobte mich dafür. Die Gutmenschen können mich mal, die haben nichts gewagt. Ich habe die Kurve gerade eben noch gekratzt ohne mich selbst zu versenken. Ich verkauf mein Haus und wander aus, nach Asien, da bin ich meinem kleinenn Unternehmen näher.. Gutmenschen wagen nichts, die schreien nur die Wut heraus. Ich habe die Krise zu spät erkannt, ich hatte ja gut zu tun.....ich werf das niemand vor. Ich habe mein Haus voll bezahlt in 5 Jahren, böse Unternehmerin, ich habe keine Schulden

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende

Einmal ein sehr guter Artikel zu dem Thema, der die Dinge für den Laien einfach und nachvollziehbar darstellt, ohne die Intelligenz der Leser zu beleidigen. Nur am Schluss frage ich mich: Ist das ewige Weiterführen der Kreditkette tatsächlich unsere einzige Option? Ist es überhaupt eine Option? Da fällt mir ein Lehrsatz der Ökonomie ein, den ich als Laie auch sehr gut nachvollziehen kann: Was nicht ewig weiter gehen kann, wird irgendwann enden.

Kann es endlos weitergehen?

Es kann nicht endlos weitergehen, da die Wirtschaft eine progressive ist - kurz, es ist der Zinseszinseffekt.
Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit, nämlich die Schulden zu erlassen. Das kann bei der Zahlungsunfähigkeit des Schuldners erfolgen oder aber zu anderen Zeitpunkten.
Bei der zweiten Lösung sticht besonders die Brakteatenwirtschaft des Mittelalters hervor. Hier wurde das Geld regelmäßig umgetauscht. Zum Beispiel wurden 12 alte Pfennige gegen 9 neue Pfennige umgetauscht. Welchen Effekt hatte diese Form der Wirtschaft? Sie sorgte für ein starkes wirtschaftliches Wachtsum, d.h. der Geldumlauf wurde beschleunigt. Gleichzeitig verhinderte sie das Horten von Geld, da dieses ja an Wert verlieren würde. Beides bewirkte eine starke wirtschaftliche Blüte, z.B. unsere alten mittelalterlichen Städte mit ihren schönen Bauten sind in dieser Zeit entstanden. Das Geld wurde lieber in Sachwerte investiert.
Der entscheidende Punkt ist, daß das Geld sichtbar an Wert verlieren muß (Inflation ist unsichtbar!). Erst dann beschleunigt sich der Geldumlauf und es erfolgt eine verstärkte Investition in Sachwerte.

Was wir zur Zeit erleben ist übrigens die verstärkte Übernahme von Sachwerten durch die Vermögenden. Diese bereiten sich auf die Geldentwertung vor, während der unwissende Bürger vermehrt in reine Geldanlagen investieren soll.

Einziges Problem:

Wenn alle nur noch in Sachwerte investieren würden, was würde aus der armen, armen Finanzindustrie werden? Die könnten nie mehr mit Milliarden zocken, da keiner sein Geld in irgendwelche Papiere(Goldzertifikate, Aktien, "Wert-papiere") mehr "investieren" würde, sondern Immobilien, echte "Goldbarren", Gebrauchsgegenstände, Kunstgegenstände, etc.

Mit diesem Artikel kann man die Befürchtungen des IWFs, dass die Leute vermehrt in Sachgüter ihr Geld anlegen sehr viel besser verstehen. Jeder Euro, der in Sachgüter fliesst steht Banken, Versicherungen nicht mehr zur Verfügung...

So schlecht wie Überschrift und Einleitung ...

... ist der Text nicht. Das will ich zugeben.

Aber bei der Verwendung von "wir" (oder "uns") muss ich an den Herausgeber dieses Blattes und sein Wort vom "nationalen Egoismus" denken. Der Cheredakteur sollte die Verwendung dieses Begriffs untersagen, solange es nicht um Berichte aus der Redaktion handelt - "Wir über uns".

Das ist mein Verständnis von journalistischer Sorgfaltspflicht.

"wir haben den Profit" kann allenfalls als wörtliches Zitat durchgehen - von Herrn Keitel vielleicht oder Prof X oder Y. "Wir", die arbeitende Bevölkerung, haben nämlich nicht "den Profit", sondern wir haben die Schulden, mit denen die Verschreibungen erworben wurden, und die Verschreibungen, die nunmehr zerbrochen sind.

Die zum Ersten

Der Bruder der "schwäbischen Hausfrau" sei ein "Wirt"

ein "schwäbischen Wirt".

Das wäre ein viel besseres Beispiel.

Wenn die schwäbische Hausfrau ihre Ausgaben kürzt (UND: ihre Einnahmen gleich bleinen!), dann kann sie in der Tat ihre Schulden reduzieren.

Wenn ihr Bruder hingegen die freundlche Bedienung herausschmeisst, die Putzfrau gleich mit, die Kosten für die Reinigung von Tischdecken reduziert, kurzum: SPART - sich alle Investitionen "spart", bleibt sein Einkommen jedoch nicht gleich. Es hat dies eine direkte Rückkopplung auf die Besucherzahl und das, was diese Ausgeben.

Ein cleverer Wirt tut das nicht

Er wird versuchen, sein Angebot so attraktiv zu machen, dass es für seine Kunden begehrlich und preis_wert ist und er mehr neue Kunden gewinnt als alte verliert.

Ihr Beispiel hinkt übrigens. Die Schuldenländer sind nicht der Wirt, sondern die Zecher, die ihren Deckel nicht bezahlen. der Wirt ist Deutschland. Er täte gut daran, die Zechpreller rauszuschmeißen und sich auf andere Kunden zu fokussieren. Letzteres hat Deutschland bereits seit langem erfolgreich getan und tut es weiterhin - wie die Entwicklung des Außenhandels zeigt.