Euro-KriseSie haben die Schulden – wir den Profit

Die verschwenderischen Südeuropäer gefährden unseren Wohlstand? Von wegen – ihnen haben wir Deutschen den Reichtum zu verdanken. Ein Essay von 

Ein Zug mit Neuwagen von VW, die für den Export bestimmt sind (Archivbild)

Ein Zug mit Neuwagen von VW, die für den Export bestimmt sind (Archivbild)  |  © Sean Gallup/Getty Images

Dreihundert Menschen sitzen in der Saarbrücker Congresshalle und sehen zu, wie ein meterhohes Bild auf einer Leinwand erstrahlt. Es zeigt eine lächelnde Frau mit kurzen Haaren inmitten fröhlicher Kinder. Unten auf dem Bild steht ein kurzer, prägnanter Satz. Die Leute im Saal sehen die Frau, sie sehen die Kinder. Sie lesen die Worte, sie murmeln zustimmend. Der Satz gefällt ihnen.

Es sind Funktionäre der saarländischen CDU, die meisten Vorsitzende von Ortsverbänden, die sich an diesem 6. Februar 2012 versammelt haben. Sie sind hier, um Hoffnung zu schöpfen. Nur noch wenige Wochen bis zur Landtagswahl. Die CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, das ist die Frau auf der Leinwand, liegt in den Umfragen zurück.

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Die Parteizentrale hat deshalb eine neue Kampagne entworfen, der Satz an der Wand ist ein Teil davon. In den folgenden Tagen wird er im Saarland auf den CDU-Wahlplakaten prangen. Kramp-Karrenbauer wird ihn von Rednerbühnen herunterrufen und in Fernsehkameras und Radiomikrofone sprechen.

Der Satz lautet: »Ich will Zukunft ohne Schulden

Acht Wochen später gewinnt Annegret Kramp-Karrenbauer die Wahl mit überraschend großem Vorsprung. Die Wahlkampagne ist in diesem Moment beendet, der Satz von den Schulden aber verbreitet sich in den folgenden Monaten weiter, manchmal in leicht abgewandelter Form. Der Spitzenkandidat der CDU in Schleswig-Holstein vereinnahmt ihn für sich, die Junge Union in Berlin, die FDP-Fraktion im Bundestag.

Sie alle wollen Zukunft ohne Schulden.

Gut möglich, dass der Satz auch im kommenden Jahr vor der Bundestagswahl an Wänden und Säulen klebt. Wahlplakate sind immer ein Spiegel dessen, was die Leute sich wünschen. Schulden hatten sie schon früher nicht gerne, aber nie klang das Wort so bedrohlich wie jetzt, da die Schulden der Griechen, der Spanier, der Italiener unseren Wohlstand bedrohen und die Angst vor der großen Pleite über allem hängt wie einst die Angst vor dem Atomkrieg.

Zukunft ohne Schulden: Man liest das und denkt an das eigene Land und daran, dass es mit Deutschland nie so weit kommen darf wie mit Griechenland, wo vergangene Woche wieder Blendgranaten und Molotowcocktails flogen. Man denkt an die eigenen Kinder und daran, dass sie ohne finanzielle Last aufwachsen sollen. Man denkt an den eigenen kleinen Wohlstand, das neue Auto zum Beispiel, und daran, dass man sich ihn erarbeitet und nicht auf Pump erschwindelt hat.

An den Leopard 2 denkt man nicht.

Der Leopard 2 ist ein Panzer, produziert von dem deutschen Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann. Er kann vier Meter tiefe Flüsse durchqueren und siebzig Stundenkilometer schnell fahren. Schießen kann er sowieso. Er gilt als bester Panzer der Welt.

Vor vier Jahren hat Krauss-Maffei Wegmann 170 Exemplare des Leopard-Panzers an ein europäisches Partnerland verkauft und dafür 1,7 Milliarden Euro kassiert. Das ist anderthalb mal so viel, wie das Unternehmen normalerweise in einem Jahr erwirtschaftet.

Der Käufer war Griechenland. Schon damals war klar, dass die Griechen den Leopard 2 mit Schulden finanzierten, aber das hat niemanden so recht interessiert. Viel Geld floss nach Deutschland, darauf kam es an.

Die Krisenländer haben viel Geld überwiesen – an VW, Daimler, BMW

Es floss überhaupt eine Menge Geld hierher in den vergangenen Jahren, nicht nur aus Griechenland, sondern auch aus Italien, Spanien, Portugal. Die Italiener zum Beispiel kauften vor Beginn der Krise jedes Jahr rund 450.000 deutsche Autos, die Spanier etwa 330.000, die Griechen und Portugiesen je 50.000. Fast jedes vierte Auto, das die Deutschen damals im Ausland abgesetzt haben, wurde in einen der heutigen Krisenstaaten geliefert. Jene Länder, von denen es heute heißt, sie könnten nicht mit Geld umgehen, haben viel Geld überwiesen, an VW, Daimler und BMW.

Dieses Geld ist nicht in den deutschen Konzernzentralen geblieben, es hat sich weiterverbreitet zu Zulieferern und Dienstleistern der deutschen Automobilindustrie, es hat sich verwandelt in die Löhne deutscher Fließbandarbeiter, in die Gehälter deutscher Manager, in die Dividenden deutscher Aktionäre.

Manche Bundesbürger mögen, ohne es zu wissen, mit dem Geld aus dem Süden ihre Miete bezahlt haben oder eine Urlaubsreise oder ihr neues Smartphone. Andere haben sich vielleicht einen neuen Wagen angeschafft.

Vor ein paar Wochen verbreiteten die Nachrichtenagenturen folgende Meldung: Die Deutschen kaufen so große Autos wie noch nie. Tiefgaragen und Parkhausbetreiber haben Schwierigkeiten: Für die breiten Geländewagen und Familienvans gibt es zu wenige Stellplätze.

Arbeitsplätze dagegen gibt es in Deutschland mehr als je zuvor. Der Exportboom hat ein zweites, kleines Wirtschaftswunder bewirkt. Man kann sagen, es ist eingetreten, was die politischen Parteien schon vor Jahren versprochen haben.

»Mehr Wachstum, mehr Arbeit«, stand auf einem CDU-Wahlplakat vor der Bundestagswahl 2005.

»Arbeit, Arbeit, Arbeit«, formulierte die SPD.

»Jobs, Jobs, Jobs«, druckten die Grünen.

»Was Arbeit schafft, ist auch sozial«, hieß es bei der FDP.

Wenn die Arbeit aber durch das Geld aus Südeuropa geschaffen wurde, was ist dann, wenn die Griechen, Spanier, Italiener und Portugiesen nun tatsächlich beginnen, zu sparen und ihre alten Schulden zurückzuzahlen, anstatt neue Schulden aufzunehmen?

Und was ist mit den Amerikanern, Franzosen und Briten, die in den vergangenen Jahren ebenfalls riesige Verbindlichkeiten angehäuft haben, um deutsche Produkte zu kaufen? Was ist, wenn die nun auch anfangen zu sparen?

Das wäre dann Zukunft ohne Schulden. Aber es wäre auch eine Zukunft, vollgestellt mit deutschen Autos, die unverkäuflich vor den Fabriken stehen. Es wäre eine Zukunft mit deutschen Fabriken, die Leute entlassen. Es wäre eine Zukunft mit deutschen Kindern, die zwar nicht mehr für die Rückstände halb Europas aufkommen müssten, aber dafür ihre bedürftigen Eltern zu finanzieren hätten, die weder Arbeit noch Rente haben.

Offenbar passen das Verlangen nach weniger Schulden und der Wunsch nach mehr Jobs nicht zusammen. Jedenfalls nicht sofort, nicht auf den ersten Blick, bei genauerem Hinsehen scheint es doch einen Ausweg zu geben. Die Bundeskanzlerin glaubt ihn zu kennen.

Am 3. April dieses Jahres tritt Angela Merkel in der Juristischen Fakultät der Karls-Universität in Prag ans Rednerpult. Hier, wo vor 664 Jahren erstmals deutschsprachige Studenten das Wissen der Welt erwarben, soll sie zum Thema »Die künftige Gestalt Europas« sprechen.

Merkel erzählt vom Sozialismus, den sie am eigenen Leib erlebt habe, der nun aber zum Glück überwunden sei. Sie redet von den europäischen Idealen, von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, dann leitet sie über zur Schuldenkrise.

Sie sagt: »Ich möchte, dass wir diese Krise als Chance begreifen.« Sie sagt: »Natürlich geht es um Wachstum, aber nicht um Wachstum auf Pump.«

Es ist in diesem Moment nicht klar, ob Merkel ihre Sätze als Mahnung an die Südeuropäer begreift oder ob ihr bewusst ist, dass auch die deutsche Wirtschaft auf Pump gewachsen ist, nur dass es eben nicht die Deutschen waren, die sich das Geld geliehen haben.

Sicher ist, dass sie eine Schlussfolgerung zieht, die ebenso schlicht wie überzeugend ist: Wenn Pump schlecht, Wachstum aber gut ist, dann brauchen wir künftig Wachstum ohne Pump. Also Zukunft ohne Schulden, aber mit Arbeitsplätzen.

Das schöne deutsche Wirtschaftswunder beruhte auf nichts als Pump

Merkel hat diese Rede später so ähnlich noch öfter gehalten, vor allem im Bundestag. Die Passage mit dem Sozialismus hat sie weggelassen, dafür hat sie ihre Ansicht zum Thema Wirtschaftswachstum näher erläutert. Sie hat ein Wort gefunden für das, was ihr vorschwebt: nachhaltiges Wachstum.

Der Ausdruck stammt aus der Umweltdebatte. Nachhaltiges Wachstum war ursprünglich ein Konzept der Wohlstandssteigerung in Zeiten der ökologischen Krise. Reicher werden, ohne Öl zu verbrennen und Regenwälder abzuholzen. Das sollte es bedeuten.

Angela Merkel hat den Begriff auf die ökonomische Krise übertragen. Der Wohlstand soll wachsen, Arbeitsplätze sollen entstehen, ohne dass die Leute Schulden machen. Das ist das, was die Kanzlerin mit nachhaltigem Wachstum meint. »Solide Finanzen sind eine Grundbedingung dafür«, sagt Merkel in einem Zeitungsinterview.

Solide Finanzen, das bedeutet: keine zockenden Banken, keine verschwenderischen Regierungen, keine Konsumenten, die ihre Kreditkarte als Geldspeicher betrachten.

Wenn Naturschützer von nachhaltigem Wachstum sprechen, reden sie von Science-Fiction. Kein Land der Welt hat es geschafft, reich zu werden, ohne Gas, Öl und Kohle zu verbrennen. Besitzstandsmehrung ohne ökologische Krise gibt es nicht. Besitzstandsmehrung ohne ökonomische Krise dagegen kam auf der Welt schon öfter vor. Zum Beispiel im Westdeutschland der Nachkriegszeit, besonders in einer kargen Gegend, in der die Luft immer ein paar Grad kälter ist als im Rest des Landes.

Dort oben auf der Schwäbischen Alb zogen die Frauen nach dem Krieg ihre Handkarren zu kümmerlichen Gemüsefeldern. Die Männer suchten Arbeit, irgendwo, und wenn am Abend ein paar gekochte Rüben auf dem Teller lagen, waren die Familien zufrieden. Sonst gab es Brennnesselsuppe.

Ein paar Jahrzehnte später hatten Rostbraten und Maultaschen das Gemüse ersetzt. Vor den Türen parkten polierte Autos, die Häuser waren abbezahlt. Der Wohlstand wuchs, gleichmäßig und krisenfrei. Das Wirtschaftswunder war über die Republik gekommen.

Wie war das geschehen? Wer hatte es bewirkt?

Die Deutschen und ihre Eigenschaften, natürlich, allen voran ihre Sparsamkeit. Deutsche machen keine Schulden, die Schwaben am allerwenigsten.

Das ist das Geheimnis des deutschen Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit, wie es in Zeitungsartikeln, Romanen und Politikerreden ungezählte Male erzählt wurde. Es tönte sogar aus den Radiolautsprechern. 1964 sang der Schlagermusiker Ralf Bendix:

Schaffe, schaffe, Häusle baue,
Und net nach de Mädle schaue.
Und wenn unser Häusle steht,
Dann gibt’s noch lang kei Ruh,
Ja da spare mir, da spare mir
Für e Geißbock und e Kuh

Als habe sie dieses Lied im Kopf, sagte Angela Merkel rund 45 Jahre später – wieder in einer Rede, diesmal auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart –, die große Krise wäre leicht zu verhindern gewesen. »Man hätte nur die schwäbische Hausfrau fragen sollen, sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben.«

Merkel stellte damit einen Gegensatz her zwischen einer furchterregenden Gegenwart voller Pleiten und einer behaglichen Vergangenheit ohne Schulden, als es den Euro noch nicht gab und die D-Mark einen mächtigen Beschützer hatte: die Deutsche Bundesbank.

Ausgerechnet in deren Archiv finden sich allerdings Dokumente, die eine andere Geschichte des Wirtschaftswunders erzählen. Sie zeigen Tabellen, Schaubilder, Zahlen der sogenannten Leistungsbilanz. Daraus geht hervor, wie sehr die Vergangenheit der Gegenwart gleicht. Schon damals entstand ein Gutteil der deutschen Arbeitsplätze durch Zahlungen aus dem Ausland. Schon damals kauften die europäischen Nachbarn im großen Stil deutsche Produkte. Schon damals finanzierten sie ihre Käufe durch Schulden.

Es war ganz ähnlich wie heute. Man kann sagen, damals hat das alles angefangen.

Auch das deutsche Wirtschaftswunder war nichts weiter als: Wachstum auf Pump. Das klingt, als sei man auf ein Geheimnis gestoßen. In Wahrheit ist es das Gegenteil. Eine Banalität. Natürlich wurde das Wachstum damals durch Schulden erzeugt. So wie immer. Es geht nicht anders.

Um das zu verstehen, muss man ein kleines Gedankenspiel beginnen. Stellen wir uns vor, es gäbe in Deutschland nur einziges Unternehmen, das, sagen wir, Suppe produziert.

Nehmen wir an, das Unternehmen verfügt über ein Startkapital von 500.000 Euro. Mit diesem Geld bezahlt es seine Arbeiter und Angestellten und stellt Suppe her. Die Mitarbeiter verwenden nun ihre gesamten Löhne und Gehälter für den Konsum, sie wollen ja essen. Die 500.000 Euro fließen also an das Suppenunternehmen zurück, der Wirtschaftskreislauf wird geschlossen. Und nicht lange danach auch das Unternehmen.

Eine solche Firma überlebt nämlich nicht lange. Einnahmen: 500.000, Ausgaben: 500.000, das bedeutet: kein Gewinn für den Eigentümer, keine Lohnerhöhung für die Mitarbeiter, kein Wirtschaftswunder. Der Reichtum bleibt aus. Armut für alle.

Damit die Wirtschaft wachsen, der Wohlstand gedeihen kann, muss das Unternehmen mehr Geld einnehmen, als es ausgegeben hat. Aus den 500.000 Euro, die zwischen dem Unternehmen und der Belegschaft hin und her fließen, müssen 600.000 Euro werden. Wie aber kann sich Geld in mehr Geld verwandeln?

Es ist dies die Kernfrage des Kapitalismus, das Grundrätsel der Marktwirtschaft. Schon Karl Marx schrieb in dem im Jahr 1885 erschienenen zweiten Band des Kapitals: »Wie kann nun die ganze Kapitalistenklasse beständig 600 Pfund Sterling aus der Zirkulation herausziehen, wenn sie beständig nur 500 Pfund Sterling hineinwirft?«

Tja, wie?

Marx plagte sich lange mit der Lösung herum, besonders weit kam er nicht. Erst der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter gab Jahre später die Antwort: 1926 schrieb er, dass der talentierte Unternehmer auf Schulden »zum Erfolg reitet«. Anders gesagt: Damit die Wirtschaft wächst, muss jemand einen Kredit aufnehmen.

Das kann beispielsweise unser Suppenhersteller sein oder ein weiterer Unternehmer. Der macht vielleicht eine Firma auf, die Brot herstellt, und leiht sich dafür 100.000 Euro, um seine Mitarbeiter zu bezahlen. Die deutschen Konsumenten haben nun also insgesamt 600.000 Euro zur Verfügung, die zurück an die Unternehmen fließen. Der Suppenhersteller verzeichnet jetzt Gewinne, die Deutschen können jetzt Brot zur Suppe essen, die Wirtschaft wächst, aber nicht lange, denn bald ist der Brotproduzent vom Untergang bedroht.

600.000 Euro, das reicht nicht, um auch seine Einnahmen über die Ausgaben zu heben. Damit die Wirtschaft weiter wachsen kann, ist neues Geld vonnöten. Wo aber soll es herkommen?

Es muss wieder jemand Schulden machen.

Eines unserer beiden Unternehmen muss einen neuen Kredit aufnehmen, oder es muss eine dritte Firma entstehen.

Tatsächlich ist die deutsche Wirtschaft in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auf genau diese Weise gewachsen: Die Unternehmen haben sich Geld geliehen. »Die Industrie des Wunderlandes ist [...] viel stärker verschuldet als ihre ausländische Konkurrenz«, analysierte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Jahr 1962.

Die deutsche Vergangenheit war eine Vergangenheit mit Schulden.

Die deutschen Unternehmen konnten am Ende ihre Verbindlichkeiten begleichen. Dennoch wuchs die Wirtschaft weiter. Auch das lässt sich mithilfe unseres Gedankenexperiments erklären. Nehmen die Unternehmen keine Kredite mehr auf, kann die Wirtschaft trotzdem wachsen, aber nur wenn andere einspringen und Schulden machen: zum Beispiel die Konsumenten.

Wenn sich einige von ihnen Geld leihen, um mehr Suppe, mehr Brot zu kaufen, verzeichnen unsere Unternehmen höhere Einnahmen. Sie können zusätzliche Mitarbeiter einstellen und höhere Gehälter zahlen.

So treiben die Kredite der einen die Umsätze der anderen in die Höhe. Den Arbeitern und Angestellten geht es besser, bald können sie Maultaschen und Rostbraten essen. Die verschuldeten Konsumenten aber haben immer höhere Verbindlichkeiten. Irgendwann ist klar, dass sie es nie schaffen werden, sie zurückzuzahlen. Dann stehen sie vor der Pleite.

So wie die Griechen, die Spanier, die Italiener. Die einst so guten Kunden der deutschen Unternehmen.

Man kann Schulden nicht anfassen, anders als Dampfmaschinen, Glühlampen oder Autos. Die erste Dampfmaschine war eine Revolution, die erste Glühlampe ein Wunder, das erste Auto eine Offenbarung. Jede dieser Erfindungen ist heute ein Symbol des Fortschritts und des Wohlstands, der in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten über die Menschheit kam, genau wie der Telegraf, die Lokomotive, das Flugzeug. Schulden dagegen, das sind nur ein paar Zahlen auf Papier. Vielleicht ist das der Grund, warum so wenig bekannt ist, dass das eine nie ohne das andere zu haben ist: der Wohlstand nie ohne die Schulden.

1769 erfand der Schotte James Watt die Dampfmaschine.

1879 ersann der Amerikaner Thomas Alva Edison die Glühlampe.

1886 entwickelte der Deutsche Carl Benz den ersten Kraftwagen.

Geniale Köpfe waren das, in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung nur mit großen europäischen Herrschern vergleichbar, etwa Alexander dem Großen, Friedrich II. oder Julius Cäsar, der einst Gallien unterwarf.

Moment. Er ganz allein? »Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?,« will Bertolt Brecht in seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters wissen. Hatte Alexander keine Soldaten, die für ihn starben, keine Diener, keinen Knecht? Führte der Alte Fritz seine Kriege alleine?

Die Geschichtsschreibung übersieht die kleinen Leute, das ist es, worauf Brecht uns aufmerksam machen wollte. Die Schulden vergisst sie auch. Watt erfand die Dampfmaschine? Eine großartige Leistung, aber wie schaffte er es, sie massenhaft zu produzieren? Edison ersann die Glühbirne? Ein Glücksfall, aber woher bekam er das Geld, sie auf den Markt zu bringen? Benz entwickelte das Auto? Ein Triumph, aber was verlieh seinen Kunden die Möglichkeit, es ihm hundertfach abzukaufen?

Schulden.

Schulden sind nicht gut. Sie sind nicht böse. Sie sind einfach da, überall, wo Reichtum entsteht. Wächst der Wohlstand, wachsen auch die Schulden, es gibt kein Gegenbeispiel. Die moderne Welt aber geriert sich so, als sei der Kapitalismus ein Mensch und das Schuldenmachen eine unappetitliche Ausscheidung, irgendwie eklig. Etwas, worüber die schwäbische Hausfrau die Nase rümpft.

In Wahrheit gäbe es die schwäbische Hausfrau nicht, wären da nicht die vielen Schulden gewesen. Es gäbe auch keine bayerische, holsteinische oder hessische Hausfrau. Es gäbe überhaupt keine Hausfrauen, weil es sich keine Frau erlauben könnte, zu Hause zu bleiben, anstatt Geld zu verdienen. In dieser vorgeschichtlich armen Welt gäbe es keine Autos, keine Kühlschränke und keine Waschmaschinen.

Die Sumerer kannten keine Münzen – doch was ein Kredit ist, wussten sie

Bäuerinnen allerdings, die den ganzen Tag in der Erde wühlen, die gäbe es. Und Tagelöhnerinnen, die für ihre Schufterei vielleicht ein paar Kartoffeln bekämen, aber keine Münzen, keine Scheine.

Denn ohne Schulden gäbe es nicht einmal Geld.

Im vierten Jahrtausend vor Christus lebten die Sumerer in Mesopotamien, an den Ufern der Flüsse Euphrat und Tigris, auf dem heutigen Staatsgebiet des Iraks. Sie entwickelten die erste Schriftsprache der Menschheitsgeschichte – und das erste Geldsystem.

Die Sumerer waren Bauern, Handwerker, Kaufleute. Münzen kannten sie nicht, die sollten erst rund 3.000 Jahre später erfunden werden, aber was ein Kredit ist, wussten sie wohl. Der amerikanische Anthropologe David Graeber beschreibt das in seinem Buch Schulden: Die ersten 5.000 Jahre: Wollte der sumerische Händler A von Händler B eine Ziege erwerben, hatte aber keine Gegenleistung parat, stellte er einen Schuldschein aus. In Keilschrift ritzte er ein bestimmtes Zeichen in eine Tontafel. Die Tafel überreichte er B.

Der behielt sie mitunter nicht lange, sondern gab sie an Händler C weiter, von dem er dafür vielleicht zwei Sack Gerste erhielt. Bald kursierten die Tontafeln in der sumerischen Wirtschaft wie eine Frühform der Banknote. Sie wurden zum Zahlungsmittel. Es war die Erfindung des Geldes.

Jede der frühgeschichtlichen Geldtafeln aber war nur in die Welt gekommen, weil irgendjemand Schulden gemacht hatte.

So gesehen hat sich die Welt seit den Sumerern nicht sehr verändert.

Wenn heute ein Mann zur Bank geht und einen Kredit aufnimmt, um sich zum Beispiel ein neues Auto zu kaufen, bekommt er den Betrag auf seinem Konto gutgeschrieben. Es fällt schwer, das zu glauben, aber das Geld wird nirgendwo abgebucht, niemandem weggenommen. Es ist ein Versprechen. Es ist einfach da, so wie die sumerischen Tontafeln, entstanden aus dem Nichts, als hätte Gott es soeben erschaffen. Wirtschaftswissenschaftler sprechen deshalb von Geldschöpfung.

Der Kapitalismus ist ein Kettenbrief. Die Letzten sind die Verlierer

Der Autokäufer kann dann zum Geldautomaten gehen und sich Scheine holen, mit denen er den neuen Wagen bezahlt. Das Geld geht in den Besitz des Autohändlers über, der damit vielleicht seiner Frau einen Ring kauft. Die Dame beim Juwelier weiß nicht, wer den Geldschein vor ihr in den Händen hielt, es kann ihr auch egal sein, sicher ist aber: Jeder Euro-Schein existiert nur deshalb, weil sich irgendjemand irgendwann Geld geliehen hat.

Jeder Euro ist ein Schulden-Euro, genau wie jeder Dollar ein Schulden-Dollar ist und jeder Schweizer Franken ein Schulden-Franken.

Anders als im alten Mesopotamien ist die Geldschöpfung heute ein komplizierter Prozess, gesteuert von den großen Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB), der Bank of England oder der amerikanischen Federal Reserve Bank. Sie sind es, die den Euro, das Pfund oder den Dollar drucken und Geschäftsbanken wie der Deutschen Bank, der Commerzbank oder den Sparkassen das Geld zur Verfügung stellen, das dann per Kredit zu den Menschen fließt.

Immer aber gilt: Das Schuldenmachen ist der Geburtsakt jedes Scheins, jeder Ziffer auf dem Kontoauszug. Es sind die Schulden, die das Geld zur Welt bringen.

Zukunft ohne Schulden wäre deshalb Zukunft ohne Geld. Wer das propagiert, ist antikapitalistischer als die SED. In der DDR gab es wenigstens Alumünzen.

Irgendwann kommt dann der Moment, in dem der Autokäufer seine Schuld begleichen muss. Er überweist das Geld, plus Zinsen, zurück an die Bank, der Kredit ist getilgt, die Bank löscht die Forderung aus ihren Büchern. Damit der Kapitalismus nicht ins Stocken kommt, damit die Wirtschaft weiter wächst, muss nun jemand anderer Schulden machen, der Autohändler vielleicht, der einen Kredit aufnimmt, um sein Geschäft zu vergrößern, oder der Juwelier, der Edelsteine kauft. Immer wieder müssen neue Schuldner hinzutreten, um alte Schuldner auszulösen. Nur dann bleibt das Geld in Bewegung.

Der österreichische Ökonom und Publizist Thomas Strobl, Autor des Buches Ohne Schulden läuft nichts, formuliert es so: »Der Kapitalismus ist ein einziger großer Kettenbrief.«

Schon bei den Sumerern ließen die tönernen Kredite den Handel florieren. Und schon damals kam es vor, dass sich die Verbindlichkeiten an einer Stelle häuften, dass die Schulden dort schneller wuchsen als der Wohlstand, dass die Kette riss. Irgendjemand, ein Mann, eine Familie, eine halbe Stadt, stand dann vor der Pleite. So wie heute Griechenland.

Und dann?

Dann trat der Herrscher vor sein Volk, so geschehen zum Beispiel im Jahr 2402 vor Christus, als der sumerische König Emmetena eine Deklaration verlesen ließ und Freiheit, »Amargi«, verkündete.

Amargi für die Schuldner, das bedeutete: Die Tontafeln werden zerbrochen, alle Verbindlichkeiten vergessen. Das Geld kann neu zirkulieren und neuen Wohlstand durch neue Kredite schaffen.

Um den Kapitalismus besser zu verstehen, versuchen die Menschen von jeher, die Wirtschaft in Klassen und Kategorien aufzuteilen. Je nach Weltanschauung identifizieren sie habgierige Kapitalisten und ausgebeutete Proletarier oder zuversichtliche Konsumenten und dynamische Unternehmer.

Nimmt man die Schulden zum Maßstab, ergibt sich ein anderes Bild. Die Welt zerfällt dann in zwei Teile. Oben stehen die Nationen, die reich, aber nicht verschuldet sind. Seit Jahrzehnten sammeln sie Reichtum an, seit Jahrzehnten erzeugen sie ihn mithilfe der Kredite anderer Länder.

Deutschland gehört in diese High Society. Deutschland als Ganzes ist nicht verschuldet. Der Staat hat zwar hohe Verbindlichkeiten, die Vermögen der privaten Haushalte aber sind weit größer. Das Land ist vergleichbar mit einer Familie, bei der die Frau dem Mann viel Geld geliehen hat. Er hat jetzt Schulden bei ihr, aber der Wohlstand der Familie als Ganzes wird dadurch nicht kleiner. In Deutschland wächst er sogar, von Jahr zu Jahr.

Unten stehen die Länder, die unter dem Strich verschuldet sind. Diese Familien haben Verbindlichkeiten bei anderen Familien, mitunter so viele, dass sie es nicht schaffen, sie zu begleichen. Sie stehen am Ende der Kreditkette. Zu ihnen gehören die Griechen, die Spanier, die Portugiesen. Mit ihren Schulden haben sie die europäische Wirtschaft jahrzehntelang am Laufen gehalten. Jetzt sind sie die Verlierer.

Man kann diese Nationen mit den billigen Arbeitern vergleichen, die in irgendwelchen Fabriken in Asien dafür sorgen, dass die Regale in Deutschland voll sind mit iPhones und T-Shirts. Der Kapitalismus braucht sie. Ohne sie würde die Wirtschaft nicht wachsen. Sie selbst aber haben nicht viel davon.

Vor zwei Jahren nahmen sich in den chinesischen Fabriken von Apple mehr als ein Dutzend Arbeiter das Leben. Sie hatten es nicht mehr ausgehalten. Vor zehn Tagen lieferten sich 2.000 Arbeiter eine Schlägerei mit der Polizei. Es sieht so aus, als hätten sie die Belastungsgrenze erreicht.

Menschen, die ihr Leben nicht mehr ertragen, gibt es auch in Griechenland. Vor der Krise war die Selbstmordrate dort so niedrig wie nirgendwo sonst in Europa. Seitdem hat sie sich verdreifacht. Die Menschen stürzen sich von der Akropolis, ertränken sich im Meer, erhängen sich in ihrer Wohnung. Ein ehemaliger Apotheker schrieb in seinem Abschiedsbrief, er wolle nicht im Müll wühlen und für sein Kind zur Belastung werden. Er erschoss sich unter einem Baum vor dem Parlament.

Man kann solche Vorkommnisse herunterreden, sie als Phantomschmerzen einer verwöhnten, verschwenderischen Gesellschaft abtun, die endlich lernen müsse zu sparen. In Deutschland ist diese Position nicht unpopulär.

Man kann aber auch zu dem Ergebnis kommen, dass Griechenland seine Belastungsgrenze erreicht hat. Dass es Zeit ist für Amargi. Den großen Schuldenerlass.

Seit Beginn der Krise ist der Vorschlag in der Diskussion: Griechenland soll Insolvenz anmelden, den Bankrott erklären. Die Verbindlichkeiten würden gestrichen, das Land wäre schuldenfrei.Politiker der Linken haben einen solchen Schritt gefordert. Aber auch Vertreter der FDP. Sie, die sonst wenig gemeinsam haben, sind sich einig in ihrem Wunsch nach einem Ende der Schulden.

Alle Verbindlichkeiten streichen – das klingt so schön nach Neuanfang. Es klingt wie eine Übersetzung von »Zukunft ohne Schulden« in konkrete Politik. Es klingt so, als ob dann endlich alles anders würde.

In Wahrheit beschreibt Amargi eine trügerische Freiheit, einen kapitalismusfernen Augenblick, in dem Zinsen und Renditen keine Rolle spielen. Bevor dann eine neue Kreditkette entsteht, mit neuen Schulden und neuem Wohlstand. Vorausgesetzt, es läuft gut. Läuft es aber schlecht, finden die griechischen Unternehmen und der griechische Staat keine Bank, keinen Investor mehr, der ihnen neuen Kredit gewährt. Dann zeigt sich, dass auf die Schuldenfreiheit mitunter die Freiheit von Wachstum und Wohlstand folgt, und für Amargi braucht man eine neue Übersetzung: Armut.

Angesichts dieser Gefahr ist es keine Überraschung, dass die europäischen Regierungschefs bisher einem anderen Weg folgen: nicht alte Schulden streichen, sondern neue Schulden aufnehmen! Nicht weniger Verbindlichkeiten, sondern mehr! Das ist der Weg, den auch die Bundeskanzlerin, die so gern von nachhaltigem Wachstum spricht, eingeschlagen hat und von dem auch der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nicht abweichen will. Es ist viel von europäischer Solidarität die Rede auf diesem Weg, von Idealen und Werten. Tatsächlich geht es eher um eines: nicht zu hoffen, dass sich nach einem Schuldenschnitt eine neue Kreditkette bildet, sondern die alte mit aller Kraft verlängern. Deshalb bekommen die Griechen einen Hilfskredit nach dem anderen, deshalb können sich die europäischen Geschäftsbanken bei der EZB so leicht wie noch nie neues Geld besorgen. Sie sollen endlich wieder Kredite vergeben, an Unternehmen, Staaten, Verbraucher. Auf dass das geliehene Geld neues Wachstum erzeuge.

Wie es aussieht, haben die Schulden noch eine große Zukunft.

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Leserkommentare
  1. Ein sehr gut geschriebener Artikel, der vieles deutlich macht, was sonst nur undeutlich umschrieben und heftig umstritten wird.

    Ich werde diesen Artikel auf meinen sozialen Plattformen weiterempfehlen. Als interessierter Laie in Sachen Volkswirtschaft kann ich inhaltlich keine Argumente in Frage stellen. Als Linguist ist mir jedoch eingefallen, dass der periodische Reset mit Schuldenerlass im Judentum eine lange Tradition hatte:
    http://de.wikipedia.org/w...
    "Das Jüdische Jubeljahr begann immer an Jom Kippur, am 10. Tag des Tischri, und wurde mit Posaunen im ganzen Land verkündigt. Während des ganzen Jahres musste alle Feldarbeit ruhen, auch wurden die hebräischen Sklaven ohne Unterschied freigelassen; verkaufte und verpfändete Grundstücke (Häuser in ummauerten Städten und dem Heiligtum gelobte Äcker ausgenommen) kamen ohne Entschädigung aus fremden Händen wieder an den ursprünglichen Besitzer oder seine rechtmäßigen Erben zurück, und alle Schulden wurden erlassen."
    Dieser wirtschaftliche Aspekt ist beim heutigen katholischen Jubeljahr (seit 1300) verloren gegangen.

    11 Leserempfehlungen
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    Bitte verlinken Sie den Artikel nicht weiter, denn er geht von ist grundsätzlich falschen Annahmen aus.

    Wachstum entsteht z.B. durch Produktivitätssteigerung, Innovation und Investition. Das alles kann durch Schulden beflügelt werden, muss aber nicht. Insbesondere bei der Produktivitätssteigerung ist das unmittelbar einsichtig, denn das kann z.B. einfach nur eine optimierte Arbeitsorganisation sein. Investitionen sind letztendlich Konsumverzicht und müssen ebenfalls nicht zwingend durch Schulden finanziert werden.

    Auch das Suppenbeispiel ist falsch gewählt. Warum sollen die Eigentümer des Unternehmens nicht einen Teil der Suppe abbekommen (Gewinn) und die Arbeiter dafür etwas weniger Suppe erhalten? Dann ist der Kreislauf auch geschlossen und das Unternehmen hat eine Zukunft.

    Die Tatsache, dass man unser Geld so etwas wie „Schuldgeld“ ist, und es eine „Geldschöpfung“ durch private Kreditinstitute gibt ist per se nicht schlimm und muss keineswegs zwangsläufig zum Zusammenbruch führen.

    Die Tatsache, dass man unser Geld so etwas wie „Schuldgeld“ ist, und es eine „Geldschöpfung“ durch private Kreditinstitute gibt ist per se nicht schlimm und muss keineswegs zwangsläufig zum Zusammenbruch führen. <--- Oh und ob, denn das sich durch Zins und Zinseszins von selbst vermehrende Kapital häuft sich bekanntlich nur da an, wo sich das ursprüngliche Kapital konzentriert hat und das wiederum führt zu erheblichen Ungleichgewichten im System, welche schon so groß geworden sind, dass sie ganze Staaten in den Ruin treiben können.

  2. Einmal ein sehr guter Artikel zu dem Thema, der die Dinge für den Laien einfach und nachvollziehbar darstellt, ohne die Intelligenz der Leser zu beleidigen. Nur am Schluss frage ich mich: Ist das ewige Weiterführen der Kreditkette tatsächlich unsere einzige Option? Ist es überhaupt eine Option? Da fällt mir ein Lehrsatz der Ökonomie ein, den ich als Laie auch sehr gut nachvollziehen kann: Was nicht ewig weiter gehen kann, wird irgendwann enden.

    4 Leserempfehlungen
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    • gquell
    • 12. Oktober 2012 15:25 Uhr

    Es kann nicht endlos weitergehen, da die Wirtschaft eine progressive ist - kurz, es ist der Zinseszinseffekt.
    Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit, nämlich die Schulden zu erlassen. Das kann bei der Zahlungsunfähigkeit des Schuldners erfolgen oder aber zu anderen Zeitpunkten.
    Bei der zweiten Lösung sticht besonders die Brakteatenwirtschaft des Mittelalters hervor. Hier wurde das Geld regelmäßig umgetauscht. Zum Beispiel wurden 12 alte Pfennige gegen 9 neue Pfennige umgetauscht. Welchen Effekt hatte diese Form der Wirtschaft? Sie sorgte für ein starkes wirtschaftliches Wachtsum, d.h. der Geldumlauf wurde beschleunigt. Gleichzeitig verhinderte sie das Horten von Geld, da dieses ja an Wert verlieren würde. Beides bewirkte eine starke wirtschaftliche Blüte, z.B. unsere alten mittelalterlichen Städte mit ihren schönen Bauten sind in dieser Zeit entstanden. Das Geld wurde lieber in Sachwerte investiert.
    Der entscheidende Punkt ist, daß das Geld sichtbar an Wert verlieren muß (Inflation ist unsichtbar!). Erst dann beschleunigt sich der Geldumlauf und es erfolgt eine verstärkte Investition in Sachwerte.

    Was wir zur Zeit erleben ist übrigens die verstärkte Übernahme von Sachwerten durch die Vermögenden. Diese bereiten sich auf die Geldentwertung vor, während der unwissende Bürger vermehrt in reine Geldanlagen investieren soll.

  3. 3. hehehe

    das ist ja ein moderner Essay mit 100% Inhalt.
    Selten aber mehr als nötig in dieser aktuellen Zeit.
    lieben Dank

    7 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 12. Oktober 2012 14:59 Uhr

    "wir Deutschen" könnte ja maximal "Wir deutschen Journalisten" geissen, denn ich bin zwar deutsch, aber nicht reich. In den letzten 10 Jahren bin ich sogar verarmt.

    17 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak

    Schulden der Südländer wären Sie dann eben noch ärmer.

    • Chali
    • 12. Oktober 2012 15:40 Uhr

    ... ist der Text nicht. Das will ich zugeben.

    Aber bei der Verwendung von "wir" (oder "uns") muss ich an den Herausgeber dieses Blattes und sein Wort vom "nationalen Egoismus" denken. Der Cheredakteur sollte die Verwendung dieses Begriffs untersagen, solange es nicht um Berichte aus der Redaktion handelt - "Wir über uns".

    Das ist mein Verständnis von journalistischer Sorgfaltspflicht.

    "wir haben den Profit" kann allenfalls als wörtliches Zitat durchgehen - von Herrn Keitel vielleicht oder Prof X oder Y. "Wir", die arbeitende Bevölkerung, haben nämlich nicht "den Profit", sondern wir haben die Schulden, mit denen die Verschreibungen erworben wurden, und die Verschreibungen, die nunmehr zerbrochen sind.

    Die zum Ersten

    • Chali
    • 12. Oktober 2012 16:01 Uhr

    ein "schwäbischen Wirt".

    Das wäre ein viel besseres Beispiel.

    Wenn die schwäbische Hausfrau ihre Ausgaben kürzt (UND: ihre Einnahmen gleich bleinen!), dann kann sie in der Tat ihre Schulden reduzieren.

    Wenn ihr Bruder hingegen die freundlche Bedienung herausschmeisst, die Putzfrau gleich mit, die Kosten für die Reinigung von Tischdecken reduziert, kurzum: SPART - sich alle Investitionen "spart", bleibt sein Einkommen jedoch nicht gleich. Es hat dies eine direkte Rückkopplung auf die Besucherzahl und das, was diese Ausgeben.

    • scoty
    • 12. Oktober 2012 15:07 Uhr

    als ob die uns das Geld geschenkt hätten.

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    warscheinlich nicht...

    • Misa8
    • 14. Oktober 2012 15:35 Uhr

    @scoty es:
    ist schön zu sehen dass Sie auch Artikel lesen die Sie momentan noch inhaltlich überfordern. Wenn Sie so weitermachen wird sich mit Sicherheit auch ein Lerneffekt einstellen.

    "als ob die uns das Geld geschenkt hätten."
    das haben sie auch, weil der deutsche Staat dadurch Sozial- und Arbeitslosengeldleistung gespart hat!
    Dafür haben diese überschuldete Staaten erhöhte Sozial- und Arbeitslosengeldleistungen gehabt, was auch deren Überschuldung mitverursacht hat!
    Durch den Leistungsbilanzüberschuss exportiert Deutschland auch seine Arbeitslosigkeit.

  4. Kein Land kann auf Dauer mit einer positiven, noch negativen Leistungsbilanz leben, es sei denn Sie wird durch Enteignung (Konkurs des Schuldners) oder Leistungslose Übertragung ausgeglichen.

    Schlaue Ökonomen schrieben das sogar mal in die Verfassung. Magisches Viereck heißt das.

    Art. 109 II GG i.Verb.m. StabG

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    • WolfHai
    • 12. Oktober 2012 15:10 Uhr

    Der Artikel argumentiert gegen die, die Schulden immer für verwerflich halten. Mit Recht. Viele Schulden sind sehr sinnvoll: sie geben den einen Kapital für produktive Investitionen und den anderen Möglichkeiten, ertragsbringend Ersparnisse zu bilden.

    Der Artikel tut nun aber so, als ob Schulden immer gut seien und fordert: noch mehr Schulden! Das ist verkehrt. Denn Schulden, die nicht zu produktiver Verwendung führen, verzerren Wirtschaftsstrukturen, anstatt sie an neue Erfordernisse anzupassen, und sie enteignen die Sparer. Die Exporte an Griechenland gegen Schulden, die nie zurückgezahlt werden, haben die Exporteure bereichert und den deutschen Steuerzahler (der die Last am Ende trägt) verarmt. In der Privatwirtschaft gibt es die Insolvenz, um dem unproduktiven Schuldenmachen ein Ende zu setzen. Das brauchen wir auch in Bezug auf Griechenland und evtl. Spanien.

    Der Artikel leidet darunter, dass er den fundamentalen Unterschied zwischen produktiven und unproduktiven Schulden nicht herausarbeitet. Indem er zeigt, dass Schulden nicht immer schlecht sind, hat er Wert. Aber der Rest ist irreführend.

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    • Misa8
    • 14. Oktober 2012 16:03 Uhr

    der Artikel stellt einige fundamentalen Eigenschaften von Schulden herraus. Fundamental bedeutet hier es gilt für beide Schuldbegriffe die Sie verwenden.

    Eine Position zum "weiter Schulden machen" seitens des Autorswird nicht eingenommen - anders als Sie behaupten-
    Stattdessen erscheint mir eine Deutung als Anreiz zum Anstellen grundsätzlicher Gedanken über das System in dem wir wirtschaften und leben gerechtfertigter als Ihre Deutung.

    Bezüglich " Die Exporte an Griechenland gegen Schulden, die nie zurückgezahlt werden, haben die Exporteure bereichert und den deutschen Steuerzahler (der die Last am Ende trägt) verarmt" : der Artikel stellt sehr schön das die Kette bricht sobald eines ihrer Elemente nicht mehr in der Lage ist das die Schuldenstrategie weiter zu verfolgen. Die vielen Jahrzehnte davor als dieser Punkt noch nicht durch Neuverschuldung und Zinseszins erreicht war hat man das Problem ignoriert.

    Das die "Steuern zahlende Bevölkerung Deutschlands" (seid einigen Jahrzehnten gehören hierzu ein nicht unwesentlicher Anteil Ausländer und ""ehemaliger Ausländer"") liegt an einem System mit einer derartigen Machtposition von manchen Unternehmen(z.B. Banken), dass sich die europäische Politik nicht traut sie pleite gehen zu lassen. Griechenland soll nämlich nict pleite gehen, damit es nicht schlimmer wird als mit "Lehman brothers" .

  5. Zwei Dinge sind doch mal wieder unter den Tisch gefallen:

    1. Die Rolle der Zinsen. Hinter jeder Aufnahme von Schulden steht der Zwang (bzw. das Versprechen) von Wachstum, denn es muss ja mit dem eingesetzten Geld ein Mehrwert geschaffen werden, der mindestens dem Zins entspricht. Wie hoch ist das Wirtschaftswachstum und wie hoch die Zinsbelastung der EU-Länder? Wo soll das grenzenlose Wachstum herkommen? Was ist daran nachhaltig? Und wo sind die realen Gegenwerte für das Spielgeld, das die Zentralbanken ausgeben?

    2. Die schöne Metapher mit der Familie. Wenn man solche Metaphern nutzt, dann sollte man auch erwähnen, dass in der Deutschen Familie ein paar reiche Onkels und Tanten immer mehr vom Kuchen abbekommen, während der Rest immer ärmer wird. Da aber die Taschen der reichen fest geschlossen sind, können sich die armen so gar nicht darüber freuen, dass die Familie als Ganzes nun doch besser dasteht.

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