Felix Baumgartner Sturz aus schwarzem Himmel

Als erster Mensch will der Österreicher Felix Baumgartner im freien Fall die Schallmauer durchbrechen.

Als der englische Tornado-Pilot Andy Green am 15. Oktober 1997 in sein Auto stieg und auf Überschall beschleunigte, konnte niemand voraussagen, was passieren würde. Zuvor hatten Fachleute gerätselt, welchen Effekt Schallwellen produzieren könnten, wenn ein Düsenfahrzeug zu Land durch die Schallmauer rast. Erzeugen die komprimierten Stoßwellen einen so großen Druck zwischen Autounterseite und dem Wüstenboden in Nevada, dass das Thrust Supersonic Car abhebt und dem Piloten um die Ohren fliegt?

Green schaffte 1227,99 km/h – Mach 1,016. Er spürte kein Rütteln, keinen Schlag. Die Zuschauer hingegen hatten den Überschallknall vernommen – wir hören ihn auch, wenn eine Bombe explodiert oder eine Peitsche knallt. Green erzählte danach von einer beeindruckenden Sinneserfahrung: »Ich konnte die Schallwellen sehen.«

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Jetzt wagt der Österreicher Felix Baumgartner die nächste Hochgeschwindigkeitsmission ins Unbekannte. Auch er will am 8. Oktober die Mauer knacken – nicht in einem Gefährt, sondern im freien Fall. Welchen Belastungen aber ist ein Körper ausgesetzt, der mit Mach 1 zur Erde rast? Wie reagieren Herz, Hirn, Nieren?

In erdnahen, dichten Luftschichten ist dieses Tempo ohne Antrieb nicht zu erreichen. Um dem Luftwiderstand zu entfliehen, muss Baumgartner einen lebensfeindlichen Ort aufsuchen. Mit Druckkapsel und Heliumballon wird er aufsteigen. Über die Troposphäre hinaus, bis in die Stratosphäre. Dort, auf 36.576 Metern, unter einem schwarzen Himmel (nichts bricht dort Licht), beträgt der Luftdruck noch ein Hundertstel des Atmosphärendrucks am Boden. In diesem Beinahe-Vakuum würde Baumgartners Blut umgehend verdampfen, umhüllte ihn nicht ein Druckanzug der Nasa. »Dieser schafft ein künstliches Innenklima, das den Bedingungen in Erdoberflächennähe entspricht«, sagt Andreas Kirklies, Flugmediziner im Luftfahrtbundesamt.

Mit Sauerstoff versorgt, wird Baumgartner in 30 Sekunden auf über 1.150 Kilometer pro Stunde beschleunigen – denn die Gravitation wirkt in dieser Höhe fast so stark wie am Boden. Nach fünfeinhalb Minuten wird er den Fallschirm ziehen. Sollte der Jumper da bereits das Bewusstsein verloren haben, löst der Schirm selbsttätig aus.

Gleich mehrere Rekorde wollen der Österreicher und sein Sponsor, Hersteller einer Brause mit Kaugummiaroma, mit dieser Aktion brechen: höchste bemannte Ballonfahrt, höchste Geschwindigkeit ohne Flugkörper, längster freier Fall. Multipler Rekordhalter ist bislang Joseph Kittinger. Der US-Amerikaner wagte vor mehr als einem halben Jahrhundert den Sprung aus 31.000 Metern Höhe, erreichte 998 km/h und ist heute, 94-jährig, Berater in Baumgartners Team.

Als Allererster übertraf wohl der deutsche Luftwaffenpilot Lothar Sieber die Schallgeschwindigkeit. Die Rekonstruktion seines unkontrollierten Sturzflugs am 1. März 1945 (den Aufprall überlebte er nicht) ergab, dass er die Schallmauer durchbrochen hatte. Nachweislich gelang dies erst dem amerikanischen Testpiloten Chuck Yeager 1947.

Warum, fragen sich viele, wird der Haudegen Baumgartner nicht verglühen wie eine Sternschnuppe? Der Grund: Meteoriten sind schneller. Sie erreichen die Atmosphäre mit Mach 35 bis 215. »Solche Geschwindigkeiten von mehreren Kilometern pro Sekunde sind selbst beim freien Fall in Stratosphärenschichten nicht zu erreichen«, sagt Flugmediziner Kirklies. Die thermische Erwärmung durch Reibung sei daher nicht so hoch. Eher könnte die Kälte von minus 60 Grad dem Athleten zusetzen. Die größere Gefahr ist jedoch das Trudeln. Unkontrollierte Drehungen könnten so schnell werden, dass das Blut unter Hochdruck aus den Augen quelle, mutmaßt Baumgartner. Es könne sich sogar sein Hirn vom Hirnstamm lösen.

Das Risiko, zum Propeller zu werden, bestehe, wenn ein Körperteil die Schallmauer durchbreche, ein anderer noch nicht. Kurzzeitig könnten Druckwellen kollidieren – mit unberechenbaren Folgen. Der schwache Luftdruck mindert zwar dieses spezifische Risiko von Turbulenzen an der Schallmauer, er erhöht aber die Rotationsgefahr. Im Fastvakuum kann der Athlet kaum lenkend eingreifen. Ein Bremsschirm würde sich im Notfall automatisch öffnen.

Außerdem setzt Baumgartner auf Erfahrung. Mit gefälschtem Ausweis (und Fallschirm im Aktenkoffer) erschlich er sich den Zugang zu den Petronas Towers in Kuala Lumpur und sprang. Sein Basejump von der Jesus-Statue in Rio de Janeiro sorgte für Schlagzeilen. Nach einem Sprung in Schweden entkam er der Polizei auf dem Motorrad. Doch immer mal erwischten ihn Gesetzeshüter. Tausend Euro Strafe musste er zahlen, weil er auf der Europabrücke am Brenner von einem fahrenden Lastwagen den Satz in die Tiefe wagte. Das Auf- und Abspringen von fahrenden Fahrzeugen erlauben die Straßenverkehrsregeln aber nur in Ausnahmefällen (Müllwagen).

Nasa und U. S. Air Force unterstützen Baumgartners Abenteuer am Rand des Weltraums. Sie versprechen sich Erkenntnisse zum Schutz ihrer Piloten. Aber Wissenschaft dient hier eher als Feigenblatt. »Tiefer Fall eines Rekordwindbeutels«, schnödete die taz über den »sinnfreien« Abenteuertrip eines »geltungssüchtigen Vollpfostens«.

Immerhin ist der Geschmähte gut vorbereitet. Im Körperjournal Fit for Fun philosophierte er zum Problem des Harndrangs, man könne eine Art Kondom tragen, um notfalls pinkeln zu können. Oder Windeln. Für Baumgartner ein klarer Fall: »Ich finde, Helden tragen keine Windeln.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41
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