Eigentlich ist Jack Kerouacs Beat-Roman On the Road, zu Deutsch Unterwegs, ein aberwitziges Buch. All das, was den modernen Roman als literarische Kunstform auszeichnete, hat Kerouac als Ballast behandelt. Es gibt keine Formenvielfalt, keine Vielstimmigkeit, kein Abbild von Gesellschaft, keinen Totalitätsanspruch, keine Psychologie, kein Verschwinden des Subjekts hinter Strukturen, Dingen, sozialen Praktiken, keine Analysen, keine Metaebene, keine Kommentierung. Das alles hätte nur gebremst. Es gibt nur die Behauptung: So, ja so hat sich das angefühlt, jung und wild zu sein im Amerika um 1950. Es gibt nur einen Rausch von Bildern, Sex, Drogen, Landschaft, Hunger, Jazz. Es gibt nur das Vorwärtsbrettern atemloser, unpolierter Sätze, aufgeladen mit Authentizität bis zum Gehtnichtmehr. Der Aberwitz dieses Romans liegt darin, dass er mit literarischen Mitteln davon träumt, Film zu sein. Jetzt, ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen, ist er das geworden.

Der Brasilianer Walter Salles ( Central Station , Die Reise des jungen Che ) hat das Wagnis der Verfilmung unternommen. Er hat das Personal des Romans zusammengestrichen, um der Freundschaft zwischen dem Charismatiker Dean Moriarty, einer Art Dionysos aus Denver , und Sal Paradise, dem Alter Ego von Jack Kerouac, noch mehr Raum als im Buch zu geben. Der Handlungsablauf folgt ansonsten eng der Vorlage. In der durchqueren Sal und Dean teils je für sich, teils gemeinsam, teils mit Deans Frauen im Gepäck in Bussen, Zügen und Autos mehrfach die USA von Osten nach Westen und zurück und gelangen Richtung Süden bis Mexico City.

Immer passiert irgendwas im Roman, immer "geht was ab", wie man so sagt, aber es geht nirgendwohin. Auch die Figurenentwicklung ist minimal, höchstens dass sich Sal nach und nach von Dean zu distanzieren scheint und ein geregelteres Leben in Betracht zieht. Das Drehbuch des Films weicht diese Ziellosigkeit auf, indem Sal von Anfang an als ein Reiseschriftsteller eingeführt wird, der sich mit dem Notizblock in der brennenden Spur von Deans Leben hält. Zum Ende gelingt Walter Salles mit dieser Konstruktion eine schöne, kluge, auch traurige Pointe, die im Roman subtil angelegt, aber nicht wirklich ausgeführt war: Er erzählt, wie ein Schriftsteller seinen Freund feiert und zugleich verrät, wie die Kunst das Leben verewigt und zugleich verschmäht.

Dieses gelungene Ende zeigt aber nur umso deutlicher, dass der Film On the Road die eigentliche Essenz des Buchs nicht zu übersetzen vermag. Im Buch entfaltet sich gerade in der Ziellosigkeit das Ziel der Unternehmungen und der Fahrerei: ganz und gar im Moment zu leben. Intensität ist das Schlüsselwort des Romans. Es bringt einen quasireligiösen Anspruch von Sein auf den Punkt; ein Verlangen nach Hiersein, Jetztsein, Ganzsein, das Kerouac in der Folge von On the Road über die Drogen hinaus zur Meditation und zum Zen-Buddhismus geführt hat. Es ist das alte Programm des Ausschaltens der Verstandestätigkeit, und Kerouac realisiert es in seinem Roman mit den endlosen Schilderungen von nicht endenden Nächten, ekstatischen Beschreibungen der Natur, mit Notaten von wildem Palaver und vor allem durch seinen berühmten Stil der spontanen Prosa.

Nah dran sein und jede Szene bis zur Neige auskosten! So hätte der Imperativ des Filmes entsprechend lauten müssen. Stattdessen erliegt er leider viel zu oft einer sattsam bekannten Roadmovie-Panorama-Perspektive. Das ist der Kamerablick, der über alles gleichmütig hinwegstreift, statt sich zu verbeißen in das pralle Leben, um es nicht ziehen zu lassen. Es ist der Kamerablick der Distanz, der die Bilder so glättet, dass sie uns kaltlassen. Der Exzess des Buchs wird dadurch stumpf, die vorbeifliegende Landschaft zum Blättern im Coffee-Table-Book, der Sex sauber und die Gosse stilvoll.

So paradox es klingt: Gerade diese reibungslos sich aneinanderreihenden Bilder lassen den Film seltsam auf der Stelle treten. Noch ein Abstecher, noch mehr Frauen, noch mehr Drogen, denkt man sich ermüdet in der sich dehnenden Mitte des Films. Und weil auch die Schauspieler sich viel zu sehr im Griff haben; weil Garrett Hedlund als Dean auf stets dieselbe flache Art Frauen tief in die Augen schaut; weil Sam Riley als Sal Paradise nur mit angezogener Handbremse feiert, da er zugleich den stirnrunzelnden Schriftsteller geben muss; und weil man auch verstanden hat, dass Kristen Stewart als Deans Liebe Marylou den Mund immer dann lautlos öffnet und wieder schließt, wenn sie innerlich bewegt ist, drängt sich im Film irgendwann die Frage auf, wohin das alles bloß führen mag.

Vielleicht zur Erkenntnis, dass ein hübsches Ende noch keine Party macht. Und dass ein Buch, das Film sein will, womöglich unverfilmbar ist.