Frank Stronach"Ich bin der Behüter der Werte"

Der politische Newcomer Frank Stronach ist nicht nur ein Weltverbesserer, er ist vor allem ein neues Medienphänomen. von 

Nach einer halben Stunde im Fernsehstudio beginnt in seinen Augen immer wieder kurz Verärgerung aufzublitzen. Kleine rote Zornflecken erblühen auf seinen Wangen. Die Unbotmäßigkeit, der er am Sonntagabend in der TV-Gesprächsrunde Im Zentrum begegnet, ist ihm weder vertraut, noch ist er gewillt, sie hinzunehmen. Er sei zwar bereit, die eine oder andere Frage der anwesenden Medienleute zu beantworten, erklärt Frank Stronach gleich eingangs, zu einer Diskussion mit den Hobbits aus der Zeitung sei er hingegen keineswegs zu bewegen. Einwände? Lächerlich. Den zunehmend hilfloser agierenden Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil putzt er von Beginn an herunter wie einen widerspenstigen Lehrling, der schon wieder ein Werkstück versaut hat.

Seit der 80-jährige Magna-Magnat angekündigt hat, er beabsichtige, viele Millionen in die Errettung Österreichs vor den Übeln des politischen Systems zu investieren, ist er ein gefragter Mann im medialen Zirkus. Auch von deutschen Fernsehsendern wurde das zunächst noch belächelte Kuriosum aus Österreich bereits eingeladen: Am Dienstag trotzte er in der ARD den wesensverwandten Besserwissern Thilo Sarrazin und Oskar Lafontaine.

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Die geballte öffentliche Präsenz des Rappelkopfs liegt vor allem daran, dass mit Stronach ein neues, noch unverbrauchtes Phänomen die Bühne erklommen hat. Der eigenwillige Milliardär wirbelt die routinierte mediale Inszenierung der politischen Auseinandersetzung unbekümmert durcheinander. Er weigert sich beharrlich, irgendeine ihm zugedachte Rolle zu spielen. Vielmehr gibt er selbst die Agenda vor, ebenso wie er sich selbst in Szene setzt. Er schreibt die Spielregeln, deren wichtigste Bestimmung vorsieht, dass alle anderen seinem Sermon zuzuhören haben.

Auch wenn viele andere Selbstdarsteller am liebsten nur sich reden hören, in aller Regel akzeptieren sie aber die Konventionen einer Debatte. Das ist im Weltverständnis des Frank Stronach nicht vorgesehen. Er pflegt den patriarchalen Kommunikationsstil eines Erweckungspredigers, dem eine untrügliche Heilsbotschaft gegeben ist. Sie mag sich größtenteils aus Banalitäten zusammensetzen. Aber Stronach trägt sie mit erheblichen Sendungsbewusstsein vor und verleiht ihr dadurch vor allem bei jenen Überzeugungskraft, die des politischen Nullsummenspiels überdrüssig sind.

Längst ist das Publikum abgestumpft von dem abgeschliffenen Politikergeplapper, das aus den meisten Sendekanälen blubbert. Da trifft Meinung auf Meinung, prallt Unterstellung auf Unterstellung, und alles wird letztendlich zu einem ermüdenden Einheitsbrei der Unverbindlichkeit verrührt. Stronach hingegen meint nicht. Er weiß. Und er verkündet dieses, sein Evangelium nach Frank.

Ganz offen zeigt der Selfmademan seine Verachtung für jedes vermeintliche Expertenwissen. Bücherwürmer sind ihm suspekt, intellektuelles Gehabe ist ihm ein Graus, lediglich Zeit- und Geldverschwendung sei solches Gerede. Auch durch dieses unverhüllte Bekenntnis zu seinen Ressentiments sticht er aus der herrschenden Medienkultur hervor, in der noch jeder Einfaltspinsel sein schlichtes Gemüt hinter Phrasen zu verbergen sucht. Die Lebenswahrheiten des Praktikers Stronach stammen im Gegensatz dazu von der Werkbank. Politiker, sagt er, könnten nicht einmal einen Greißlerladen führen. Die müssten »umprogrammiert und umgeschult werden«, bevor sie zu gebrauchen seien.

Im bodenständigen Idiom seines Rückwanderersteirisch geht verloren, wie sehr der selbst ernannte »Behüter der Werte« auf seiner Mission von dem Stil amerikanischer Provinzwahlkämpfe geprägt ist. In den USA fühlt sich häufig ein gelangweilter Krösus dazu berufen, sein Land vor dem vermeintlichen Untergang zu retten. Bei diesen Anti-Establishment-Kampagnen werden dann stets jene values beschworen, welche die Nation groß gemacht hätten und im fernen Washington von den Bürokraten und Lobbyisten mit Füßen getreten würden. In Österreich ersetzt der Milliardär Stronach nun diese Botschaft durch die Werte, die ihn groß gemacht hätten: »Wahrheit, Transparenz, Fairness«. So kurz kann ein Parteiprogramm sein. Genaueres darüber findet sich in der Biografie des erfolgsverwöhnten Industriekapitäns, die er deshalb auch stets ausführlich referiert. Auch dies eine Unsitte aus Übersee: Ideen zählen nichts, nur Taten und der unfehlbare Glaube an die eigene Überlegenheit.

In manchen Momenten seiner Medienpräsenz erinnert Frank Stronach an die alpenländische Version einer Kunstfigur, die der Schauspieler Peter Finch 1976 in dem Film Network von Sidney Lumet verkörperte. In dieser bitteren Mediensatire rastet eines Tages der Nachrichtenmoderator Howard Beale vollkommen aus und verwandelt sich in einen zornigen Propheten der Apokalypse. Er fordert das Publikum auf, seine Wut zum Fenster hinauszubrüllen. Über Nacht hat das Land einen neuen Medienstar.

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Leserkommentare
  1. Gerade wurde in Österreich mit dem Abdrehen des U-Ausschusses vorgeführt, wie unsagbar korrupt, arrogant und undemokratisch SPÖ und ÖVP dieses Land vergewaltigen.

    Diese Parteien haben das Land mit ihren Beamten und ihren Sonderregelungen (Siehe z.B. Pensionsprivilegien) finanzielle so ruiniert, dass es den Jungen Angst und Bange um ihre Zukunft wird.

    Dass da ein Heilsversprechen von einem Praktiker und erfolgreichen Geschäftsmann willkommen ist, ist verständlich und auch notwendig!

    Denn wenn man die Arroganz der "Wahrheitseigner", mit der diese Journalisten besserwisserisch diesen "alten Mann" lächerlich machen wollen sieht, dann wünsche ich Österreich einen Stronach im Parlament!

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  • Schlagworte Frank Stronach | Oskar Lafontaine | Thilo Sarrazin | Sidney Lumet | Österreich | Übersee
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