Dass es schlimm kommen würde, steht seit dem Frühjahr fest – nun aber kommt es schlimmer. Mehr als drei Millionen Arbeitslose! Immer neue Massenentlassungen! Da wächst der Zorn. Am kommenden Dienstag wird er sich in den Straßen von Paris, Bordeaux und Lyon entladen. Es wird ein heißer Herbst in Frankreich. Und eine Herausforderung für die sozialistische Regierung.

Das rührt an ein Trauma der Linken. Sie erinnert sich noch gut daran, wie ihr Premierminister Lionel Jospin im Jahr 2000 angesichts einer Massenentlassung im Michelin-Konzern einräumte: »Der Staat kann nicht alles« – das kam vielen Franzosen so vor, als lasse er sie in der Not allein. Zwei Jahre später verloren die Sozialisten die Präsidentschaftswahl und mussten ein Jahrzehnt warten, bis sie wieder an die Macht kamen.

Wie also soll die regierende Linke sich jetzt verhalten, angesichts einer Welle von Betriebsstilllegungen? Was kann der Staat, was nicht? Auf den Straßen wird die Forderung laut: Ein Unternehmen, das Gewinne macht, darf nicht entlassen.

Am Dienstag werden auch Catherine, Anne-Marie, Martine und ihre Kolleginnen nach Paris reisen, um dafür zu demonstrieren. Sie haben einen besonderen Grund. Man trifft auf ihn nach einer Reise durch den dünn besiedelten Nordosten Frankreichs, vorbei an ausgedehnten Getreidefeldern. Irgendwann kommt das Dorf Plancy-l’Abbaye in Sicht und schließlich ein Gewerbegebiet. Da steht ihre Fabrik. Was immer das heißen soll: »ihre« Fabrik.

Die 41-jährige Catherine Berlin und die anderen erscheinen dort jeden Morgen und stecken die Stempelkarten ein. Aber dann: nichts. In der Wellblechhalle, wo sie einst Verbände, Plastikumhänge und anderes Klinikmaterial montierten und verpackten, steht alles still. Telefone und Computer sind abgeklemmt. »Wir bieten trotzdem täglich unsere Arbeit an«, sagt Catherine. »Und unser Klopapier bringen wir selbst mit.«

Die Firma Sodimedical zahlt ihnen seit fast einem Jahr keine Löhne mehr. »Wir hatten ja schon vorher nur den gesetzlichen Mindestlohn verdient«, sagt Catherine. »Aber jetzt ist es bitter geworden. Keine Geschenke für die Kinder, keine Ferien, keine Ausflüge mit dem Auto, denn das Benzin ist zu teuer.« Die Familien bleiben an den Wochenenden in ihren Dörfern hocken.

»Da wirst du weich in der Birne«, sagt die 53-jährige Martine Gérard, die ein Abzeichen der Kommunistischen Partei an der Jacke trägt. Sie stehen das alles nur durch, weil Bürgervereine helfen, Elternverbände, Bäcker, Schlachter, Bauern. Das Arbeitsministerium in Paris schickt zwei Psychologen.