FrankreichIm Reich des Klassenkampfs
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Jubel im Gewerkschaftslager

Sodimedical ist der Name eines Lehrstücks in drei Akten. Der erste setzte vor sieben Jahren ein. Die Firma gehört der deutsch-österreichischen Lohmann & Rauscher GmbH, einem florierenden Weltkonzern. Er begann damals auch in China zu produzieren. Nur eben billiger. In Frankreich dagegen wurde allmählich entlassen, 2010 war von den rund 100 Beschäftigten nur mehr die Hälfte übrig. Da wurde ihnen ohne Vorwarnung verkündet: Wir machen die Bude dicht, es gibt einen Sozialplan.

Damit begann der zweite Akt. Er spielte sich vorrangig vor den Gerichten ab. Denn das ist typisch für Frankreichs Arbeitskonflikte: »Die Unternehmerseite informiert, wenn alles entschieden ist, und die Gegenseite verhandelt nicht groß, sondern zieht gleich vor Gericht« – so kennt es Pierre Ferraci, Vorstandschef der Groupe Alpha, eines großen Beratungsunternehmens. Die Sodimedical-Belegschaft rief die Gerichte an, und siehe da: Mehrmals hintereinander scheiterten die Sozialpläne der Firma, weil die Richter sie als zu dürftig einschätzten.

Woraufhin Lohmann & Rauscher im Herbst 2011 eiskalt die Lohnzahlungen einstellte. Begründung: Sodimedical habe kein Geld mehr. Was Wunder, schließlich waren alle Aufträge nach China gewandert. Da jedoch gelang dem Anwalt der Belegschaft ein Durchbruch: Im Juli verurteilte ein Gericht die Mutterfirma, die ausstehenden Gehälter zu zahlen und vor allem, die Produktion in Frankreich wiederaufzunehmen.

Ein Novum. Jubel im Gewerkschaftslager. Von wegen »Der Staat kann nicht alles« – die Justiz kann ein Unternehmen sogar zur Produktion zwingen! Oder etwa nicht?

Eher nicht. Dritter Akt: Am vergangenen Freitag entschied ein Gericht in letzter Instanz, dass Sodimedical jetzt doch liquidiert wird. Catherine und ihre Kolleginnen werden entlassen, und zwar zu schlechteren Bedingungen, als sie der ursprüngliche Sozialplan vorsah. Die ausstehenden Löhne werden von einem Hilfsfonds ausgeglichen. Vielleicht hätte die Belegschaft doch nicht auf ihren Anwalt hören sollen?

Der führt seinen eigenen Feldzug. Seit Jahrzehnten ficht Philippe Brun dafür, dass profitable Unternehmen nicht entlassen dürfen. Der bärtige Hüne ist ein gefürchteter Spezialist, und wenn er plädiert, wackelt die Wand. Er war es, der einst die Michelin-Belegschaft verteidigte und dem Premierminister Jospin die fatale Äußerung über die Grenzen der Politik entlockte. Brun, den die Sodimedical-Frauen als ihren Helden verehren, wollte an ihrem Fall ein Exempel statuieren.

»Ob der Staat Firmen zur Produktion zwingen kann, das ist in der Tat die große politische Frage des Herbstes « – so sieht es Raymond Soubie, der die heißen Dossiers besser als jeder andere kennt; unter Nicolas Sarkozy war er im Elysée für die Sozialkonflikte zuständig, heute berät er Unternehmen, die in die Krise geraten. Im Wahlkampf hatte der Kandidat Hollande Gesetze gegen Betriebsstilllegungen angekündigt. Nach dem Sieg allerdings forderte der Präsident erst einmal Unternehmerverbände und Gewerkschaften dazu auf, einen Kompromiss zu finden. Bis Jahresende sollen sie darüber einig werden, was zu geschehen hat, wenn ein Standort in Gefahr ist. Gelingt es ihnen nicht, werde er eben ohne sie ein Gesetz beschließen lassen.

Leserkommentare
  1. Zwar hat ein Minister in Frankreich keine rechtliche Handhabe, um unternehmerische Entscheidungen zu verhindern. Doch zahlreiche Biografien hochrangiger Manager großer Unternehmen beinhalten einen Slalomparcours zwischen politischen und wirtschaftlichen Posten ("pantouflage"). Zumindest kommt man oft von den selben Hochschulen und die Telefonate erfolgen beispielsweise zwischen Jahrgangskommilitonen und überhaupt unter Angehörigen einer sich in eigener Wahrnehmung als vom Rest des Volkes unterscheidenden Elite.

    Insgesamt führt dies dazu, dass erstens in etwa die gleiche Denke politisch wie wirtschaftlich führt und zweitens die Abgrenzung zwischen Politik und Wirtschaft als Kontinuum gesehen wird. Zusätzlich sieht sich der Staat in vielen Fällen als die Instanz, durch deren Willen gewisse Unternehmen groß geworden oder gar entstanden sind, wodurch die Wirtschaft immer irgendwie als in der Schuld des Staates stehend wahrgenommen wird. Ganz nebenbei muss natürlich dem Volk suggeriert werden, dass man sich kümmert.

    Auch daher rührt insgesamt die Selbstverständlichkeit von der politischen Seite, so zu agieren als wäre die Wirtschaft ein Anhängsel der Staatsverwaltung. Möglicherweise trägt auch dieses von Jacques Chirac seinerzeit als "pensée unique" denunzierte Einheitsdenken zur wirtschaftlichen Stagnation bei: Es liefert einfach nicht die Antwortenvielfalt auf die Herausforderungsvielfalt der Globalisierung. Entlassungen statt Ideen. Statusfixierung statt Flexibilität.

  2. . . .ich den Inhalt dieses Artikels so, das in Frankreich eine weitreichende Liberalisierung existiert. Die verschiedenen Mitarbeiterebenen sind völlig frei darin, wie sie untereinander begegnen:Massenentlassungen, Manager die Untergebene wie ihre Kopierer behandeln, Arbeiter mit diesen Stoffpuppen, 11,4 befristete Verträge/Tag als Spitzenwert, Tagespolitische Entscheidungen und Einmischung der Regierung. Hier in Deutschland geht das anders organisiert zu: Als HartzIVler nimmst du die vom Jobcenter angeordnete Arbeit/Massnahme an oder es gibt eine Kürzung der verfassungsrechtlich garantierten Grundsicherung. Über die Höhe des Lohnes wird nicht verhandelt oder es gibt eine Kürzung der verfassungsrechtlich garantierten Grundsicherung und und und. Also wenn das keine Einmischung unserer regierung ist, was ist es dann? Für Berufsabfänger in der Firma in der ich arbeite gibt es nur befristete Verträge und keine grossen Diskussionen über die Lohnhöhe. Hier haben es die Manager besser, keiner wagt sich, die dafür zeitweise festzusetzen. Frankreich ist weiter als wir, aber auf jeden Fall. Da gibt es diese Sozialpartnerschaft nicht, die eh nur eine Propagandageschichte für die zu Entlassung Anstehenden ist, das ist der Unterschied.Und?

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