FrankreichIm Reich des Klassenkampfs
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Kapitalismus ist kein Nullsummenspiel

Raymond Soubie, der erfahrene Taktiker, lächelt fein: »Da werden nur weiche Formulierungen herauskommen.« Zur Not werde das Verfassungsgericht einen Strich durch die Rechnung machen. Pierre Ferraci von der Groupe Alpha, der Hollande im Wahlkampf beraten hat, glaubt ohnehin nicht an juristische Lösungen: »Unser Problem ist kulturell. Anstelle von Kompromissen, Teillösungen, Bündnissen für Arbeit oder Kurzarbeit gibt es in Frankreich immer nur den Konflikt.«

Das hat Tradition. Karl Marx schrieb einmal, nicht ihm komme das Verdienst zu, die Existenz und den Kampf der Klassen entdeckt zu haben. Das sei die Leistung französischer Historiker gewesen. Seit der Bemerkung sind 160 Jahre vergangen, doch Frankreich ist das Land unversöhnlicher Klassenbeziehungen geblieben. Die einen heißen patrons, die anderen salariés, und damit sind die Rollen abschließend beschrieben: Befehlsgewalt hier, Lohnstreifen da.

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Frankreichs Manager sind dafür berüchtigt, dass sie ihre Untergebenen kaum besser als Kopiergeräte behandeln. Andererseits empfindet es auch niemand als geschmacklos, wenn auf Arbeiterdemos Unternehmerpuppen mitgeführt werden, die an Galgen baumeln. Die Frauen von Sodimedical haben auch schon einmal ihre Verhandlungspartner eine Nacht lang eingesperrt – ein durchaus verbreitetes Kampfmittel. Und so verständlich die Wut ist, das Gespräch bekommt doch einen unangenehmen Zug, als eine Kollegin sagt: »Die Firmenleitung und ihre Anwälte, das sind für mich keine Menschen mehr« – und die anderen ringsum mit den Köpfen nicken.

Was sie erlebt haben, bestätigt die in Frankreich verbreitete Vorstellung, Kapitalismus sei ein Nullsummenspiel: Die einen gewinnen nur auf Kosten der anderen. Und um die Übermacht des Kapitals auszugleichen, muss ein Dritter hinzutreten: der Staat. Infolgedessen werden Sozialkonflikte schnell politisch. »Wir sind es gewohnt, dass sich der Staat einmischt, und zwar auch dann, wenn er von Rechts wegen nicht zuständig ist«, sagt Ferraci, der linke Berater.

Das klingt dann so: Peugeot will eine Fabrik schließen? Das werde er »nicht akzeptieren«, so der Präsident, als brauche die Firma seine Genehmigung. Auch seine Minister »lehnen ab« oder »weisen zurück«, wenn Unternehmen Betriebe stilllegen wollen, alles ohne rechtliche Handhabe. Raymond Soubie fürchtet die Folgen dieser Kraftmeierei: »Die Politik weckt Illusionen, die Enttäuschung wird danach umso größer.«

Das Ansehen Hollandes verfällt derzeit schneller als das aller seiner Vorgänger nach ihrer Wahl, und damit auch der machtpolitische Trumpf, den er in der Hand hält. Zwar hat die fünfjährige Amtszeit des Präsidenten erst begonnen, ebenso wie die Legislaturperiode der sozialistisch dominierten Nationalversammlung; außerdem halten die Sozialisten die Mehrheiten im Senat und in den Gebietskörperschaften. Klingt stabil. Ist aber labil. Schon mehr als einmal hat die Unzufriedenheit der Massen Frankreichs Geschichte auf einen Schlag umgelenkt. Soubie: »Die Franzosen sind ein entflammbares Volk. Irgendwann kann der Unmut so groß sein, dass ein Funke genügt, alles in Brand zu stecken. Wie 1968. Und die Gefahr muss nicht immer von links kommen.«

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Leserkommentare
  1. Zwar hat ein Minister in Frankreich keine rechtliche Handhabe, um unternehmerische Entscheidungen zu verhindern. Doch zahlreiche Biografien hochrangiger Manager großer Unternehmen beinhalten einen Slalomparcours zwischen politischen und wirtschaftlichen Posten ("pantouflage"). Zumindest kommt man oft von den selben Hochschulen und die Telefonate erfolgen beispielsweise zwischen Jahrgangskommilitonen und überhaupt unter Angehörigen einer sich in eigener Wahrnehmung als vom Rest des Volkes unterscheidenden Elite.

    Insgesamt führt dies dazu, dass erstens in etwa die gleiche Denke politisch wie wirtschaftlich führt und zweitens die Abgrenzung zwischen Politik und Wirtschaft als Kontinuum gesehen wird. Zusätzlich sieht sich der Staat in vielen Fällen als die Instanz, durch deren Willen gewisse Unternehmen groß geworden oder gar entstanden sind, wodurch die Wirtschaft immer irgendwie als in der Schuld des Staates stehend wahrgenommen wird. Ganz nebenbei muss natürlich dem Volk suggeriert werden, dass man sich kümmert.

    Auch daher rührt insgesamt die Selbstverständlichkeit von der politischen Seite, so zu agieren als wäre die Wirtschaft ein Anhängsel der Staatsverwaltung. Möglicherweise trägt auch dieses von Jacques Chirac seinerzeit als "pensée unique" denunzierte Einheitsdenken zur wirtschaftlichen Stagnation bei: Es liefert einfach nicht die Antwortenvielfalt auf die Herausforderungsvielfalt der Globalisierung. Entlassungen statt Ideen. Statusfixierung statt Flexibilität.

  2. . . .ich den Inhalt dieses Artikels so, das in Frankreich eine weitreichende Liberalisierung existiert. Die verschiedenen Mitarbeiterebenen sind völlig frei darin, wie sie untereinander begegnen:Massenentlassungen, Manager die Untergebene wie ihre Kopierer behandeln, Arbeiter mit diesen Stoffpuppen, 11,4 befristete Verträge/Tag als Spitzenwert, Tagespolitische Entscheidungen und Einmischung der Regierung. Hier in Deutschland geht das anders organisiert zu: Als HartzIVler nimmst du die vom Jobcenter angeordnete Arbeit/Massnahme an oder es gibt eine Kürzung der verfassungsrechtlich garantierten Grundsicherung. Über die Höhe des Lohnes wird nicht verhandelt oder es gibt eine Kürzung der verfassungsrechtlich garantierten Grundsicherung und und und. Also wenn das keine Einmischung unserer regierung ist, was ist es dann? Für Berufsabfänger in der Firma in der ich arbeite gibt es nur befristete Verträge und keine grossen Diskussionen über die Lohnhöhe. Hier haben es die Manager besser, keiner wagt sich, die dafür zeitweise festzusetzen. Frankreich ist weiter als wir, aber auf jeden Fall. Da gibt es diese Sozialpartnerschaft nicht, die eh nur eine Propagandageschichte für die zu Entlassung Anstehenden ist, das ist der Unterschied.Und?

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