FrankreichBock auf Ziegen

Meckert viel, aber der Käse schmeckt: Die Chèvre du Rove ist das traditionelle Nutztier der Basse Provence. Jetzt können Touristen mit ihr wandern. von Annette Zerpner

»Allez, allez, allez!« – sobald François Borel das Gatter des Pferchs beiseiteschiebt, geht ein Ruck durch die Ziegengesellschaft. Köpfe drehen sich, Glieder werden sortiert, dann staksen die Tiere zur Öffnung. Mit leisem Gemecker zockeln sie vom Hof. Von hinten betrachtet, erinnert die Herde an einen Trupp umgedrehter Kleiderbügel: Die ausladenden, antilopenartigen Hörner sind das auffälligste Merkmal der Rove-Ziege.

Ein steiniger Pfad führt vom Hof der Borels nahe La Roque-d’Anthéron in die charakteristische Hügellandschaft der Basse Provence: Lichte Pinienhaine, Eichen- und Kiefernwäldchen wechseln mit Strauchheide. Das Sägen der Zikaden vermischt sich mit Glockenklang, es riecht nach Kräutern und ein bisschen nach Ziege. Im Gehen rupfen die Geißen hier und da geschickt einen Imbiss vom Wegesrand, ohne sich die weichen Mäuler an Ginsterstacheln einzureißen. Die Herde passiert ein renoviertes Jas, ein ehemaliges Schäferhaus aus runden Feldsteinen. Mit langen Hälsen inspizieren die Tiere den Tisch einer Urlauberfamilie, die auf der Terrasse frühstückt.

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Die meisten Touristen kommen zum Sporturlaub in diese Gegend. Sie paddeln auf der idyllischen Sorgue, strampeln auf Mountainbikes durch den Naturpark Luberon, lernen Gleitschirmfliegen. Franzosen reisen auch einfach nur zum Faulenzen und Bummeln an. Sie flanieren ein wenig durch Aix-en-Provence oder Roque; kochen ausgiebig und verbringen den Nachmittag im Garten ihres Ferienhauses bei einem Glas Rosé. Seit ein paar Jahren kann man hier im Urlaub aber auch die Chèvre du Rove kennenlernen: eine alte Nutztierrasse, die vor 35 Jahren fast ausgestorben war und nun von rund 150 Züchtern neu belebt wird. Einige von ihnen bieten Wanderungen oder Spaziergänge mit den Tieren an. Man kann außerdem auf dem Hof mit anpacken – und so nicht nur alles Mögliche über Ziegen, sondern auch über die Traditionen der Gegend erfahren.

Die Rove-Ziege ist so etwas wie das inoffizielle Wappentier der Basse Provence. Vom Mittelalter bis in die 1950er Jahre setzte man sie beim jährlichen Zug der südfranzösischen Merino-Schafherden in die Alpen ein: Die ménons, clevere kastrierte Ziegenböcke, trittsicher und mit gutem Gedächtnis für Wege, liefen vorneweg. Und ein paar Geißen trabten immer in der Menge mit, um notfalls mit ihrer Milch verwaiste Lämmer zu säugen und die karge Kost der Schäfer aufzubessern.

Inzwischen reisen die Schafe per Eisenbahn. Doch die Ziegen erfüllen mehr denn je eine wichtige Rolle als Landschaftspfleger – wo sie fressen, finden sommerliche Brände weniger Nahrung. Und bis heute liefern sie die Milch für den berühmten Frischkäse Brousse du Rove.

Ob all das den Ziegen wohl zu Kopfe gestiegen ist und sie deshalb so – zickig sind? Beim Wandern zeigen sie sich wenig rücksichtsvoll. Man muss gut aufpassen, um zwischen den unregelmäßig dahinzockelnden, manchmal abrupt anhaltenden Huftieren nicht die Balance zu verlieren. Auf einen Halt suchenden Griff nach dem Ziegennacken wird mit scheelem Blick aus den Augenwinkeln, lautem »Mäh!« und Kopfschütteln reagiert. Gar nicht so einfach, mit dieser tierischen Wandergruppe einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Die Bordercollies Julie und Mélano tun sich da leichter: Wie Weberschiffchen fahren sie zwischen Nachzügler und Abtrünnige. Endlich erreicht die Herde eine Einfriedung. Ziegen rein, Gatter zu. Einige Tiere legen sich in den Schatten, andere gehen an Eichen auf die Hinterbeine, um nach Blättern zu angeln. Ziegen-Siesta.

Karte Frankreich
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Die Pause ist wohlverdient, denn der Arbeitstag einer Rove-Ziege beginnt früh: Zeitig am nächsten Morgen besuchen wir Luc und Magali Falcot. Seit 2004 züchten die Freunde der Borels ebenfalls Rove-Ziegen; mittlerweile halten sie 135 Tiere auf ihrem Hof bei Cuges-les-Pins, östlich von Marseille. Als wir am nächsten Morgen den Stall betreten, macht Magali sich gerade daran, das vorletzte Dutzend Ziegen zu melken. Aus einem Außengehege trippeln die Tiere wie kleine Models eine Rampe hinauf und einen Laufsteg in bequemer Arbeitshöhe entlang, bis jedes hinter einer von zwölf Melkstationen steht. Jede Fellfärbung hat einen traditionellen Namen. Vieux Port für weiß, Sardine für rot-weiß meliert, Boccabelle für zweifarbige Tiere. »Und die hier hat ihren eigenen Namen – Mao«, sagt Magali und schließt das Euter einer gelben Ziege an. Nach dem Abpumpen zockeln die zwölf eine zweite Rampe hinunter, die nächsten rücken nach. »Probier’s doch selbst mal per Hand«, schlägt Magali vor. Es ist deutlich schwieriger, als es bei ihr aussieht. Mehr ziehen oder mehr drücken? Dabei drehen – oder lieber nicht? Zum Glück bleibt die Geiß vollkommen ungerührt von allem, was sich an ihrer Unterseite abspielt.

Wie das Endprodukt schmeckt, kann man anschließend kosten: Magali holt aus dem Hofladen einen Teller mit Brousse du Rove. Der Frischkäse, erzählt sie, sei schon auf etlichen Lebensmittelmessen prämiert und von der Organisation Slow Food ausgezeichnet worden. Sogar Gérald Passédat, Chef des Drei-Sterne-Restaurants Le Petit Nice in Marseille, verarbeitet ihn in seinen Kreationen. Die weiße, leicht bröckelige Masse scheint im Mund zu schmelzen und hat ein mildes Aroma. »Man kann den Käse mit Honig und Obst essen, aber auch zu Herzhaftem«, sagt Magali und reicht einen Löffel mit etwas Zucker. Fortgeschrittene Brousse-Freunde, fügt sie hinzu, könnten sogar die Pflanzen herausschmecken, die je nach Jahreszeit in den Hügeln wachsen.

Mittlerweile ist es für die Ziegen auch schon Zeit, dort wieder ihrem Job als Landschaftspfleger nachzugehen. Auf dem Hof herrscht Aufbruchstimmung. Meckernd sammelt sich die Truppe, zockelt los. Und beim Mitwandern stellt man plötzlich fest, dass die Bewegungen gar nicht so holprig sind – dass man sich inzwischen wohl hineingefunden hat in den Rhythmus dieses Ziegenballetts. Die Hunde halten die Truppe zusammen, ganz vorne stapft Luc Falcot: »Allez, allez, allez!«

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Leserkommentare
  1. ...nun sind sie wie alle EU-Länder Souverän, obwohl ich denke, das an der Belgischen Grenze von Frankreich, der Wind auch anders weht, wie in St.Raphaél ....Alles spricht von Käse, der natürlich seine Hochkultur in Frankreich trägt. Soviel Schimmel wie sich die Franzosen am Käse erlauben, der dazu noch genießbar erscheint, und schmeckt, hätt ich mir zu DDR Zeiten auch nicht erträumen lassen. Also wenn man heißhunger auf Käse hat, bei mir ist das immer so alle 4-6 Wochen, wo ich son hieper kriege, natürlich um so mehr, wenn man in Frankreich unterwegs ist, dann sollte der Käsespezialist um die ecke deines Fertrauens aufgesucht werden, also hier in Deutschland wenn es den geben sollte, und alles probiert werden, was so geht, an schimmelfarben. Dazu ein warmes Baguette, und leicht gesalzene Bure, feine französische Salami, und schinken, und du nimmst an sonen Hieper tagen einfach mal 2 Kilo zu.

  2. Brousse ist nicht mild!

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