"Das Phantom des Alexander Wolf"Das Leben der Toten

Der russische Autor Gaito Gasdanow hat ein bisher vergessenes Meisterwerk des 20. Jahrhunderts geschrieben: "Das Phantom des Alexander Wolf". Ein Nachtrag zur Weltliteratur von 

Es war ein einziger Augenblick, der sich ins Leben des jungen Weißgardisten eingebrannt und es aus seiner Umlaufbahn geschleudert hat. Ein heißer Tag irgendwo im Süden Russlands, der Bürgerkrieg zwischen den Roten und den Weißen mäandert für alle Beteiligten undurchschaubar vor sich hin. Der junge Mann, mit seinen sechzehn Jahren eigentlich noch ein Kind, erschießt in Notwehr einen Soldaten, der im Wald sein Gewehr auf ihn richtet. Während der Fremde, Blutblasen vor dem Mund, am Boden im Sterben liegt, besteigt der junge Schütze das weiße Pferd seines Opfers und sprengt davon. Eine Szene, wie sie millionenfach schon vorgekommen sein mag – und Stoff für einen der ganz großen Romane der europäischen Nachkriegsliteratur, von dem wir erstaunlicherweise bisher noch nichts wussten.

Aus unerfindlichen Gründen ist ausgerechnet dieses Meisterwerk der klassischen Moderne lange übersehen worden und wird nun als verspäteter Nachtrag zur Weltliteratur wie eine Flaschenpost aus der Vergangenheit ans Ufer der Gegenwart gespült. Das ist schon eine Sensation. Berauscht versenkt man sich in einen Stil, dessen Makellosigkeit entwaffnend ist, und lernt Menschen kennen, für deren Seelenlandschaften man keine verlässlichen Karten mehr hat.

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Versteckt war dieser großartige Roman keineswegs. Er erschien zum ersten Mal 1947 in der New Yorker Literaturzeitschrift The New Rewiew und hatte neben allen Vorzügen, derer man sich heute in der sensationellen Übersetzung von Rosemarie Tietze noch versichern kann, den unbestreitbaren Nachteil, auf Russisch publiziert zu sein. Denn sein Autor, der 1903 geborene Gaito Gasdanow, war ein vor den Bolschewiken ins Pariser Exil geflüchteter Russe, der anders als sein Schicksalsgenosse Vladimir Nabokov niemals versuchte, in der Sprache seines Gastlandes zu schreiben. Mit der Folge, dass er zu Lebzeiten lediglich im Ghetto der weißrussischen Emigration eine gewisse Bekanntheit erlangte, die mit dessen Aussterben wieder erlosch. Und der Begriff Bekanntheit dürfte sogar noch übertrieben sein. Gasdanow schlug sich Jahrzehnte seines Lebens als Taxifahrer in Paris durch, schlief zeitweilig wie ein Clochard in den Pariser Metrostationen, schrieb nichtsdestotrotz zehn Romane und gelangte erst spät als Redakteur im Dienst des von der CIA finanzierten amerikanischen Rundfunksenders Radio Liberty zu einer bürgerlicheren Lebensführung. 1971 erliegt er in München einem Lungenkrebs und wird auf dem russischen Friedhof bei Paris begraben.

Die Radikalität und unheilbare Zerrissenheit dieses Emigrantenlebens, das Gasdanow buchstäblich rittlings über dem welthistorischen Abgrund des Kalten Krieges verbrachte, haben den Herzschlag dieses Werks beschleunigt. Sein Existenzialismus mag einige Anregungen aus der gleichnamigen französischen Literaturepoche bezogen haben – Das Phantom des Alexander Wolf erschien im selben Jahr wie Albert Camus’ Die Pest und Jean-Paul Sartres Das Spiel ist aus. Doch unverkennbar handelt es sich um eine russische, sehr viel redseligere, warmherzigere und groteskere Variante dieser Geistesströmung, die Tschechow und sogar unserer eigenen Gegenwart näher ist als der unerbittlichen Klarsicht des Pariser Nachkriegs-Existenzialismus. Während dieser in die sogenannte Absurdität der Existenz mit einem verzweifelten Heroismus einwilligt, widersetzen sich Gasdanows Helden der Ausweglosigkeit ihrer Lage, in die sie durch eine Laune der Geschichte geraten sind, ohne an die Möglichkeit, ihr Schicksal durch eigenmächtige Strampelbewegungen je wenden zu können, auch nur eine Sekunde zu glauben. »Lass uns von hier fortfahren«, lässt Tschechow seine taumelnden Endzeitfiguren auf ihren verfallenden Gütern mit jedem zweiten Atemzug sagen. Gasdanows Helden sind schon lange fort, gespensterhaft verfangen in der Wiederholungsschlaufe ihrer eigenen Abwicklung.

Niedergedrückt von der Erinnerung an den vermeintlichen Mord im Bürgerkrieg einerseits und seinem »chaotischen und traurigen« Leben andererseits, stößt der junge Schütze eines Tages auf die englischsprachige Erzählung eines gewissen Alexander Wolf, in der die Einzelheiten des Schusswechsels auf der Waldlichtung derart präzise beschrieben sind, dass der junge Weißgardist in dem Autor sein damaliges Opfer zweifelsfrei wiedererkennt. Die Nachforschungen nach dem Verfasser gestalten sich mühsam. Ein Brief bleibt ohne Antwort, der Londoner Verleger beteuert, Wolf sei nie in Russland gewesen, und fügt aber irritierenderweise hinzu: »Sie hätten besser zielen sollen. Das hätte sowohl Mister Wolf wie auch einigen anderen Personen unnötige Komplikationen erspart.« Und es gehört zur Größe und Modernität dieses Romans, der sich einen impulsiven Fragmentarismus gestattet, dass wir nie erfahren werden, was der Verleger damit meint.

Dennoch finden die Schicksalswege des Schützen und seines Opfers eines Tages mit derselben wunderbaren Zwangsläufigkeit zusammen, mit der alles in diesem Roman geschieht, dessen Auffassung vom Leben einige Werst oberhalb des allgemein menschlichen Psychologismus angesiedelt ist. In einem russischen Restaurant in Paris gibt sich der Erzähler dem Autor Alexander Wolf als dessen Mörder, der er beinahe geworden wäre, zu erkennen. Ohne dass der Erzähler und der Leser es ahnen, haben wir zu diesem Zeitpunkt schon alles Entscheidende über den desolaten Seelenzustand dieses Mister Wolf erfahren. Und zwar aus dem Mund der russischen Geliebten des Ich-Erzählers, der nicht ahnt, dass Wolf, dieser lebende Tote, es war, der die Freundin in London vor Jahren durch seinen bedingungslosen Desillusionismus tief verstört hat. Im Tod und auch in der Liebe sind diese beiden Männer, die sich nie kannten, ineinander verknäult wie zwei Ringer. Oder wie die beiden Boxer, deren Kampf, den wir in einer fulminanten Passage miterleben, einen überraschenden Ausgang nimmt: Nicht der fundamentalistisch und blind draufschlagende Europäer trägt wie von allen erwartet den Sieg davon, sondern der taktisch agierende, beweglichere Amerikaner.

Und so greift alles in diesem brillanten Roman wie in einem mechanischen Uhrwerk ineinander, dessen Zeiger unerbittlich voranrücken. Als die beiden Veteranen sich in dem russischen Restaurant endlich begegnen, ist es schon fünf vor zwölf und das Schicksal der beiden Entwurzelten unwiderruflich entschieden. Seit Langem hat man keinen so menschlich feinen und anrührenden Roman über die große seelische Eiszeit des 20. Jahrhunderts gelesen.

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