Umwelttechnik Tückisches Gas
Giftiges Kältemittel hat nichts in Auto-Klimaanlagen zu suchen
Ein neues Auto ohne Klimaanlage? Undenkbar. Der einstige Oberklasseluxus ist mittlerweile Standard, selbst im Kleinwagen. Was in so einer Anlage drin ist, hat bis vor Kurzem kaum einen interessiert. Doch plötzlich sollen diese Wohlfühlapparate brandgefährlich sein: wenn es zu einem heftigen Frontalcrash kommt, sagen die Ingenieure von Daimler, und wenn dabei das neue Kältemittel R1234yf im Motorraum freigesetzt wird. An heißen Stellen wie Auspuffkrümmer oder Turbolader könne sich das Gas entzünden.
Die Sache ist höchst brisant, schließlich will die Branche das jetzt von Daimler als gefährlich eingestufte Gas weltweit zum Standardkältemittel für Klimaanlagen machen. Darauf hatte man sich auch beim deutschen Verband der Autoindustrie (VDA) geeinigt.
Selbst die Daimler-Leute waren von ihren Befunden überrascht. Intern hatten sie den neuen Stoff zuvor schon freigegeben. Jetzt ist guter Rat teuer. Die ersten Modelle mit R1234yf sind in Deutschland bereits zu haben, von asiatischen Marken und demnächst auch von Franzosen und Italienern.
Die Lieferanten des Kühlgases und manch ausländischer Konkurrent unter den Autoherstellern bezweifeln die Aussagekraft der Daimler-Ergebnisse. Die EU will sie aber prüfen. VW & Co. wollen die Tests in ihren Laboren nachstellen – ein überfälliger Schritt.
Umstritten war das neue Kältemittel, auf dessen Herstellung zwei US-Chemiekonzerne de facto ein Monopol besitzen, nämlich schon lange. Als sich der VDA 2010 auf R1234yf festlegte, warnten Umweltverbände und Medien vor dem »Killer-Kältemittel« (Auto Bild), das bei Bränden hochgiftige Flusssäure freisetze. Doch zunächst passierte nichts. Schließlich hatte sich der Stoff im Rennen um den Ersatz des derzeit flächendeckend verwendeten Kältemittels R134a durchgesetzt. Dieses war wegen seiner Klimaschädlichkeit in Verruf geraten: Es heizt die Atmosphäre 1300-mal stärker auf als Kohlendioxid (CO₂). Nach den Regeln der EU darf es deshalb bei der Typprüfung von neuen Automodellen nicht mehr eingesetzt werden. Der neue Stoff ist zwar deutlich teurer als der alte, erwärmt aber die Atmosphäre »nur« viermal so stark wie CO₂.
Dabei taugt auch CO₂ selbst bestens als Kältemittel. Das jedoch verwarf die deutsche Industrie. Man wolle sich nicht international isolieren, hieß es. Klimaanlagen mit CO₂-Befüllung sind teurer. Weil dieses Gas viel höher verdichtet wird, um Kühlung zu erzielen, müssen Kompressor, Leitungen und Schläuche stabiler sein; aber das kostet gerade 100 Euro mehr pro Auto. Diese Investition sollte es Industrie und Autokäufern wert sein, wenn Gesundheits- und Lebensgefahr im Ernstfall abgewendet werden können.
Daimler befüllt seine Auto-Klimaanlagen einstweilen wieder mit dem »bewährten« R134a. Die gesetzliche Frist für diesen Ausweg läuft bald ab. Es ist höchste Zeit, die Sache zu klären. Bestätigt auch nur ein Autobauer die Daimler-Tests, ist R1234yf aus dem Rennen, bevor es massenweise eingefüllt wird.
Schaden ist jetzt schon da: Das Vertrauen in die Branche hat gelitten. Sie hat es unterlassen, das neue Mittel harten »Real Life Prüfverfahren« (Daimler) zu unterziehen. Der Vorwurf trifft auch die Stuttgarter – selbst wenn ihre Vollbremsung das Schlimmste womöglich noch verhindert.
- Datum 04.10.2012 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41
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