Ein Morgen in Guantánamo: Ein halbes Dutzend Gefangener sitzt vor aufgeklappten Laptops und plaudert mit einem Dozenten. Er gibt einen Kurs namens »Life Skills«. Die Teilnehmer sollen lernen, wie man Computer bedient, seine Finanzen verwaltet, einen kleinen Laden eröffnet. Es sieht aus wie ein ganz normales Fortbildungsseminar – würden die Teilnehmer nicht Gefängnisuniformen tragen und Ketten um ihre Fußknöchel, die sie, kaum sichtbar, an einen Stahlring im Boden fesseln.

In einem anderen Zellentrakt, von dem Guantánamo-Experten sagen, er sei »liberaler«, liegen einige junge Araber auf einem Teppich, sie spielen PlayStation. Zwei Häftlinge hören auf Kopfhörern Nachrichten eines arabischen Satellitensenders. Andere basteln aus alten Kartons eine Art Skulptur. In einer Ecke, hinter Gitterstäben, stehen zwei Soldaten und beobachten die Szene. Sie reden mit den Gefangenen und liefern bei Bedarf neue Kartons.

So stellt sich das Lagerleben für Journalisten dar. Die Einblicke, die ihnen gewährt werden, sind, wie schon immer hier, stark kontrolliert. Besucher dürfen mit keinem der 167 Männer reden, die hier noch immer inhaftiert sind; sie dürfen die Straftrakte nicht sehen, in denen aufsässige Gefangene in kleinen Zellen gehalten werden, oder die zwangsernährten Hungerstreikenden. Abgeschafft wurden hingegen die Pseudo-Verhöre mit kooperativen, Tee trinkenden Gefangenen, wie sie das Militär eine Zeit lang amerikanischen Abgeordneten und Reportern vorgeführt hat. Doch auch im Guantánamo unter Obama ist die Zensur nicht weniger scharf.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Paolo Pellegrin für ZEITmagazin

Ich schreibe seit 2004 über Guantánamo. Diese Reise, gemeinsam mit Paolo Pellegrin, ist mein fünfter Besuch und mein erster seit 2007. Der Unterschied war deutlich: Damals hatten sich gerade drei junge arabische Häftlinge in einer verabredeten Aktion aufgehängt. Nach einem Gefangenenaufstand demonstrierte das Militär Härte. Das neue Camp 6 war gerade eröffnet worden. Eigentlich hatte es eine Einrichtung der mittleren Sicherheitsstufe sein sollen, in der kooperative Insassen unter erleichterten Haftbedingungen leben sollten. Aber dann war es in monatelangen Arbeiten wieder zum Hochsicherheitstrakt umgebaut worden.

Verdächtigungen und Geheimnisse bestimmen das Leben in Guantánamo bis heute. Gleichzeitig hat sich das Leben der Gefangenen stark verändert. Die Insassen von Camp 6 bewegen sich inzwischen tatsächlich (bis auf einige wenige Stunden während der Nacht) frei innerhalb ihres Traktes oder eines »Freizeitgeländes« – früher waren sie 22 Stunden am Tag weggeschlossen. Der stark limitierte Zugang zu Nachrichten ist aufgehoben, und alle paar Monate dürfen die Gefangenen sogar via Skype mit ihren Familien in den Heimatländern sprechen.

Trotzdem: Es passt zur verkehrten Welt von Guantánamo, dass die Obama-Regierung selbst mit diesen positiven Entwicklungen zurückhaltend umgeht. Offizielle reden im Grunde nicht darüber, noch geiziger sind sie mit Informationen über die Millionen an Steuergeldern, die die Verbesserungen gekostet haben: Nur sehr ungern bestätigen Obamas Mitarbeiter den Bau einer Freizeitanlage für 744.000 Dollar oder das geplante Glasfaserkabel von Florida nach Guantánamo, Kostenpunkt: rund 40 Millionen Dollar.

Der letzte Gefangene, der Guantánamo verließ, tat dies in einem Leichensack

»Am liebsten wäre es ihnen, wenn es verschwinden würde«, sagt ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums über die Haltung des Weißen Hauses zu Guantánamo. »Aber weil das nicht passiert und weil die Leute nicht denken sollen, sie würden einen Rückzieher von ihren Wahlversprechen machen, wollen sie auch nicht, dass es so aussieht, als würden sie Guantánamo verbessern. Das wäre fürchterlich.«

In seiner Antrittsrede versprach Obama, Guantánamo zu schließen; das unerfüllte Versprechen ist eines der offenkundigsten Versagen seiner Außenpolitik. Im Kongress haben die Republikaner, unterstützt von ein paar Demokraten, praktisch verhindert, dass die Regierung die Gefangenen in die USA verlegen konnte. Nach Gesetzen, die dort verabschiedet wurden, ist es noch nicht einmal möglich, die etwa 85 Gefangenen zu verlegen, deren Transfer in den Gewahrsam ihrer Heimatländer (oder anderer Länder) unter bestimmten Sicherheitsmaßnahmen vom US-Militär genehmigt wurde.