EnthüllungDie Geheimnisverräter

Sie sehen sich als Aufklärer und als Apostel der Wahrheit: Enthüllungsautoren wie der US-amerikanische Elitesoldat Mark Owen wollen einem hehren Zweck dienen. Aber heiligt der Zweck die Mittel? von 

Wenn Sie auf der Suche nach Geheimnissen sind, dann ist das nicht Ihr Buch und nicht Ihr Mann. Denn Männer wie der Elitesoldat Mark Owen – der gleich am Anfang seines Enthüllungsbuches alle Leser warnt, es gehe hier nur um die Wahrheit – plaudern nicht einfach Militärgeheimnisse aus. Sie sind darauf trainiert, zu schießen, statt zu reden, und ihren Treueeid zu befolgen. Semper fi!, »Immer treu!«, lautet das soldatische Motto, dem auch der Autor folgen will. Er sieht sich als Aufklärer – und das verbindet ihn mit den anderen erfolgreichen Geheimnisverrätern unserer Zeit, von Bradley Manning (24) über Julian Assange (41) bis Gianluigi Nuzzi (43).

Zwölf Jahre diente der heute 36-jährige Owen als Navy Seal in dieser verschwiegensten aller Truppen, die sich selbst Bruderschaft nennt. Jetzt hat er ein Buch über die Tötung Osama bin Ladens geschrieben, vor dessen Veröffentlichung Amerikas Generäle ebenso zitterten wie der Präsident. Denn sie alle haben der Welt von der Mission berichtet, aber Owen war dabei. Er führte nicht nur das Team, das den Al-Kaida-Chef erschoss, sondern schoss selbst. Doch dann kamen die Lügen der Regierung, die Spekulationen der Presse – bis es ihm reichte und er seinen »firsthand account« über eine der heikelsten Militäroperationen der USA schrieb. Die Entscheidung sei ihm schwergefallen. Auch deshalb heißt sein Buch No Easy Day (»Kein einfacher Tag«), nach der Maxime der Seals »The only easy day was yesterday« (»Der einzige einfache Tag war gestern«).

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Enthüllungsbücher sind die Bücher der Stunde, und sie bekommen Rückenwind durch den neuen Wahrheitsfanatismus der Generation WikiLeaks. Geheimnisse zu verraten bedeutet in den Büchern wie in den Leaks, das Verbotene zu tun, das man für richtig hält. Inszeniert wird der Verrat als Ideal und der Verräter als Idealist. »Wir dienen einer Sache, die größer ist als wir selbst«, sagt Owen, der nicht Owen heißt, sondern Matt Bissonnette, und auch alle anderen Namen im Buch geändert hat, denn er fühlt sich noch immer einem Ehrenkodex verpflichtet. Seine Attacke gegen die Deutungshoheit von Politik und Presse soll kein Verrat sein, sondern ein Dienst an der Allgemeinheit. Sein Gefühl ist das Gefühl vieler Bürger, die mit WikiLeaks sympathisieren und umstrittene Bücher schnell auf Amazon als E-Book runterladen, bevor es verboten werden kann – weil sie die Wahrheit wollen. Nachdem das Pentagon ein Verbot von Owens Buch prüfte, erhöhte der Verlag Penguin die Startauflage von 300000 Exemplaren auf 575000.

Darf man um der Wahrheit willen die Regeln übertreten? Das ist die ewige Frage, die jeder Leak neu aufwirft. Die alten Antworten lauteten: Manchmal muss man ein Gesetz brechen, um seinem Gewissen zu folgen. Manchmal muss man ein Gebot übertreten, um die Menschlichkeit zu verteidigen. So steht es schon in den kanonischen Texten unserer abendländischen Kultur. Prometheus stiehlt der antiken Sage nach das Feuer vom Olymp und widersetzt sich dem Plan des Göttervaters Zeus, die Menschheit zu vernichten. Judith verführt im Alten Testament den Feldherrn Holofernes, der ihre Stadt belagert, um ihm den Kopf abzuschlagen. Der Mythos ebenso wie die Bibel predigen uns die Übertretung der Gesetze aus Gründen der Humanität, aber sie lehren uns auch, einen ethischen Grundkonflikt zu erkennen: Was tun, wenn das geltende Gesetz und das richtige Handeln im Widerspruch stehen, wenn Legalität und Moralität auseinanderklaffen?

Das andere brisante Enthüllungsbuch dieses Jahres stammt von einem Journalisten, der die Geheimpapiere des Papstes offenlegte nach der Devise: Wenn die Kurie keine Transparenz will, muss man sie zwingen. Der Vatikan hätte Gianluigi Nuzzis Buch Seine Heiligkeit (Piper Verlag) sicher ebenso gern verhindert wie das Pentagon den Bericht von Owen. Doch das Aussprechen der Wahrheit ist in der Demokratie nicht strafbar. Strafrechtlich belangt werden kann nur der eidbrüchige Soldat oder der diebische Kammerdiener, niemals der Buchautor. Sein Buch dient der Wahrheit, also einem höheren Zweck.

Heiligt der Zweck die Mittel? Nein. Der legitime Zweck macht das illegitime Mittel nicht legitim. Aber immer mehr Menschen glauben, dass man aus den richtigen Gründen auch mal das Falsche tun muss. Zum Beispiel Militärgeheimnisse verraten, wenn das Militär gegen den eigenen Auftrag verstößt. Oder illegal beschaffte Dateien benutzen, um eine Straftat zu beweisen. Die Leaks machen uns auf ein ethisches Dilemma aufmerksam: Es genügt nicht, Gesetze zu erlassen, man muss auch die Moral verteidigen, die ihnen zugrunde liegt. Erst dann erfüllen die Gesetze ihren Zweck, die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Moralität und Legalität sollten also übereinstimmen. Und wenn nicht? Dann werden künftig immer mehr Geheimnisverräter Geheimnisse verraten, weil es leichter denn je ist. Darin liegt Fluch und Segen unserer Ära der Transparenz. Und die neuen Medien befeuern das Prinzip der permanenten Enthüllung: Viele Leaker fühlen sich im Recht und meinen, die Moral auf ihrer Seite zu haben. Aber sie vergessen, dass Moral und Gesetz keine reinen Gegensätze sind, weil das Gesetz letztlich auf Moral fußt. Wer also Gesetze ignoriert, um »Gutes« zu bewirken, unterminiert zugleich das »Gute«.

Trotzdem können wir in eine Lage geraten, die uns moralisch geradezu verpflichtet, verbotene Mittel zu ergreifen. Wenn die Gesetze nicht hinreichen oder nicht angewendet werden, muss der Einzelne sie zur Geltung bringen. Was folgt daraus für die Transparenzgesellschaft? Dass sie mehr als jede Gesellschaft zuvor ihren eigenen Ansprüchen genügen muss. Weil jederzeit jemand kommen kann, der sie der Heuchelei überführt. Transparenz zwingt uns, besser zu sein, als wir bisher waren. Besser zu sein, als wir sind.

Die Zukunft wird also ungemütlich. Darin liegt aber unsere Chance: dass wir das moralische Dilemma deutlich sehen. Mische ich mich ein, oder halte ich mich raus? Schweige ich, oder greife ein? Der Geheimnisverräter Mark Owen sagt es so: »Wir Seals erfüllen unseren Auftrag schweigend. Aber wenn die Lügen unerträglich werden, muss einer die Wahrheit ans Licht bringen.«

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Leserkommentare
  1. 1. Wandel

    "Wer also Gesetze ignoriert, um »Gutes« zu bewirken, unterminiert zugleich das »Gute«." Exakt dies geschieht jeden Tag in umgekehrten Sinne: Gesetze werden ausgeführt um »Böses« zu bewirken.

  2. Eines der obersten Gebote in jeder Religion (und Lebensweise).
    Der Staat soll uns nicht belügen - somit bräuchten es keine Whistleblower.

  3. Die Autorin verkompliziert m. E. eine einfache rechtliche oder moralische Frage in den Beispielen.

    Zitat: "Heiligt der Zweck die Mittel? Nein. Der legitime Zweck macht das illegitime Mittel nicht legitim. Aber immer mehr Menschen glauben, dass man aus den richtigen Gründen auch mal das Falsche tun muss. Zum Beispiel Militärgeheimnisse verraten, wenn das Militär gegen den eigenen Auftrag verstößt. Oder illegal beschaffte Dateien benutzen, um eine Straftat zu beweisen. Die Leaks machen uns auf ein ethisches Dilemma aufmerksam: Es genügt nicht, Gesetze zu erlassen, man muss auch die Moral verteidigen, die ihnen zugrunde liegt."

    Grundsatz: Die Mittel richten den Zweck, d.h. besonders die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Die Autorin spricht aber Fälle an, in denen nur mittels Straftaten nationalen Rechts ein legitimer, "richtiger" Zweck erreicht wird. Datenklau zur Beweisführung durch Polizei/Detektiv ist bei "normalen" Verbrechen falsch, wozu es Beweisverwertungsverbote gibt.

    Die Probleme beginnen, wenn der gesetzgebende und richtende Staat mutmaßlicher Täter ist, wie es bei Manning/Owen den Anschein hat. Sollten beide in ihrer soldatischen Funktion, ihrem Job, von Kriegsverbrechen erfahren haben, so hat ihr Arbeitgeber den Arbeitsvertrag zuvor verletzt. Kein Eid ist dann bindend, erfolgte er doch unter anderer Prämisse, was auch Grundlage von Befehlsverweigerung sein kann. Das ist kein ethisches Dilemma, das Dilemma kann für beide nur die spätere Rechtsprechung des Täters sein.

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