Kurdengebiete »Die Wut kocht über«

Ein Gespräch mit der kurdischen Abgeordneten Gültan Kisanak über den Krieg im Südosten der Türkei und Ankaras gescheiterte Politik

DIE ZEIT: Frau Kisanak, was bedeutet es, kurdische Politikerin in der Türkei zu sein?

Gültan Kisanak: Unser größtes Problem sind die vielen antidemokratischen Artikel in den türkischen Gesetzen über Parteien, Wahlen, Demonstrationen, Meinungsfreiheit. Derzeit sitzen viele Mitglieder und Anhänger unserer Partei, mehr als 8000 Menschen, im Gefängnis. Von den 98 gewählten Bürgermeistern der BDP sind 34 inhaftiert. In Ankara wird diskutiert, ob die Immunität der BDP-Abgeordneten aufgehoben werden soll. Derzeit gibt es 15 Verfahren gegen unsere Abgeordneten. So wurde zum Beispiel Leyla Zana bereits zu 15 Jahren Haft verurteilt.

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ZEIT: Die Regierung von Premierminister Tayyip Erdoğan spricht von der »demokratischen Öffnung«, die sie 2009 einleitete...

Kisanak: Für uns hat sich die Lage verschlechtert. Gewalt und Unterdrückung haben zugenommen. Sie haben es Öffnung genannt, in der Realität sind heute viele Wege versperrt.

ZEIT: Die Regierung hat immerhin ein neues Erziehungsgesetz verabschiedet, nach dem Kurden jetzt in Staatsschulen ihre Sprache als Wahlfach erlernen können.

Kisanak: Es ist eine Beleidigung, die eigene Muttersprache als Wahlfach zu haben. Außerdem kann man Kurdisch erst ab der fünften Klasse nehmen, für zwei Stunden die Woche.

ZEIT: Sprechen Sie Kurdisch?

Kisanak: Leider sehr wenig. Der Staat hat versucht, auch mich zu assimilieren.

ZEIT: Sprechen Ihre Kinder Kurdisch?

Kisanak: Ich habe darauf geachtet, dass meine Tochter es lernt. Sie wuchs in einem Dorf auf, bis sie sechs Jahre alt war, dort lernt man besser Kurdisch als in den Städten.

ZEIT: Warum sind seit der Gründung der Türkei 1923 aus Kurden keine Türken geworden?

Kisanak: Die Kurden lebten vor allem auf dem Land und hatten wenig Verbindung zum Staat. Sie arbeiteten kaum in Behörden und verdienten ihr Geld relativ unabhängig in der Landwirtschaft. Viele Kurden mieden die Schulen generell. Es gab eben keine kurdischen. In der Türkei leben bis zu 20 Millionen Kurden, die offiziellen Zahlen aus Ankara besagen, es seien 13 bis 14 Millionen. Die Differenz sind die rund sechs Millionen assimilierten Kurden. Aber die Mehrheit hat ein starkes ethnisches Bewusstsein, und viele haben in den letzten 30 Jahren des Kampfes auch ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein entwickelt. Wir sehen uns als eine Nation. Und das schützt uns.

ZEIT: Sie haben jüngst Aufsehen erregt, als Sie Vertreter der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die der Staat Terroristen nennt, herzlich begrüßten. Warum halten Sie keine Distanz zur PKK?

Kisanak: Ich glaube, niemand in der Welt kann uns anklagen für ein Lächeln, eine Begrüßung und eine Umarmung. Diese Kämpfer aus den Bergen sind die Kinder des kurdischen Volkes. Sie sind keine Besetzer, keine Feinde, als die der türkische Staat sie darstellt. Sie sind Verwandte, Freunde, Nachbarn, die ihr Leben aufs Spiel setzen. Wir können sie nicht kalt abservieren, das wäre geheuchelt. Ich glaube, dass diese Begegnung die Lebenswirklichkeit zeigte. Wenn der türkische Staat das begreift, kann das kurdische Problem gelöst werden. Solange diese Kurden als Terroristen gebrandmarkt werden, wird der Konflikt bleiben.

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