Als der Satz "Der Islam ist ein Teil von Deutschland" das erste Mal fiel, erzeugte er so gut wie kein Geräusch. Es war das Jahr 2006. Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hatte eben feierlich die Islamkonferenz eröffnet , und man brach auf in eine neue Zeit. Plötzlich wurde nicht mehr über diejenigen geredet, die zuerst "Gastarbeiter", dann "Ausländer" und schließlich, nach dem 11. September 2001, nur noch "Muslime" hießen – sondern mit ihnen, auch über Unangenehmes: Zwangsehen, verbotenen Schwimmunterricht, Demokratiedefizite. Atmosphärisch war das Neuland für beide Seiten. Ärger und Wut über die anderen wurde immer von Neugier und Zukunftsfreude austariert.

Vier Jahre später erzeugte Christian Wulff mit demselben Satz einen Skandal. Der war so heftig, dass der heutige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gar nicht anders konnte, als sich mit der Berufung auf "unsere christlich-jüdische Tradition" vom damaligen Bundespräsidenten abzusetzen. Die Aufbruchstimmung war verflogen, die Islamkonferenz ein leeres Ritual.

Was war geschehen? Dazwischen lag die Debatte über Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab. Sie sorgte dafür, dass das misslaunige Kopfschütteln über "immer neue Kopftuchmädchen" und Gemüsehändler als Soziologie durchging. Das Provinzielle wurde als Freidenkertum geadelt ("In meinem Amt gibt es keine Kopftücher", sagt etwa Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister in Berlin-Neukölln ).

Nun hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Satz wieder ausgesprochen . Vor 7000 Parteifreunden forderte sie mehr Toleranz für Muslime. "Das ist ein Teil von uns." Reaktion: null, Stille. Aber es ist eine andere Stille als vorher. Das Grollen hat sich auf den vorpolitischen Raum verlegt: Internet, Abendbrottisch, Fußballplatz. Auch in der Beschneidungsdebatte, in der es gegen Juden und Muslime gleichzeitig ging, konnte man das beobachten. Das Ja zum Multikulturalismus ist heute wie das Ja zu Europa ein Elitenprojekt geworden: Eine schmale Schicht von Entscheidern hält daran fest, die große Mehrheit nimmt es bestenfalls hin. Wie wacklig die Eliten selbst auf den Beinen stehen, hat die Kanzlerin kürzlich offenbart: Den Film, der Muslime verhöhnt, wollte sie jetzt verbieten lassen. Vor einem Jahr noch hat sie dem Zeichner der Mohammed-Karikaturen einen Preis verliehen. Gehört der Islam zu Deutschland? Wir waren schon mal weiter.