John AdamsRuhe statt Rattern

Eine Torte, die gen Himmel fliegt: Michael Tilson Thomas zeigt John Adams als melancholischen Minimalisten. von Wolfram Goertz

Der Dirigent Michael Tilson Thomas kurz vor einem Auftritt in Sydney, 2011

Der Dirigent Michael Tilson Thomas kurz vor einem Auftritt in Sydney, 2011  |  © Lisa Maree Williams/Getty Images

Unsere Zeit sehnt sich nach Schubladen. Die mediale Überfülle von Wissenswertem scheint unser Hirn zu Ordnungsmanövern zu zwingen: Sagt mir, wo ich alles abheften kann! So gelangte Claude Debussy zum Impressionismus, mit dem er nichts zu tun haben wollte, und so kam John Adams, der 1947 geborene Komponist aus Massachusetts, in den Ruf, er sei ein Meister der Minimal Music.

Irgendwie stimmte das ja, wenn man Werke des Minimalismus als Produkt eines Spinnrads verstand, das kleine Bewegungen noch kleinerer Motive in die zeitliche Fläche wob. Wer genau hinhört, registriert bei Adams jenseits des unentwegten Kammerflimmerns das Verlangen nach lyrischen Kurven, nach expressiven Aufgipfelungen, nach Melodien. Adams war immer der Melancholiker unter den Minimalisten, einer, der die Tradition nicht zwanghaft hinter sich lassen wollte.

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Aus dieser Leitidee wurde Harmonielehre geboren, Adams’ erstes Orchesterwerk von 1985. Der Titel verweist in einer ironischen Volte auf das berühmte Lehrbuch von Arnold Schönberg, dessen Enkelschüler Adams war. Zwölftönig ist Adams’ tonal durchblutete Sprache keineswegs, aber sie nimmt sich das Recht, offen für die Rufe aus der Vergangenheit zu sein. Adams’ Komposition atmet das Flair Debussys, das Schmachten des frühen Schönberg – und wenn zu Beginn des zweiten Satzes, der The Anfortas Wound heißt, die Streicher den Dreiklangs-Beginn von Wagners Parsifal nach Moll transformieren, zeigt uns das die Assoziationstiefe dieser Musik. Der Satz klingt wie Satie, mit Puccini übergossen. In andere Richtungen schreiten die Ecksätze aus: Der erste startet mit einer sich mitreißend beschleunigenden Salve von e-moll-Akkorden; Adams inspirierte die Vision, ein Tanker in der Bucht von San Francisco steige wie eine Rakete aus dem Wasser. Das Finale ist abermals Traummalerei: wie Tochter Quackie auf den Schultern des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart durchs All rauscht.

Das San Francisco Symphony Orchestra hat Harmonielehre uraufgeführt und jetzt unter Michael Tilson Thomas erneut aufgenommen – mit sehr viel Ruhe statt Rattern, mit Geschmack und Luxussound. Eine reich belegte Torte, die gen Himmel fliegt. Sinfonischer, altmeisterlicher, famoser klang Adams nie.

John Adams: Harmonielehre (SFS media 0053/Vertrieb Musikwelt)

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    • Schlagworte Komponist | Musik | Avantgarde | San Francisco
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