Luchs Nr. 309Der Krebs und das Buch

John Green erzählt eine Geschichte vom Lieben und Sterben: Brutal, komisch, traurig. von Hartmut El Kurdi

Um das gleich vorneweg zu sagen: Das Schicksal ist ein mieser Verräter , das neue Buch des US-amerikanischen Autors John Green, ist kein Roman über Krebs. Und das aus zwei Gründen: Erstens kann man überhaupt keine Romane über Krebs schreiben, weil diese Krankheit zu brutal ist, als dass irgendjemand ihr mit Sprache ernsthaft näher kommen könnte, und zweitens handeln gute Romane nie von Krebs oder Gott oder Aids oder Krieg, sondern immer nur von Menschen und davon, wie diese versuchen, mit den Zumutungen des Lebens zurechtzukommen.

Die Menschen in diesem Buch müssen wirklich einiges ertragen: Hazel, die Icherzählerin, ist 16 und leidet an Schilddrüsenkrebs. Eine Chance auf Heilung gibt es nicht, das Fortschreiten der Krankheit wird lediglich durch ein neues Medikament verzögert. Hazel fühlt sich wie eine »tickende Zeitbombe«. Eine Bombe, die, wenn sie explodiert, den Menschen in ihrer Nähe schwere Verletzungen zufügt. Sie sagt: »Es gibt nur eins auf der Welt, das ätzender ist, als mit 16 an Krebs zu sterben, und das ist, ein Kind zu haben, das an Krebs stirbt.« Sie versucht, sich nicht in den 17-jährigen Augustus, genannt Gus, zu verlieben, obwohl sie ihn vom ersten Moment an rasend interessant findet. Sie will nicht noch mehr potenzielle Bombenopfer schaffen. Doch Gus lässt nicht locker. Er kennt sich aus mit Krebs. Ihm wurde ein Bein amputiert, ein Osteosarkom, Knochenkrebs, nun aber scheint die Krankheit besiegt zu sein. Vor seiner Offenheit und seinem entwaffnenden Charme kapituliert Hazel und lässt geschehen, was anscheinend geschehen soll.

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Interessant ist, dass die beiden trotz der außergewöhnlichen Situation ganz »normale« verliebte Teenager sind. Natürlich bekommt die Liebe durch die tödliche Krankheit, in deren Schatten sie wächst, eine besondere Dramatik. Von Anfang an ist klar, dass sie tragisch endet. Weder die Liebe noch die Figuren in diesem Roman haben eine Zukunft, sie haben nur die Gegenwart. Eine Gegenwart, die man, so gut es geht, genießen muss. Mit deren negativen Seiten man klarzukommen hat. Und in der man täglich gegen die Traurigkeit – die eigene und die der anderen – kämpfen muss.

Das tun Hazel und Gus, auch und immer wieder mit Sprache. Und das ist das eigentlich Großartige an diesem Roman. Egal, ob die beiden sich von Angesicht zu Angesicht unterhalten, telefonieren oder schnell ein paar Sätze simsen, egal ob sie sich gegenseitig aus ihrem Leben erzählen oder ihre mitleidige und hilflose Umwelt kommentieren – die Dialoge sind stets ebenso komisch, wie existenziell. Kein Small Talk, kein Geplapper, sondern kluger, witziger Schlagabtausch, verspielte halb philosophische Betrachtungen oder sarkastische, aber nie zynische Anmerkungen zum Alltag. Oft in einer Pointe endend. Wobei diese Pointen keine schlichten Gags sind, sondern originelle Zuspitzungen der Wahrheit.

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Im Englischen heißt die Pointe punchline. Vielleicht weil sie dich trifft wie ein punch, ein Schlag. Aus dem Nichts, genau auf die Zwölf. In diesem Buch gibt es viele solcher punchlines. Das Lachen, das sie auslösen, macht das Leid nicht weniger schrecklich, sondern vielleicht kurzzeitig ein bisschen erträglicher. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber Sprache spielt in diesem Roman auch noch in einem anderen Sinne eine bedeutende Rolle. Denn Das Schicksal ist ein mieser Verräter erzählt auch davon, wie Menschen versuchen, das Leben durch Literatur zu verstehen, es mit Literatur zu bewältigen – und dass dieser Versuch paradoxerweise ebenso tröstend sein kann, wie er erfolglos sein muss. Hazels Lieblingsbuch heißt Ein herrschaftliches Leiden und ist sozusagen ein Spiegelbild von Das Schicksal ist ein mieser Verräter . Auch darin erzählt ein krebskrankes Mädchen aus seinem Leben und ist dabei ebenso offen und schonungslos wie Hazel selbst. Diese postmoderne Konstruktion des Romans im Roman macht aus Greens Geschichte ein Gedankenspiel über die Funktionen und Möglichkeiten von Literatur. Es spricht für Greens Können, dass er es dem Leser überlässt, das Spiel aktiv mitzuspielen oder diesen Aspekt nur als Teil einer spannenden Handlung zu sehen.

Es gibt Kritiker, die dem 1977 geborenen Bestsellerautor Green sein handwerkliches Können vorwerfen. Seine Geschichten seien zu konstruiert, mit viel Kalkül würden hier Bücher mit knalligen Themen auf eine bestimmte Zielgruppe hin geschrieben. Ja, das stimmt. Aber genau das ist der Job eines Autors: packende Geschichten zu erfinden und diese mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln an den Mann und die Frau zu bringen. Doch das Handwerk allein kann Erfolg nicht erklären. Spürte man nicht in jeder Szene, in jedem Dialog eine große Liebe zu seinen jugendlichen Helden und ein tiefes Mitgefühl mit ihnen, dann würde er es nicht schaffen, uns abwechselnd zum Lachen, Weinen und Nachdenken zu bringen. Und genau das gelingt ihm. Was mehr kann man von einem Roman verlangen?

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    • Schlagworte Jugendbuch | Roman | Belletristik | Buch | Literatur
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