Er kam vom Bau und war gerade arbeitslos, wie das eben so ist. Er hatte ein paar alte Bekannte aus Queens, die schwärmten davon, eine Band zu gründen, und schließlich ließ er sich breitschlagen. Für 50 Dollar kaufte John William Cummings eine Gitarre. Ihre Band sollte so sein, wie die guten alten Bands von früher, auf die sie alle standen, schnell und laut, rotzig und direkt. Sie nannten sie Ramones, nach einem Bühnen-Pseudonym des jungen Paul McCartney, und sich selbst nannten sie nun auch so.

Aus Cummings, dem Sohn eines irischstämmigen cholerischen einstigen Betreibers einer Vorstadtspelunke, war nun Johnny Ramone geworden, an seiner Seite spielten Joey und Dee Dee Ramone, und etwas später kam noch Tommy Ramone dazu. Die Band traf einen Ton: Mitte der siebziger Jahre, in einer Zeit, als der Rock 'n' Roll ins Kraut geschossen war und die schlichte Wahrheit einfacher Songs und ihrer simplen Durakkorde drohte vergessen zu werden, beriefen sich die vier Vorstadtrowdys auf die Grundwerte des Genres. Die Ramones spielten einen urwüchsigen Rock ohne jeden Schnickschnack, ohne jede Verfeinerung. Ein paar Jahre später nannte man so etwas Punk, und in der Szene um das legendäre CBGB auf der Bowery, unter jüngeren Bands wie Blondie, den Talking Heads oder auch der Band um Patti Smith hielt man die Rocker aus Queens in höchsten Ehren als eine Art von Elder Statesmen des US-Punk. Allerdings blieb diese Verehrung reichlich einseitig.

Achtunddreißig Jahre nach der Gründung der Ramones, sechzehn nach dem letzten Konzert der Band und acht Jahre nachdem Johnny Ramone einem Krebsleiden zum Opfer fiel, erscheint nun Commando, die Autobiografie des Gitarristen, auch auf Deutsch und ergänzt das Bild von den Gründerjahren des Punk um eine neue, überraschende Perspektive. Man kennt natürlich die Erzählungen von der blank generation, die für sich keine Zukunft sah, gegen alles und jeden rebellierte und Punk als eine existenzielle Haltung zelebrierte. Man kennt auch die Geschichte von Malcolm McLaren und dem Great Rock ’n’ Roll Swindle, von der Geburt des britischen Punk aus dem Geist der Mode und des Marketings, Johnny Ramone dagegen erzählt die weniger heroische Geschichte – vom Spießer als Punk.

Natürlich ist dabei der Titel Programm – Johnny Ramone macht deutlich, wer aus seiner Sicht der Dinge in dem Rock-’n’-Roll-Platoon Ramones das Kommando führte. Mit seinem Style, so sieht es zumindest Johnny Ramone, mit Jeans, Lederjacke, langer Rockermatte, hatte er das optische Konzept der Band geprägt, mit seiner Gitarre ihren unverkennbaren Sound. Doch während Joey und Dee Dee Ramone, der Sänger und der Bassist der Band, befeuert mit Alkohol und illegalen Drogen ihren Ruf im brodelnden New Yorker Underground der siebziger Jahre feierten, machte Johnny an der Gitarre nur seine Arbeit, clean und konzentriert und pflichtbewusst. Genau so, wie er zuvor am Bau geschuftet hatte.

Nach der Plackerei packte er die Gitarre ein, besorgte sich ein Glas Milch und seine gewohnten Kekse, und Füße hoch, Fernsehen, am besten Baseball. Aus allem Weiteren hielt er sich raus. So kontrollierte er die Betriebstemperatur der Band, achtete auf saubere Geschäftsführung und sorgte dafür, dass die Gruppe, nachdem die persönlichen Beziehungen unter den Nullpunkt abgesackt waren, Bestand hatte. Immerhin ging es darum, einen guten und von Jahr zu Jahr lukrativer honorierten Job zu erhalten und seinem Lebensziel, einer Million auf dem Bankkonto, näher zu kommen.

Dieses Ziel ist letztlich, was zählt: Alles Neue, Ungewohnte, Überraschende – das, was hinter dem Horizont liegen könnte, lehnt Johnny Ramone instinktiv ab. Die anderen Bands: Konkurrenten, bestenfalls langweilig oder – schlimmer noch: verweichlichte, intellektuelle Nervensägen wie die Talking Heads. Das Reisen? Schrecklich, man kennt das Fernsehprogramm nicht, das Essen schmeckt anders, und in manchen Ländern versteht man noch nicht einmal die Sprache. Johnny Ramone erzählt seine Geschichte so, wie er spielte, rücksichtslos und direkt, in einem lauten, kantigen Ton, lakonisch und mit der untergründigen Aggressivität eines Mannes, der um Aufmerksamkeit immer kämpfen muss.