Johnny RamoneLaut, rotzig, schnell

Johnny Ramone macht Karriere: Als Punker und Spießer von Stefan Hentz

The Ramones, 1976: Johnny, Tommy, Joey und Dee Dee (von links)

The Ramones, 1976: Johnny, Tommy, Joey und Dee Dee (von links)  |  © Roberta Bayley/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Er kam vom Bau und war gerade arbeitslos, wie das eben so ist. Er hatte ein paar alte Bekannte aus Queens, die schwärmten davon, eine Band zu gründen, und schließlich ließ er sich breitschlagen. Für 50 Dollar kaufte John William Cummings eine Gitarre. Ihre Band sollte so sein, wie die guten alten Bands von früher, auf die sie alle standen, schnell und laut, rotzig und direkt. Sie nannten sie Ramones, nach einem Bühnen-Pseudonym des jungen Paul McCartney, und sich selbst nannten sie nun auch so.

Aus Cummings, dem Sohn eines irischstämmigen cholerischen einstigen Betreibers einer Vorstadtspelunke, war nun Johnny Ramone geworden, an seiner Seite spielten Joey und Dee Dee Ramone, und etwas später kam noch Tommy Ramone dazu. Die Band traf einen Ton: Mitte der siebziger Jahre, in einer Zeit, als der Rock 'n' Roll ins Kraut geschossen war und die schlichte Wahrheit einfacher Songs und ihrer simplen Durakkorde drohte vergessen zu werden, beriefen sich die vier Vorstadtrowdys auf die Grundwerte des Genres. Die Ramones spielten einen urwüchsigen Rock ohne jeden Schnickschnack, ohne jede Verfeinerung. Ein paar Jahre später nannte man so etwas Punk, und in der Szene um das legendäre CBGB auf der Bowery, unter jüngeren Bands wie Blondie, den Talking Heads oder auch der Band um Patti Smith hielt man die Rocker aus Queens in höchsten Ehren als eine Art von Elder Statesmen des US-Punk. Allerdings blieb diese Verehrung reichlich einseitig.

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Achtunddreißig Jahre nach der Gründung der Ramones, sechzehn nach dem letzten Konzert der Band und acht Jahre nachdem Johnny Ramone einem Krebsleiden zum Opfer fiel, erscheint nun Commando, die Autobiografie des Gitarristen, auch auf Deutsch und ergänzt das Bild von den Gründerjahren des Punk um eine neue, überraschende Perspektive. Man kennt natürlich die Erzählungen von der blank generation, die für sich keine Zukunft sah, gegen alles und jeden rebellierte und Punk als eine existenzielle Haltung zelebrierte. Man kennt auch die Geschichte von Malcolm McLaren und dem Great Rock ’n’ Roll Swindle, von der Geburt des britischen Punk aus dem Geist der Mode und des Marketings, Johnny Ramone dagegen erzählt die weniger heroische Geschichte – vom Spießer als Punk.

Natürlich ist dabei der Titel Programm – Johnny Ramone macht deutlich, wer aus seiner Sicht der Dinge in dem Rock-’n’-Roll-Platoon Ramones das Kommando führte. Mit seinem Style, so sieht es zumindest Johnny Ramone, mit Jeans, Lederjacke, langer Rockermatte, hatte er das optische Konzept der Band geprägt, mit seiner Gitarre ihren unverkennbaren Sound. Doch während Joey und Dee Dee Ramone, der Sänger und der Bassist der Band, befeuert mit Alkohol und illegalen Drogen ihren Ruf im brodelnden New Yorker Underground der siebziger Jahre feierten, machte Johnny an der Gitarre nur seine Arbeit, clean und konzentriert und pflichtbewusst. Genau so, wie er zuvor am Bau geschuftet hatte.

Nach der Plackerei packte er die Gitarre ein, besorgte sich ein Glas Milch und seine gewohnten Kekse, und Füße hoch, Fernsehen, am besten Baseball. Aus allem Weiteren hielt er sich raus. So kontrollierte er die Betriebstemperatur der Band, achtete auf saubere Geschäftsführung und sorgte dafür, dass die Gruppe, nachdem die persönlichen Beziehungen unter den Nullpunkt abgesackt waren, Bestand hatte. Immerhin ging es darum, einen guten und von Jahr zu Jahr lukrativer honorierten Job zu erhalten und seinem Lebensziel, einer Million auf dem Bankkonto, näher zu kommen.

Dieses Ziel ist letztlich, was zählt: Alles Neue, Ungewohnte, Überraschende – das, was hinter dem Horizont liegen könnte, lehnt Johnny Ramone instinktiv ab. Die anderen Bands: Konkurrenten, bestenfalls langweilig oder – schlimmer noch: verweichlichte, intellektuelle Nervensägen wie die Talking Heads. Das Reisen? Schrecklich, man kennt das Fernsehprogramm nicht, das Essen schmeckt anders, und in manchen Ländern versteht man noch nicht einmal die Sprache. Johnny Ramone erzählt seine Geschichte so, wie er spielte, rücksichtslos und direkt, in einem lauten, kantigen Ton, lakonisch und mit der untergründigen Aggressivität eines Mannes, der um Aufmerksamkeit immer kämpfen muss.

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Leserkommentare
  1. Ich will dieses Buch nicht lesen. Ich will auch von den Ramones nicht mehr hören. Bis auf ausnahmsweise ´ne Nummer, mal ausnahmsweise vielleicht. Ich kenne die Zeit und ich kennen diesen Typ Helden. Davon gab es haufenweise. Nicht nur Berühmte und Popstars. Das war witzig, solange man das Gefühl hatte nicht erwachsen werden zu wollen. Oder zu können. Es war und ist grausam, wenn man mit nüchternen Augen näher kommt und die ganze Hässlichkeit sieht, mit der dieses elende Geschäft abgelaufen ist und immer noch läuft. Und man sollte nicht vergessen zu sagen, dass auch Jungs wie Johnny Ramone eine Chance gehabt hätten, die Augen auf zu machen nach ihrem großen Hype. Was sich in jedem Fall gelohnt hätte, was er aber nicht getan hat. Weil es ihm vermutlich zu anstrengend gewesen ist. Weshalb er lieber mit der Frau seines Bandkollegen gemeinsame Sache gemacht hat. Wie gesagt: solange man an dieses Märchen glauben kann und bereit ist, sich selbst und jede echte Beziehung gnadenlos auszubeuten hat das vielleicht ein wenig Spaß gemacht. Aber auch nur manchmal, wenn wirklich alles gestimmt hat. Das schöne ist, dass es wirklich Licht gibt nach dem endlos langen Tunnel durch den man muss wenn man sich von dem Mythos befreien möchte. Aber es geht. Und es ist super.

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    du musst das buch auch nicht lesen ... keine sorge: niemand zwingt dich ... und übers erwachsen werden, werden wollen oder nichtwollen, schicksal und verderben von anderen kann man sich endlos streiten, ärgern ... aber letztlich ist jeder seinen eigenen glückes schmied und was erlauben wir uns eigentlich, über andere zu richten ... die welt wäre sicher ein stück besser, wenn die kritik eines jeden nicht immer nur auf andere, sondern auch und an erster stelle auf uns selbst gerichtet wäre.

    • birba
    • 15. Oktober 2012 17:07 Uhr

    joey war nie verheiratet. johnny hat ihm zwar sein maedchen ausgespannt, aber war dann auch mit ihr bis zum lebensende verheiratet. und das ganze -augen aufmachen- gelaber ist auch irrelevant. wenn eine band wusste wie krass bescheuert die industrie sein kann, dann die ramones.

  2. du musst das buch auch nicht lesen ... keine sorge: niemand zwingt dich ... und übers erwachsen werden, werden wollen oder nichtwollen, schicksal und verderben von anderen kann man sich endlos streiten, ärgern ... aber letztlich ist jeder seinen eigenen glückes schmied und was erlauben wir uns eigentlich, über andere zu richten ... die welt wäre sicher ein stück besser, wenn die kritik eines jeden nicht immer nur auf andere, sondern auch und an erster stelle auf uns selbst gerichtet wäre.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "keinen Bock"
  3. 3. Johnny

    In diesem Interview von 2003 redet Johnny Ramone ausführlich über (die Ramones, Punk, und) seine lebenslange Treue zu den Republikanern:

    http://www.robertjonesphoto.com/johnnyramone.html

    Musikalisch haben mich die Ramones nie so recht gepackt, obwohl ich ihnen mehrere Anläufe gegönnt habe. Interessant finde ich allerdings, wie sie 'im Mainstream' und 'in der Punkszene' - mal aufgrund ihrer Musik, der Texte, der 'musikhistorischen Bedeutung' allgemein, als Personen, als Museum, als Inspiration oder als Negativ-Beispiel, als Bandlogo, als Coolness-Lifestyle-Accessoire oder aufgrund ihrer privaten politischen Ansichten - in Erscheinung treten, besprochen, bewertet, kritisiert oder verehrt werden. Es gibt viele, sehr verschiedene Blicke auf die Ramones. Dabei ist ihr Image auf den ersten Blick so simpel und eindimensional...

    • THAROS
    • 15. Oktober 2012 14:15 Uhr

    Habe mit der Szene gar nichts zu tun, und werde das Buch nicht kaufen, trotzdem finde ich es in der heutigen Zeit nennenswert wenn -egal ob Wahr oder nicht- mal laut sagt wird "Ich nahm keine Drogen... aus dem und dem Grund und hatte trotzdem oder wegen dem Erfolg". Es wird immer mehr zur einer Seltenheit wenn Personen die im Rampenlicht stehen KEINE DROGEN nehmen.

    • birba
    • 15. Oktober 2012 17:07 Uhr

    joey war nie verheiratet. johnny hat ihm zwar sein maedchen ausgespannt, aber war dann auch mit ihr bis zum lebensende verheiratet. und das ganze -augen aufmachen- gelaber ist auch irrelevant. wenn eine band wusste wie krass bescheuert die industrie sein kann, dann die ramones.

    Antwort auf "keinen Bock"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "und das ganze -augen aufmachen- gelaber ist auch irrelevant. wenn eine band wusste wie krass bescheuert die industrie sein kann, dann die ramones"
    Darum ging es mir doch gar nicht. Nicht um das Geschäft oder die Schuld bzw. Unschuld der Plattenindustrie. Mir ging es um meine eigenen Erfahrungen mit dieser Welt, die ich "genossen" habe. Und darum, dass dieser ganze Mythos einfach nur elend ist und Elend erzeugt. Das ist meine Quintessenz. Fertig! Und gelabert wird ja wohl mehr als genug über diesen angeblich so tollen Livestyle. Meiner Erfahrung nach alles nur geträumt. Also spreche ich das aus in diesem Forum. Wenn es um so eine Biografie geht, deren Hauptdarsteller einer der Helden meiner Jugend war. Weil ich das persönlich heute ganz anders beurteile. Eine Illusion die mich unglücklich gemacht hat. Und wen interessiert es, ob Joey verheiratet war oder nicht? Ist das ein Argument für das Verhalten von Johnny? Aber das danach eine entspannte Zusammenarbeit innerhalb der Band nicht mehr möglich war, das ist ein Argument. Und für Joey war das offensichtlich auch so. Sonst hätte er sich nicht auf den KKK bezogen in der Nummer, mit der er seinen Frust verarbeitet hat.
    Trotzdem will ich niemanden kritisieren. Jeder muss selber wissen, welchen Träumen er nachhängt. Und keiner zwingt irgendwen dazu, die Ramones nicht zu lieben. Nur ich bin froh, dass ich mich von diesem Lebensgefühl verabschiedet habe. Meins ist das nicht mehr. Never mind!

    • birba
    • 15. Oktober 2012 22:28 Uhr

    dass das auf ihr leben bezogen wurde war mir nicht klar.
    --
    es ist kein argument fuer sein verhalten, es zeigt nur, dass er IN DIESEM FALL nicht einfach aus prinzip Joey sein girl weggeschnappt hat. das wollte ich nur klarstellen.
    ausser frage steht trotzdem, dass johnny auf menschlicher basis ein ziemliches arschloch war.
    tut mir uebrigens leid, dass sie mit dem lifestyle schlechte erfahrungen gemacht haben. meine waren und sind gut. ich behaupte aber keineswegs, dass ich GENAU seinen lifestyle lebe,..ich wuerd sonst auch sicher nicht bei zeit online verballern ;)

  4. "und das ganze -augen aufmachen- gelaber ist auch irrelevant. wenn eine band wusste wie krass bescheuert die industrie sein kann, dann die ramones"
    Darum ging es mir doch gar nicht. Nicht um das Geschäft oder die Schuld bzw. Unschuld der Plattenindustrie. Mir ging es um meine eigenen Erfahrungen mit dieser Welt, die ich "genossen" habe. Und darum, dass dieser ganze Mythos einfach nur elend ist und Elend erzeugt. Das ist meine Quintessenz. Fertig! Und gelabert wird ja wohl mehr als genug über diesen angeblich so tollen Livestyle. Meiner Erfahrung nach alles nur geträumt. Also spreche ich das aus in diesem Forum. Wenn es um so eine Biografie geht, deren Hauptdarsteller einer der Helden meiner Jugend war. Weil ich das persönlich heute ganz anders beurteile. Eine Illusion die mich unglücklich gemacht hat. Und wen interessiert es, ob Joey verheiratet war oder nicht? Ist das ein Argument für das Verhalten von Johnny? Aber das danach eine entspannte Zusammenarbeit innerhalb der Band nicht mehr möglich war, das ist ein Argument. Und für Joey war das offensichtlich auch so. Sonst hätte er sich nicht auf den KKK bezogen in der Nummer, mit der er seinen Frust verarbeitet hat.
    Trotzdem will ich niemanden kritisieren. Jeder muss selber wissen, welchen Träumen er nachhängt. Und keiner zwingt irgendwen dazu, die Ramones nicht zu lieben. Nur ich bin froh, dass ich mich von diesem Lebensgefühl verabschiedet habe. Meins ist das nicht mehr. Never mind!

    • birba
    • 15. Oktober 2012 22:28 Uhr
    7. aso ok

    dass das auf ihr leben bezogen wurde war mir nicht klar.
    --
    es ist kein argument fuer sein verhalten, es zeigt nur, dass er IN DIESEM FALL nicht einfach aus prinzip Joey sein girl weggeschnappt hat. das wollte ich nur klarstellen.
    ausser frage steht trotzdem, dass johnny auf menschlicher basis ein ziemliches arschloch war.
    tut mir uebrigens leid, dass sie mit dem lifestyle schlechte erfahrungen gemacht haben. meine waren und sind gut. ich behaupte aber keineswegs, dass ich GENAU seinen lifestyle lebe,..ich wuerd sonst auch sicher nicht bei zeit online verballern ;)

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