Weder Hiobsbotschaften aus Syrien noch katastrophische Wettermeldungen aus dem Mittleren Westen berührten die Leser der New York Times kürzlich so sehr wie eine Titelgeschichte über das bittere Ende ausgedienter Klaviere. Die Vorstellung, dass ein schön geschnitztes Piano aus Rosenholz jäh von der Ladefläche eines Lastwagens gestoßen wird und mit einem letzten metallischen Aufschrei rücklings auf den Boden kracht, die eleganten Beine hilflos in die staubige Luft gestreckt, um dann von den Stahlzähnen einer Monstermaschine zermalmt zu werden, entfachte einen Sturm der Empörung. Martha Taylor, Inhaberin der Immortal Piano Company, die alte Instrumente vor dem Massengrab bewahrt und in dem düsteren Artikel als einziger Lichtblick erschien, erhielt Hunderte von Zuschriften. »Die traurigste stammte von einem Mädchen aus Brasilien, das ein altes Klavier aus den USA adoptieren wollte«, sagt die Restauratorin, die allein wegen des moderaten, klavierfreundlichen Klimas in Portland lebt statt in ihrer Lieblingsstadt New York.

Jeffrey Harrington, der Eigentümer eines Umzugsunternehmens in Maplewood, New Jersey, wurde dagegen mit Hassmails bombardiert, weil er dem Times-Reporter gestanden hatte, gebrechlichen Klavieren mit dem Vorschlaghammer zu Leibe zu rücken. Die Zeitung sah sich zu einem Folgebeitrag über Wohltätigkeitsorganisationen wie Keys 4/4 Kids in St. Paul gezwungen, die aufgegebene Instrumente reanimieren und zugunsten von Bildungsprogrammen verkaufen.

Der Klaviermörder von Maplewood – wir wollten ihm selber in die kalten Augen schauen. Nach einer langen Reise über die verwirrenden Highways von New Jersey offenbart sich Harringtons abgelegenes Möbellager aber keineswegs als horribler Schauplatz der Klaviervernichtung, im Gegenteil: Endlosvideos erinnern die zwanzig Mann der Belegschaft in allen Hallen und Gängen an den fachgerechten Transport von Pianinos und Flügeln. Und wenn Jeffrey Harrington morgens um fünf noch vor seinen Angestellten aus Ghana und Mexiko im Lager erscheint, setzt er sich erst mal an eines der verwaisten Instrumente und spielt hingebungsvoll zwischen den riesigen Rollen von Luftpolsterfolie, den aufgetürmten Holzkisten und den Gabelstaplern, am liebsten einen Song von Billy Joel, A New York State of Mind.

Harrington versucht, den altgedienten Instrumenten ein Gnadenbrot in Kirchen, Altersheimen oder Schulen zu verschaffen. Nur wenn Mäuse zwischen den Saiten hausen oder ausschließlich schiefe Töne herauskommen, wende er Gewalt an, versichert er uns.

Bei den O’Mara Meehan Piano Movers in Pennsylvania geht es da schon ruppiger zu – jeden Monat schleppen die Spediteure des 1874 gegründeten Unternehmens etliche Wracks zu einem Hangar, in dem sich flinke Maschinen über die Knabes, Lesters, Cunninghams und andere amerikanische Klassiker hermachen. Ein steter Nieselregen bändigt den Staub, während die zerschmetterten Kadaver mit feineren Werkzeugen in wiederverwertbare Metall- und Holzteile und vielleicht ein paar Elfenbeinplättchen zerlegt werden.

Kein anderes Möbelstück besitzt das sentimentale Gewicht eines alten Klaviers, aber sein Wert ist in den letzten Jahren rapide gesunken. Es gibt eine Dissonanz zwischen Gefühl und Markt. Der tonnenschwere Gegenstand fügt sich nicht recht in die leichtfüßigen Einrichtungen des 21. Jahrhunderts – wobei ein 50.000-Dollar-Steinway-Konzertflügel in seinem klassischen Design mit dem unnahbaren Lack natürlich über alle Moden der Innenarchitektur triumphiert.

Die weniger aristokratischen Instrumente aus der großen Zeit der Klavierproduktion vor hundert Jahren haben zudem ihre Lebensspanne, die an unsere eigene heranreicht, längst überschritten. »Besonders Nichtspieler erliegen dem romantischen Missverständnis von der Unsterblichkeit des Klaviers«, erklärt Martha Taylor, »aber es hat einen komplizierten, anfälligen Organismus, der unter einer immensen inneren Spannung steht.« Mit achtzig sind die Gelenke müde, und das Holz ist spröde, und selbst die besten Klavierstimmer können dann kaum noch Harmonisches hervorlocken.

»Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Bosse der amerikanischen Klavierfabriken einen Status wie jetzt die CEOs der Computerindustrie, sie wurden von Politikern hofiert«, sagt Larry Fine, Verleger und Chefredakteur der Branchenbibel Acoustic & Digital Piano Buyer. Schon vor der Großen Depression sei die Pianoproduktion innerhalb von fünf Jahren um 90 Prozent zurückgegangen – Radio, Kino und die Frauenemanzipation drängten das Klavier in jene Sphäre der idealisierten Bürgerlichkeit, an die sich heutige Sehnsüchte heften.

In unseren Tagen gibt es das federleichte digitale Keyboard mit chinesischen Kunststoffkomponenten, das um den Preis der Ausbeutung von Menschen und Umwelt billiger zu haben ist als die Reparatur eines betagten Klaviers – und besser klingt. Bei eBay überragt das Piano-Angebot zum Spottpreis die Nachfrage beträchtlich. So stehen seit Beginn der aktuellen Rezession mehr ausgesetzte Klaviere am Straßenrand als je zuvor, ein ebenso surreales Bild wie die vielen an den Bordsteinen gestrandeten Motorboote, deren Besitzer sich weder den Unterhalt noch die korrekte Entsorgung leisten können.

Die Gebeine der klapprigsten Instrumente wärmen im Winter die Angestellten der New Yorker Firma Beethoven Pianos, die Klaviere restauriert, verkauft und vermietet, wenn sie nicht doch dem Holzofen als heißer Rauch entschwinden. Transportarbeiter, die sich an 600 Kilogramm schweren Exemplaren abschleppen und um jeden Kratzer bangen, mögen sich in aufrichtigen Momenten gar zu einer sadistischen Freude am brutalen Ende ihrer sperrigen Peiniger bekennen.

Auf YouTube hat sich das piano smashing als eigenes Genre etabliert. Unter hämischen Kommentaren Werktätiger werden Klaviere von Müllautos gefressen, mit Kettensägen der Länge nach durchtrennt oder gar von schutzhelmtragenden Halbwüchsigen Schlag um Schlag zertrümmert. Diese Videos sind der letzte Beweis für unsere Nähe zum Tasteninstrument, denn nur das, was wir innig lieben, kann solchen Hass auf sich ziehen.