MusikinstrumenteWie Klaviere sterben

Nichts für Zartbesaitete: Das letzte Stündlein geliebter Tasteninstrumente von Claudia Steinberg

Weder Hiobsbotschaften aus Syrien noch katastrophische Wettermeldungen aus dem Mittleren Westen berührten die Leser der New York Times kürzlich so sehr wie eine Titelgeschichte über das bittere Ende ausgedienter Klaviere. Die Vorstellung, dass ein schön geschnitztes Piano aus Rosenholz jäh von der Ladefläche eines Lastwagens gestoßen wird und mit einem letzten metallischen Aufschrei rücklings auf den Boden kracht, die eleganten Beine hilflos in die staubige Luft gestreckt, um dann von den Stahlzähnen einer Monstermaschine zermalmt zu werden, entfachte einen Sturm der Empörung. Martha Taylor, Inhaberin der Immortal Piano Company, die alte Instrumente vor dem Massengrab bewahrt und in dem düsteren Artikel als einziger Lichtblick erschien, erhielt Hunderte von Zuschriften. »Die traurigste stammte von einem Mädchen aus Brasilien, das ein altes Klavier aus den USA adoptieren wollte«, sagt die Restauratorin, die allein wegen des moderaten, klavierfreundlichen Klimas in Portland lebt statt in ihrer Lieblingsstadt New York.

Jeffrey Harrington, der Eigentümer eines Umzugsunternehmens in Maplewood, New Jersey, wurde dagegen mit Hassmails bombardiert, weil er dem Times-Reporter gestanden hatte, gebrechlichen Klavieren mit dem Vorschlaghammer zu Leibe zu rücken. Die Zeitung sah sich zu einem Folgebeitrag über Wohltätigkeitsorganisationen wie Keys 4/4 Kids in St. Paul gezwungen, die aufgegebene Instrumente reanimieren und zugunsten von Bildungsprogrammen verkaufen.

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Der Klaviermörder von Maplewood – wir wollten ihm selber in die kalten Augen schauen. Nach einer langen Reise über die verwirrenden Highways von New Jersey offenbart sich Harringtons abgelegenes Möbellager aber keineswegs als horribler Schauplatz der Klaviervernichtung, im Gegenteil: Endlosvideos erinnern die zwanzig Mann der Belegschaft in allen Hallen und Gängen an den fachgerechten Transport von Pianinos und Flügeln. Und wenn Jeffrey Harrington morgens um fünf noch vor seinen Angestellten aus Ghana und Mexiko im Lager erscheint, setzt er sich erst mal an eines der verwaisten Instrumente und spielt hingebungsvoll zwischen den riesigen Rollen von Luftpolsterfolie, den aufgetürmten Holzkisten und den Gabelstaplern, am liebsten einen Song von Billy Joel, A New York State of Mind.

Harrington versucht, den altgedienten Instrumenten ein Gnadenbrot in Kirchen, Altersheimen oder Schulen zu verschaffen. Nur wenn Mäuse zwischen den Saiten hausen oder ausschließlich schiefe Töne herauskommen, wende er Gewalt an, versichert er uns.

Bei den O’Mara Meehan Piano Movers in Pennsylvania geht es da schon ruppiger zu – jeden Monat schleppen die Spediteure des 1874 gegründeten Unternehmens etliche Wracks zu einem Hangar, in dem sich flinke Maschinen über die Knabes, Lesters, Cunninghams und andere amerikanische Klassiker hermachen. Ein steter Nieselregen bändigt den Staub, während die zerschmetterten Kadaver mit feineren Werkzeugen in wiederverwertbare Metall- und Holzteile und vielleicht ein paar Elfenbeinplättchen zerlegt werden.

Kein anderes Möbelstück besitzt das sentimentale Gewicht eines alten Klaviers, aber sein Wert ist in den letzten Jahren rapide gesunken. Es gibt eine Dissonanz zwischen Gefühl und Markt. Der tonnenschwere Gegenstand fügt sich nicht recht in die leichtfüßigen Einrichtungen des 21. Jahrhunderts – wobei ein 50.000-Dollar-Steinway-Konzertflügel in seinem klassischen Design mit dem unnahbaren Lack natürlich über alle Moden der Innenarchitektur triumphiert.

Die weniger aristokratischen Instrumente aus der großen Zeit der Klavierproduktion vor hundert Jahren haben zudem ihre Lebensspanne, die an unsere eigene heranreicht, längst überschritten. »Besonders Nichtspieler erliegen dem romantischen Missverständnis von der Unsterblichkeit des Klaviers«, erklärt Martha Taylor, »aber es hat einen komplizierten, anfälligen Organismus, der unter einer immensen inneren Spannung steht.« Mit achtzig sind die Gelenke müde, und das Holz ist spröde, und selbst die besten Klavierstimmer können dann kaum noch Harmonisches hervorlocken.

»Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Bosse der amerikanischen Klavierfabriken einen Status wie jetzt die CEOs der Computerindustrie, sie wurden von Politikern hofiert«, sagt Larry Fine, Verleger und Chefredakteur der Branchenbibel Acoustic & Digital Piano Buyer. Schon vor der Großen Depression sei die Pianoproduktion innerhalb von fünf Jahren um 90 Prozent zurückgegangen – Radio, Kino und die Frauenemanzipation drängten das Klavier in jene Sphäre der idealisierten Bürgerlichkeit, an die sich heutige Sehnsüchte heften.

In unseren Tagen gibt es das federleichte digitale Keyboard mit chinesischen Kunststoffkomponenten, das um den Preis der Ausbeutung von Menschen und Umwelt billiger zu haben ist als die Reparatur eines betagten Klaviers – und besser klingt. Bei eBay überragt das Piano-Angebot zum Spottpreis die Nachfrage beträchtlich. So stehen seit Beginn der aktuellen Rezession mehr ausgesetzte Klaviere am Straßenrand als je zuvor, ein ebenso surreales Bild wie die vielen an den Bordsteinen gestrandeten Motorboote, deren Besitzer sich weder den Unterhalt noch die korrekte Entsorgung leisten können.

Die Gebeine der klapprigsten Instrumente wärmen im Winter die Angestellten der New Yorker Firma Beethoven Pianos, die Klaviere restauriert, verkauft und vermietet, wenn sie nicht doch dem Holzofen als heißer Rauch entschwinden. Transportarbeiter, die sich an 600 Kilogramm schweren Exemplaren abschleppen und um jeden Kratzer bangen, mögen sich in aufrichtigen Momenten gar zu einer sadistischen Freude am brutalen Ende ihrer sperrigen Peiniger bekennen.

Auf YouTube hat sich das piano smashing als eigenes Genre etabliert. Unter hämischen Kommentaren Werktätiger werden Klaviere von Müllautos gefressen, mit Kettensägen der Länge nach durchtrennt oder gar von schutzhelmtragenden Halbwüchsigen Schlag um Schlag zertrümmert. Diese Videos sind der letzte Beweis für unsere Nähe zum Tasteninstrument, denn nur das, was wir innig lieben, kann solchen Hass auf sich ziehen.

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Leserkommentare
  1. ... was ist der Unterschied zwischen einem Klavier und einer Geige?

    Antwort:
    Das Klavier brennt länger !

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Richter: Sie bestreiten also nicht, in die Wohnung Ihres Nachbarn eingebrochen zu sein und die Geige entwendet zu haben.

    Angeklagter: Das ist richtig, Herr Richter.

    Richter: Aber warum haben Sie das getan? Sie können ja nicht einmal Geige spielen.

    Angeklagter: Das ist richtig, Herr Richter, aber mein Nachbar eben auch nicht.

    Beim Klavier muss ich auch immer an den unvergesslichen Sketch von Loriot und Evelyn Haarmann denken: Ein Klavier, Oh ein Klavier ! :-)

    • gast007
    • 14. Oktober 2012 17:43 Uhr

    Danke der Autorin - ein schöner Artikel.

    Nicht nur der Nichtspieler leidet unter der Alterung seines Klaviers. Wenn man den Profis zusieht, wie sie den Deckel zum Wackeln bringen und die Tasten an der Repetiergrenze halten, dann wundert eine sehr stark verkürzte Lebensdauer nicht. Schliesslich ist das alles Holz, Filz und Leder. Schon Beethoven soll mehrere Klaviere in kurzer Zeit zerspielt haben , was wohl auch dem unfreiwilligen Dauerfortissimo geschuldet war.

    Insofern ist die Lebensdauer des Tasteninstrumentes etwas äusserst variables.

    • achimvr
    • 14. Oktober 2012 18:22 Uhr

    Beim Lesen mußte ich da gleich an den legendären Klaviertransport von Stan und Ollie, den besten Komikern aller Zeiten, denken :D
    http://www.youtube.com/wa...

  2. "In unseren Tagen gibt es das federleichte digitale Keyboard mit chinesischen Kunststoffkomponenten, das um den Preis der Ausbeutung von Menschen und Umwelt billiger zu haben ist als die Reparatur eines betagten Klaviers – und besser klingt."

    "Und besser klingt"?

    Nee !

    Mit so einem Keyboard kann man mehr anstellen, aber den warmen Ton eines Klaviers haben die Dinger nicht. Zwar gibt es mittlerweile Modelle, die den unterschiedlichen Anschlag der Tasten elektronisch umzusetzen versuchen, aber so richtig legato kann man damit nicht spielen.

    Ich liebe mein Klavier, und sein Tod oder Suizid aus Verzweiflung würde mich sehr treffen.

    Wenn ich traurig bin, brauche ich mein Klavier, wenn ich frohlocke, brauche ich mein Klavier. Manchmal habe ich eine Idee einer Melodie spontan im Kopf und muss sie umsetzen.

    Ich weiß, so ein Klavier ist nicht immer nachbarschaftstauglich, da seine Dezibelpotenz eine ganze Straße beglücken kann mit einer freundlichen Melodie, aber sie auch mit Missgriffen in die Tastatur ins Unglück zu stürzen in der Lage ist.

    Statt Zerschlagen präferiere ich doch eher die kategoriale Umfunktionierung des Klavierkorpus, zum Beispiel als Aquarium oder Kompostieranlage.

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    • dth
    • 14. Oktober 2012 21:16 Uhr

    Es gibt durchaus brauchbare, elektische Klaviere, die besser klingen als günstige, mechanische Klaviere oder herungergekommene alte Kisten und ein brauchbares Anschlagverhalten haben.
    Für diese gilt aber weder, dass sie federleicht sind, noch spottbillig. Da sie oft von namhaften Klavierherstellern produziert werden, dürften die Bedingungen der Herstellung auch nicht unbedingt schlechter sein, als für die, günstiger Klaviere...

    • Ijon
    • 14. Oktober 2012 21:39 Uhr

    Für mich als "Vielspieler" ist zwar auch der Klang entscheidend, aber noch viel mehr der Anschlag! Es ist erstaunlich, wie wenig Ahnung von einem guten Anschlag die Leute haben, die auf einem Digitalpiano spielen.

    Viele meinen, dass da eh kein großer Unterschied herrscht - dabei ist der Unterschied brutal! Selbst Digitalpianos um die 5000€ haben noch immer so einen lästigen "Plastik/Feder"-Beigeschmack. Unter anderem merkt man es ganz stark, dass die Taste beim sowohl beim Drücken als auch beim Hochschnalzen leicht nachvibriert!

    Außerdem hat eine gute mechanische Taste eine für Laien unmerkliche Veränderung der Anschlaghärte etwa auf halbem Weg, die das Spielen auf subtile Weise kontrollierbarer macht. Das fällt bei elektrischen Tasten ebenfalls weg.

    Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist die Maxime bei der Leichtigkeit des Gegendrucks auch nicht "je leichter, desto besser" - bei den typischen Billigtastaturen, deren Tasten mühelos heruntergedrückt werden können, sträubt es mir die Haare. Komplizierte Stücke, bei denen die Finger zwangsläufig an Nachbartasten ankommen, sind so nicht spielbar.

    Ich habe mir sagen lassen, dass es in den sehr hohen Preiskategorien auch ganz tolle elektrische Tastaturen gibt. Für den Preis krieg ich aber dann auch schon einen kleinen Silent-Flügel, der sowohl "stumm" als auch komplett natürlich gespielt werden kann.

  3. Richter: Sie bestreiten also nicht, in die Wohnung Ihres Nachbarn eingebrochen zu sein und die Geige entwendet zu haben.

    Angeklagter: Das ist richtig, Herr Richter.

    Richter: Aber warum haben Sie das getan? Sie können ja nicht einmal Geige spielen.

    Angeklagter: Das ist richtig, Herr Richter, aber mein Nachbar eben auch nicht.

    Beim Klavier muss ich auch immer an den unvergesslichen Sketch von Loriot und Evelyn Haarmann denken: Ein Klavier, Oh ein Klavier ! :-)

    • dth
    • 14. Oktober 2012 21:16 Uhr

    Es gibt durchaus brauchbare, elektische Klaviere, die besser klingen als günstige, mechanische Klaviere oder herungergekommene alte Kisten und ein brauchbares Anschlagverhalten haben.
    Für diese gilt aber weder, dass sie federleicht sind, noch spottbillig. Da sie oft von namhaften Klavierherstellern produziert werden, dürften die Bedingungen der Herstellung auch nicht unbedingt schlechter sein, als für die, günstiger Klaviere...

    Antwort auf "Die Autorin schreibt:"
    • Ijon
    • 14. Oktober 2012 21:39 Uhr

    Für mich als "Vielspieler" ist zwar auch der Klang entscheidend, aber noch viel mehr der Anschlag! Es ist erstaunlich, wie wenig Ahnung von einem guten Anschlag die Leute haben, die auf einem Digitalpiano spielen.

    Viele meinen, dass da eh kein großer Unterschied herrscht - dabei ist der Unterschied brutal! Selbst Digitalpianos um die 5000€ haben noch immer so einen lästigen "Plastik/Feder"-Beigeschmack. Unter anderem merkt man es ganz stark, dass die Taste beim sowohl beim Drücken als auch beim Hochschnalzen leicht nachvibriert!

    Außerdem hat eine gute mechanische Taste eine für Laien unmerkliche Veränderung der Anschlaghärte etwa auf halbem Weg, die das Spielen auf subtile Weise kontrollierbarer macht. Das fällt bei elektrischen Tasten ebenfalls weg.

    Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist die Maxime bei der Leichtigkeit des Gegendrucks auch nicht "je leichter, desto besser" - bei den typischen Billigtastaturen, deren Tasten mühelos heruntergedrückt werden können, sträubt es mir die Haare. Komplizierte Stücke, bei denen die Finger zwangsläufig an Nachbartasten ankommen, sind so nicht spielbar.

    Ich habe mir sagen lassen, dass es in den sehr hohen Preiskategorien auch ganz tolle elektrische Tastaturen gibt. Für den Preis krieg ich aber dann auch schon einen kleinen Silent-Flügel, der sowohl "stumm" als auch komplett natürlich gespielt werden kann.

    Antwort auf "Die Autorin schreibt:"
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    • Panic
    • 14. Oktober 2012 22:24 Uhr

    Studiologic Acuna 88 sei Ihnen ans Herz gelegt. Habe ich mir vor 2 Monaten zugelegt. Fatar Tastatur mit Hammermechanik. Schlägt jedes dämliche Digitalpiano in jedem Preissegment.
    Kosten 500,- €

    Dazu ein Native Instrument Plugin wie Concert Grand Berlin oder Concert Grand New York. Kosten: 100 - 150 €. Ok, Sie brauchen einen Computer noch dazu.

    Wer sich heute noch ein komplettes Digitalpiano kauft, weil er den optimalen alternativen Klang zum Piano sucht, der hat zuviel Geld und zu wenig Ahnung.

    cheers

    ich habe mal ein kleines Stück von Beethoven auf meinem Ibach-Klavier und dem elektronischem Klavier meiner Schwester gespielt.

    Das sind Riesenunterschiede.

    Hier ist das Stück mit tollen Modulationen von Beethoven von Kinderhand gespielt:
    http://www.youtube.com/wa...

    Das kriegt man mit Elektronik nicht hin.

  4. ... daß die Autorin Steinberg und nicht Steinway heißt ...

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  • Schlagworte Musikinstrument
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