Kalter KriegDem Abgrund entgegen
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Operation Anadyr

Am Morgen nach der Verkündung der Blockade meint Außenminister Rusk zu seinem Staatssekretär George Ball, der im Büro übernachtet hat: »Wir haben einen großen Sieg errungen: Wir sind beide noch am Leben.« Und der britische Premier Harold Macmillan schreibt in sein Tagebuch: »Dies ist der erste Tag der Weltkrise!« Genauso ist es. Die Welt steht am Rande des Atomkrieges.

Wie ist es dazu gekommen? Zwischen Kuba, jener Insel, die nur 130 Kilometer vor Florida liegt, und den USA hat es immer besondere Beziehungen gegeben. Nach der Befreiung aus spanischer Kolonialherrschaft im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 geriet das Land in völlige Abhängigkeit von den USA. Zuletzt, von 1952 an, stützten sie den korrupten Diktator Fulgencio Batista, der 1959 dann von Fidel Castro gestürzt wurde. Als dieser den US-Besitz auf der Insel entschädigungslos enteignete, brachen die USA die Beziehungen ab. Castro wandte sich Moskau zu, Kuba wurde vom Vorhof der USA zum Vorposten des Kreml, für die USA eine unerträgliche Situation. Man versuchte, Castro zu stürzen. Das führte im April 1961 zum Desaster in der Schweinebucht: Die Invasion scheiterte kläglich.

Doch die Regierung in Washington ließ nicht locker. Im März 1962 wurde auf einer Karibikinsel ein Landemanöver durchgeführt. In Moskau und Havanna verstärkte sich der Eindruck, dass es früher oder später zu einer Invasion kommen werde.

Etwa zu diesem Zeitpunkt hatte Chruschtschow wohl die Idee, Atomraketen auf Kuba zu stationieren. Über die wahren Gründe dafür lässt sich nach wie vor nur spekulieren. Noch immer sind Moskaus Regierungsarchive kaum zugänglich – selbst für russische Historiker. Manches deutet darauf hin, dass es Chruschtschow um den Schutz Kubas ging. Damit verbunden war eine Veränderung des strategischen Kräfteverhältnisses, auch mit der Möglichkeit, neuen Druck in der Berlin-Frage auszuüben.

Ende Mai 1962 wurde Castro der sowjetische Plan vorgelegt. Castro stimmte zu. Er sah in den Raketen den besten Schutz vor einer Invasion. Am 10. Juni tagte das Präsidium der KPdSU. Der Plan, den der Generalstab ausgearbeitet hatte, sah eine gigantische Aufrüstung Kubas vor: 24 Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 1.600 Kilometern, 16 Interkontinentalraketen mit einer Reichweite von 3.200 Kilometern, jeweils bestückt mit einem Atomsprengkopf. Die 40 Raketen sollten aus der Ukraine und Weißrussland abgezogen werden. Mit ihrer Aufstellung würde sich die Zahl der Atomraketen, die die USA treffen könnten, verdoppeln. Außerdem sollten zwei Bataillone mit T-55-Panzern auf Kuba stationiert werden, eine Staffel der modernsten Kampfjäger, 70 Atombomber und 80 Marschflugkörper mit je 60 Kilometer Reichweite. Auch eine Basis für Atom-U-Boote sollte es geben. Etwa 51.000 Soldaten waren vorgesehen, davon 10.000 Mann Kampftruppen.

Ende Juli begann das Unternehmen, Tarnname: Anadyr. Es war die größte amphibische Operation in der Geschichte der UdSSR und gleichzeitig die größte sowjetische Geheimoperation des Kalten Krieges. 85 Schiffe standen zur Verfügung, die in sechs Häfen von Sewastopol bis Murmansk beladen wurden. Kapitäne und Mannschaften kannten bis zum Atlantik das Ziel noch nicht. Sie mussten Winterkleidung und Skier mit sich führen, um den Eindruck zu vermeiden, es gehe in die Karibik. Die Schiffe selbst waren als Holzfrachter getarnt, die Raketenteile in den Laderäumen versteckt. Jeder Kapitän bekam einen Briefumschlag, der erst – im Beisein eines Offiziers des Geheimdienstes KGB – auf hoher See geöffnet wurde. Es gab die Anweisung, dass bei einem Angriff ein Ausweichmanöver durchgeführt, der Dokumentenbestand vernichtet und notfalls das Schiff versenkt werden sollte.

Spionageflüge über Kuba

Die USA führten damals regelmäßig Spähflüge über Kuba durch. Am 14. Oktober stieg wieder ein U2-Spionageflugzeug auf. Als die Fotos entwickelt waren, staunten die Geheimdienstler nicht schlecht: Die Bilder zeigten die im Bau befindlichen Raketenstellungen. Gleich am nächsten Morgen wurde Kennedy informiert, gegen Mittag gab es bereits die erste Krisensitzung mit einer Gruppe hochrangiger Diplomaten und Militärs. Dieses Exekutivkomitee, bekannt als Excomm, tagte in den folgenden zwei Wochen nahezu ununterbrochen.

Wir wissen inzwischen ziemlich genau, wie diese Beratungen abliefen. Unbemerkt von den Teilnehmern – möglicherweise mit Ausnahme seines Bruders, des Justizministers Robert Kennedy –, ließ der Präsident nämlich die Gespräche im Excomm aufnehmen. 1997 wurden die Tonbänder veröffentlicht. Sie machen die ganze Dramatik jener Tage deutlich. »Tauben« wie »Falken« der Runde waren sich in einem Punkt einig: Die Raketen mussten weg, so oder so. Die Militärs plädierten von Anfang an für die Invasion. Die Frage war, wie die Sowjetunion darauf reagieren würde – vielleicht mit Gegenmaßnahmen in Berlin? Am Ende entschied sich Kennedy für die Blockade.

Am 25. Oktober werden die sowjetischen Schiffe gestoppt. Aber für die USA ist das Problem damit keinesfalls gelöst: An den Abschussrampen auf Kuba wird nach wie vor mit Hochdruck gearbeitet.

Die Vorbereitungen für eine Invasion Kubas gehen weiter. Geplant sind sieben Tage lang massive Luftangriffe, über tausend allein am ersten Tag, um die Raketenbasen, das Luftabwehrsystem und die Flugplätze zu zerstören. Anschließend sollen 120.000 Soldaten übersetzen. Für jedermann sichtbar werden Flugzeuge und Truppen in Florida zusammengezogen. Einige Kommandeure spielen mit dem Gedanken, taktische Atomwaffen anzufordern.

Washingtons »Tauben« schlagen einen anderen Weg vor. Rusk will dem Kreml ein Angebot machen: Abzug der Raketen aus Kuba, dafür Verzicht auf die Invasion und eventuell Abzug der Jupiter-Raketen aus der Türkei. Die Zusage zum Abzug dieser Raketen muss indes geheim bleiben, denn sie unterstehen der Nato. Über sie kann Kennedy nicht ohne Zustimmung der Nato-Partner verfügen.

Leser-Kommentare
  1. ...diesen Einblick in die Geschichte. Als Teil der jüngeren Generation war mir diese Situation so nicht bekannt.
    Faszinierent und erschreckend zu gleich.

    2 Leser-Empfehlungen
    • JK68
    • 22.10.2012 um 12:11 Uhr

    Vielen Dank für diesen Artikel, der wieder mal vor Augen führt, wie dicht die Welt schon an der Vernichtung vorbeigeschrammt ist.
    Aus meiner Sicht sehr zu empfehlen ist der Film "Thirteen Days", der auch die internen Spannungen der US Regierung und des Weissen Hauses deutlich macht.

  2. Warum wird so viele Jahre nach Ende des Kalten Krieges immer noch so polarisierend über das Thema geschrieben?

    Aus heutiger Sicht sicherlich fiktiv anmutend, war der Schritt der SU in Kuba logisch. Die in den NATO-Staaten
    stationierten Raketen, konnten ohne Probleme das Hoheitsgebiet der SU erreichen. Mit der Stationierung taktischer Waffen auf
    Kuba ging es m.E. um nichts weiteres als der Wiederherstellung einer Pattsituation.

    Der Vorfall, der hier im Artikel auf dem sowj. U-Boot als Beiwerk abgetan wird, ist m.E. der wahre Verhinderer des Kriegsausbruchs.
    Was man hier nämlich verschwiegen hat, ist die irrwitzige Aktion der amerikanischen Zerstörer, das U-Boot mit Wasserbomben zum Auftauchen zu zwingen.
    Das hat dem U-Boot zumindest den Verdacht gegeben, der Krieg hätte längst begonnen. Allein dem kühlen Verstand der Besatzung ist es zu verdanken,
    dass das U-Boot auftauchte, anstatt zu feuern. Und anders als im Westen üblich, wurden derartige "Helden" im Osten in ihrer Heimat nicht als solche
    gefeiert.

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    Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.

    Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
    Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.

    Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.

    Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
    Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.

  3. in Teilen des politischen Spektrums hochverehrte Fidel ist der einzige mir bekannte Staatschef, der nach 1945 einen Atomkrieg führen wollte.

    3 Leser-Empfehlungen
  4. Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.

    Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
    Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.

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    Antwort auf "Einseitiger Artikel"
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    Na mit der Aussage "Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag" untermauern Sie ja glorreich, was Sie unter Objektivität verstehen.

    Castro wollte den nuklearen Erstschlag. Ja, aber nur im Falle einer amerikanischen Invasion. Und darum ging es ihm eigentlich auch die ganze Zeit. Das solche Worte ausgesprochen werden, ist an sich schon schlimm genug. Das stimmt schon, aber das vorrangige Ziel für Castro war Invasionsbemühungen der Amerikaner ein für alle mal abzuwenden und sah in der Stationierung der Waffen die Möglichkeit dazu.

    Und was denken Sie, wieviele amerikanische Militärs nicht mit einem Erstschlag liebäugelten? Das geht sogar aus dem Artikel hervor, was ich ihm wiederum zu Gute halte.

    Na mit der Aussage "Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag" untermauern Sie ja glorreich, was Sie unter Objektivität verstehen.

    Castro wollte den nuklearen Erstschlag. Ja, aber nur im Falle einer amerikanischen Invasion. Und darum ging es ihm eigentlich auch die ganze Zeit. Das solche Worte ausgesprochen werden, ist an sich schon schlimm genug. Das stimmt schon, aber das vorrangige Ziel für Castro war Invasionsbemühungen der Amerikaner ein für alle mal abzuwenden und sah in der Stationierung der Waffen die Möglichkeit dazu.

    Und was denken Sie, wieviele amerikanische Militärs nicht mit einem Erstschlag liebäugelten? Das geht sogar aus dem Artikel hervor, was ich ihm wiederum zu Gute halte.

  5. Na mit der Aussage "Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag" untermauern Sie ja glorreich, was Sie unter Objektivität verstehen.

    Castro wollte den nuklearen Erstschlag. Ja, aber nur im Falle einer amerikanischen Invasion. Und darum ging es ihm eigentlich auch die ganze Zeit. Das solche Worte ausgesprochen werden, ist an sich schon schlimm genug. Das stimmt schon, aber das vorrangige Ziel für Castro war Invasionsbemühungen der Amerikaner ein für alle mal abzuwenden und sah in der Stationierung der Waffen die Möglichkeit dazu.

    Und was denken Sie, wieviele amerikanische Militärs nicht mit einem Erstschlag liebäugelten? Das geht sogar aus dem Artikel hervor, was ich ihm wiederum zu Gute halte.

    Antwort auf "Objektivität "
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    die das Letztentscheidungsrecht haben.

    die das Letztentscheidungsrecht haben.

  6. 7. Danke

    Das ist prima be- und geschrieben. Selbst heute, 50 Jahre später, zittert man mit.

    Noch ein "Schmankerl" zur damaligen Zeit, alle Atomtests als Lied auf Youtube (wenn's gestattet wird)

    http://www.youtube.com/wa...!

    Hätten Sie gedacht, dass es soviele waren, damals, als wir noch Kinder waren ... hab das Strontium 90 immer noch in den Knochen.

    don't kiss me, babe, I'm radioactive :-) aj

  7. die das Letztentscheidungsrecht haben.

    Antwort auf ""Objektivität""

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