Der "schwarze Samstag"
Der übernächste Tag, der 27. Oktober, ist als »schwarzer Samstag« in die Geschichte eingegangen und hätte in der Tat zum schwärzesten Tag in der Geschichte der Menschheit werden können. Castro befürchtet die Invasion und drängt Chruschtschow am Morgen zum sofortigen Atomschlag. Acht Basen für Mittelstreckenraketen sind inzwischen fertig. Das wissen die Amerikaner. Was sie nicht wissen: Längst sind auch die atomaren Sprengköpfe bereitgestellt. Acht weitere Mittelstreckenraketen mit Atombomben stehen in Reserve. Gleichzeitig bedrohen drei Marschflugkörper mit Atomsprengköpfen die US-Basis Guantánamo.
Dann geht es Schritt für Schritt dem Abgrund entgegen. Ein U2-Spionageflugzeug wird über Kuba abgeschossen, der Pilot kommt dabei um. Excomm vermutet, dass Moskau den Befehl gegeben hat, was nicht stimmt: Sowjetische Offiziere auf Kuba haben eigenmächtig gehandelt. Im Excomm fällt der Satz: »Die Sowjets haben den ersten Schuss abgefeuert.« Eine weitere U2 gerät über Alaska vom Kurs ab und dringt in den sowjetischen Luftraum ein. Die Sowjets vermuten, dies sei ein letzter Spionageflug, um die Ziele für den Erstschlag auszuspähen. Atomar bewaffnete sowjetische Abfangjäger steigen auf, während Verteidigungsminister Robert McNamara schreit: »Das bedeutet Krieg mit Russland!« Und Kennedy knurrt: »Irgendein Idiot muss immer alles vermasseln.«
Das Glück ist aufseiten des U2-Piloten. Zwar geht ihm das Benzin aus, doch gelingt es ihm, in den amerikanischen Luftraum zurückzugleiten; die sowjetischen Jäger konnten ihn in 33 Kilometer Höhe nicht erreichen. Was niemand im Excomm wusste: Gleichzeitig waren mit Atomwaffen bestückte US-Maschinen in Richtung der U2 aufgestiegen. Deren Piloten hatten Befehlsgewalt, ihre Nuklearraketen einzusetzen.
Zur selben Zeit, an jenem schwarzen Samstag, droht auch auf hoher See die finale Eskalation. Ein US-Zerstörer hat ein sowjetisches U-Boot gestellt. Es verfügt über einen Nukleartorpedo. Der Kommandant verliert den Funkkontakt zu Moskau. In Panik geraten, lässt er den Torpedo zum Abschuss vorbereiten. Es sind einige entschlossene Offiziere, die im letzten Augenblick eingreifen und die Katastrophe verhindern.
Die amerikanischen Stabschefs fordern, am Sonntag oder Montag einen massiven Schlag gegen sämtliche Basen auf Kuba durchzuführen, falls die Raketen nicht abgezogen werden. Kennedy widerspricht nicht. Bei einem Nein droht ihm ein Absetzungsverfahren durch den Kongress.
Die ungeheure Spannung der Situation wird in dem Gespräch deutlich, das Robert Kennedy im Auftrag seines Bruders noch an jenem Samstagabend mit Botschafter Dobrynin führt. Die Botschaft, die er überbringt, ist einfach: keine Raketen auf Kuba, dafür keine Invasion. Er macht aber auch deutlich, unter welch enormem Druck sein Bruder steht, denn, so Kennedy: »Es gibt viele unvernünftige Köpfe bei den Generälen – und nicht nur bei den Generälen –, die auf einen Kampf brennen.« Gleichzeitig teilt er die Bereitschaft Kennedys mit, die Basen in der Türkei abzubauen. Die Zeit dränge, man brauche eine Antwort bis zum nächsten Morgen. Dies sei »eine Bitte, kein Ultimatum«.
Die Antwort kommt am Sonntagmorgen über Radio Moskau. Chruschtschow lässt mitteilen, die sowjetische Regierung habe Anweisung erteilt, die Raketen auf Kuba zu demontieren und in die Sowjetunion zurückzubringen. In Washington herrschen gleichzeitig Erleichterung und ungläubiges Staunen – und bei den Militärs Zweifel.
Wir wissen heute, wie es zu dieser Entscheidung kam. Der KGB in Washington hatte dem Kreml von einer für zwölf Uhr angesetzten Pressekonferenz Kennedys berichtet. Für Chruschtschow konnte das nur die Ankündigung der Invasion bedeuten. Er hielt Kennedy für zu schwach, um den Militärs zu widerstehen, und befürchtete ernsthaft einen Regierungswechsel in Washington mit anschließendem Angriff auf Kuba und atomarem Erstschlag gegen die Sowjetunion. Das musste verhindert werden, die Entscheidung Moskaus noch rechtzeitig Washington erreichen. Deshalb Radio Moskau.
Eine der gefährlichsten Krisen der Weltgeschichte ging zu Ende. Man hatte einfach »schieres Glück« gehabt, wie McNamara später meinte. Die Kubakrise trieb die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Der »Spieler« Chruschtschow hatte zu hoch gepokert – und musste nachgeben.
Die Raketen verschwanden aus Kuba. Castro nannte das Verrat und Chruschtschow einen Bastard. Der aber ließ dem Revolutionsführer mitteilen, dass die Forderung nach einem Atomschlag gegen die USA alarmierend gewesen sei. Castro müsse doch verstehen, »wohin uns das geführt hätte. Es wäre (…) der Beginn eines atomaren Weltkrieges« gewesen – mit der Vernichtung der Sowjetunion.
Kennedy strahlte als Sieger
Kennedy sah in der Öffentlichkeit wie der strahlende Sieger aus. Die Schlussfolgerung – man müsse gegen die commies nur Härte zeigen, dann werde man siegen – führte direkt in den Vietnamkrieg. Dabei hatte nicht Härte die Lösung gebracht, sondern das diplomatische Angebot der »Tauben«. Wenig später zogen die USA ihrerseits still und leise die Jupiter-Raketen aus der Türkei ab.
Als Folge der Konfrontation richtete man im Sommer 1963 den »heißen Draht« ein: eine direkte Fernschreibverbindung zwischen Weißem Haus und Kreml – von den Sowjets erstmals im Sechstagekrieg 1967 aktiviert. Hinzu kam das Abkommen über ein Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im All und unter Wasser. Insofern waren die 13 Tage im Oktober 1962 auch für die Supermächte ein heilsamer Schock.
Die Kubakrise blieb der letzte direkte Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion. Heiße Kriege wurden von nun an auf Ersatzschauplätze verlegt. Das nannte man dann Stellvertreterkriege. Der Kreml zog eine weitere Lehre aus der Krise – nach dem Sturz Chruschtschows 1964: Wegen militärischer Unterlegenheit würde man nicht noch einmal nachgeben müssen. Moskau legte ein gigantisches Rüstungsprogramm auf, das zwar Mitte der siebziger Jahre zum Gleichgewicht des Schreckens führte, die Sowjetunion aber letztlich ruinierte.









...diesen Einblick in die Geschichte. Als Teil der jüngeren Generation war mir diese Situation so nicht bekannt.
Faszinierent und erschreckend zu gleich.
Vielen Dank für diesen Artikel, der wieder mal vor Augen führt, wie dicht die Welt schon an der Vernichtung vorbeigeschrammt ist.
Aus meiner Sicht sehr zu empfehlen ist der Film "Thirteen Days", der auch die internen Spannungen der US Regierung und des Weissen Hauses deutlich macht.
Warum wird so viele Jahre nach Ende des Kalten Krieges immer noch so polarisierend über das Thema geschrieben?
Aus heutiger Sicht sicherlich fiktiv anmutend, war der Schritt der SU in Kuba logisch. Die in den NATO-Staaten
stationierten Raketen, konnten ohne Probleme das Hoheitsgebiet der SU erreichen. Mit der Stationierung taktischer Waffen auf
Kuba ging es m.E. um nichts weiteres als der Wiederherstellung einer Pattsituation.
Der Vorfall, der hier im Artikel auf dem sowj. U-Boot als Beiwerk abgetan wird, ist m.E. der wahre Verhinderer des Kriegsausbruchs.
Was man hier nämlich verschwiegen hat, ist die irrwitzige Aktion der amerikanischen Zerstörer, das U-Boot mit Wasserbomben zum Auftauchen zu zwingen.
Das hat dem U-Boot zumindest den Verdacht gegeben, der Krieg hätte längst begonnen. Allein dem kühlen Verstand der Besatzung ist es zu verdanken,
dass das U-Boot auftauchte, anstatt zu feuern. Und anders als im Westen üblich, wurden derartige "Helden" im Osten in ihrer Heimat nicht als solche
gefeiert.
Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.
Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.
Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.
Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.
in Teilen des politischen Spektrums hochverehrte Fidel ist der einzige mir bekannte Staatschef, der nach 1945 einen Atomkrieg führen wollte.
Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.
Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.
Na mit der Aussage "Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag" untermauern Sie ja glorreich, was Sie unter Objektivität verstehen.
Castro wollte den nuklearen Erstschlag. Ja, aber nur im Falle einer amerikanischen Invasion. Und darum ging es ihm eigentlich auch die ganze Zeit. Das solche Worte ausgesprochen werden, ist an sich schon schlimm genug. Das stimmt schon, aber das vorrangige Ziel für Castro war Invasionsbemühungen der Amerikaner ein für alle mal abzuwenden und sah in der Stationierung der Waffen die Möglichkeit dazu.
Und was denken Sie, wieviele amerikanische Militärs nicht mit einem Erstschlag liebäugelten? Das geht sogar aus dem Artikel hervor, was ich ihm wiederum zu Gute halte.
Na mit der Aussage "Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag" untermauern Sie ja glorreich, was Sie unter Objektivität verstehen.
Castro wollte den nuklearen Erstschlag. Ja, aber nur im Falle einer amerikanischen Invasion. Und darum ging es ihm eigentlich auch die ganze Zeit. Das solche Worte ausgesprochen werden, ist an sich schon schlimm genug. Das stimmt schon, aber das vorrangige Ziel für Castro war Invasionsbemühungen der Amerikaner ein für alle mal abzuwenden und sah in der Stationierung der Waffen die Möglichkeit dazu.
Und was denken Sie, wieviele amerikanische Militärs nicht mit einem Erstschlag liebäugelten? Das geht sogar aus dem Artikel hervor, was ich ihm wiederum zu Gute halte.
Na mit der Aussage "Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag" untermauern Sie ja glorreich, was Sie unter Objektivität verstehen.
Castro wollte den nuklearen Erstschlag. Ja, aber nur im Falle einer amerikanischen Invasion. Und darum ging es ihm eigentlich auch die ganze Zeit. Das solche Worte ausgesprochen werden, ist an sich schon schlimm genug. Das stimmt schon, aber das vorrangige Ziel für Castro war Invasionsbemühungen der Amerikaner ein für alle mal abzuwenden und sah in der Stationierung der Waffen die Möglichkeit dazu.
Und was denken Sie, wieviele amerikanische Militärs nicht mit einem Erstschlag liebäugelten? Das geht sogar aus dem Artikel hervor, was ich ihm wiederum zu Gute halte.
die das Letztentscheidungsrecht haben.
die das Letztentscheidungsrecht haben.
Das ist prima be- und geschrieben. Selbst heute, 50 Jahre später, zittert man mit.
Noch ein "Schmankerl" zur damaligen Zeit, alle Atomtests als Lied auf Youtube (wenn's gestattet wird)
http://www.youtube.com/wa...!
Hätten Sie gedacht, dass es soviele waren, damals, als wir noch Kinder waren ... hab das Strontium 90 immer noch in den Knochen.
don't kiss me, babe, I'm radioactive :-) aj
die das Letztentscheidungsrecht haben.
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