Kalter Krieg Dem Abgrund entgegen
In der Kubakrise zwischen den USA und der UdSSR vor 50 Jahren entging die Welt nur um Haaresbreite der atomaren Vernichtung.
© Cecil Stoughton/White House/Epa/dpa

29. Oktober 1962 in Washington: US-Präsident Kennedy berät mit dem Krisenstab die Situation auf Kuba und das Verhalten Russlands.
Es ist Montag, der 22. Oktober 1962. Um 13 Uhr kündigt das Weiße Haus für den Abend eine Radio- und Fernsehansprache des Präsidenten »von höchster nationaler Dringlichkeit« an. Als John F. Kennedy um 19 Uhr beginnt, lauschen 100 Millionen Amerikaner gebannt seinen Worten. Der Präsident teilt Ungeheuerliches mit: Die Sowjetunion habe Atomraketen auf Kuba stationiert. Jede dieser Raketen könne die meisten großen Städte des Doppelkontinents treffen, von Kanada bis hinunter nach Lima in Peru. Dies sei eine Bedrohung für alle Amerikaner.
Kennedy bezichtigt die Sowjets der mehrfachen Lüge, allen voran deren Außenminister Andrej Gromyko, der ihm noch wenige Tage zuvor versichert habe, es gebe nur defensive Waffen auf Kuba. Um den weiteren Aufbau der Raketenbasen zu stoppen, kündigt Kennedy eine Blockade der Karibikinsel gegen alle Schiffe an, die offensives militärisches Material nach Kuba bringen wollten. Diese Schiffe müssten umkehren. Er habe zudem die Streitkräfte angewiesen, sich auf jede Eventualität vorzubereiten. Sollte auch nur eine Rakete abgeschossen werden, betrachte man dies als einen Angriff auf die USA. Ein »massiver Vergeltungsschlag gegen die Sowjetunion« werde folgen.
Eine Stunde zuvor, um 18 Uhr, ist der sowjetische Botschafter in Washington, Anatoli Dobrynin, von Außenminister Dean Rusk über die Raketen informiert worden, von denen Dobrynin (angeblich) nichts weiß. Als der Botschafter das State Department betrat, lächelte er noch, als er es verließ, war er aschfahl. Nach Moskau berichtete er, er habe Rusk geantwortet, die Sowjetunion fürchte keine Drohungen und sei vorbereitet, sie auf angemessene Weise zu beantworten, falls die Stimme der Vernunft in den USA nicht durchdringen sollte.
Der Autor ist Professor für Zeitgeschichte (em.) an der Universität Innsbruck. Mehr zum Thema in seinem Buch Die Kubakrise 1962. Dreizehn Tage am atomaren Abgrund (Olzog Verlag, 173 S., 22,90 €).
Vom nächsten Tag an, dem 23. Oktober, gilt für die US-Streitkräfte zum ersten Mal seit dem Koreakrieg 1950 weltweit Alarmstufe 3. Tags darauf wird für das Strategische Luftwaffenkommando die Stufe auf 2 angehoben – dies zum ersten und bis heute einzigen Mal (Stufe 1 bedeutet Atomkrieg). 204 Interkontinentalraketen im Westen der USA werden für den Start vorbereitet, zwölf U-Boote mit 140 Polaris-Raketen an Bord vor die Küsten der Sowjetunion beordert, weitere 220 Raketen auf fünf Flugzeugträgern einsatzbereit gemacht. 62 B-52-Bomber mit 196 Wasserstoffbomben an Bord sind nun ständig in der Luft; 628 weitere Bomber mit mehr als 2.000 Atombomben bleiben rund um die Welt in Alarmbereitschaft. Hinzu kommen 60 Thor-Raketen in Großbritannien, 30 Jupiter-Raketen in Italien, alle mit Atombomben bestückt, und fünf Jupiter-Basen in der Türkei.
Die strategische Überlegenheit der USA gegenüber der UdSSR beträgt 4:1 bei den Interkontinentalraketen und 17:1 insgesamt (inklusive Atomsprengköpfen). Washington verfügt so über die Erstschlagkapazität – Moskau dagegen nicht, nicht einmal über eine ausreichende Zweitschlagkapazität. Wäre es zum Äußersten gekommen, wäre die Sowjetunion pulverisiert worden, aber auch im Westen hätte es Millionen Tote gegeben.
Zur selben Zeit ordnet der Keml für die Truppen des Warschauer Paktes erhöhte Gefechtsbereitschaft an und für die Streitkräfte der Sowjetunion (auch für die 500.000 Sowjetsoldaten in der DDR) die volle Gefechtsbereitschaft. Sechs Interkontinentalraketen sind startklar, 100 Bomber aufgetankt.
Die US-Militärs, die von Anfang an gegen Kuba vorgehen wollen, wissen zu diesem Zeitpunkt einiges nicht (auch die übrige Welt erfuhr es erst 1992 beziehungsweise 2008). Sie wissen nicht, dass:
- acht Mittelstreckenraketen samt Atombomben auf Kuba bereits einsatzbereit sind – Sprengkraft jeweils eine Megatonne TNT (das entspricht 66 Hiroshima-Bomben);
- achtzig Marschflugkörper mit je einem Atomsprengkopf in Hiroshima-Stärke auf Kuba bereitstehen für den Fall einer Invasion;
- drei der Marschflugkörper für die Vernichtung der US-Marinebasis Guantánamo auf Kuba in Stellung gebracht sind;
- die vier sowjetischen U-Boote, die sich in Richtung Kuba bewegen, je einen Nukleartorpedo in Hiroshima-Stärke an Bord haben;
- inzwischen 42.000 sowjetische Soldaten auf der Insel stationiert sind.
All diese Details kennen die Amerikaner nicht. Sie vermuten nur richtig, dass die Sowjets bereits Atombomben nach Kuba gebracht haben.
- Datum 22.10.2012 - 08:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41
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in Teilen des politischen Spektrums hochverehrte Fidel ist der einzige mir bekannte Staatschef, der nach 1945 einen Atomkrieg führen wollte.
...diesen Einblick in die Geschichte. Als Teil der jüngeren Generation war mir diese Situation so nicht bekannt.
Faszinierent und erschreckend zu gleich.
Warum wird so viele Jahre nach Ende des Kalten Krieges immer noch so polarisierend über das Thema geschrieben?
Aus heutiger Sicht sicherlich fiktiv anmutend, war der Schritt der SU in Kuba logisch. Die in den NATO-Staaten
stationierten Raketen, konnten ohne Probleme das Hoheitsgebiet der SU erreichen. Mit der Stationierung taktischer Waffen auf
Kuba ging es m.E. um nichts weiteres als der Wiederherstellung einer Pattsituation.
Der Vorfall, der hier im Artikel auf dem sowj. U-Boot als Beiwerk abgetan wird, ist m.E. der wahre Verhinderer des Kriegsausbruchs.
Was man hier nämlich verschwiegen hat, ist die irrwitzige Aktion der amerikanischen Zerstörer, das U-Boot mit Wasserbomben zum Auftauchen zu zwingen.
Das hat dem U-Boot zumindest den Verdacht gegeben, der Krieg hätte längst begonnen. Allein dem kühlen Verstand der Besatzung ist es zu verdanken,
dass das U-Boot auftauchte, anstatt zu feuern. Und anders als im Westen üblich, wurden derartige "Helden" im Osten in ihrer Heimat nicht als solche
gefeiert.
Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.
Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.
Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.
Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.
Der Artikel wirkte mir deutlich objektiver als ihre Variante. Es wurde an mehreren Stellen deutlich, dass die Verantwortung zwischen Krieg und Frieden am seidenen Faden hing.
Zum Glück wollte nur Kuba den Atomaren Erstschlag. Zum Glück verfügte Castro nicht über die Macht eines Chruschtschow oder gar eines Kennedy.
Eventuell wäre Chruschtschow auch radikal genug gewesen, wenn er - wie damals Kennedy - über die realistische Option des Erstschlages verfügte.
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