Nord-IrakVier Kriege und ein Traum

Die Kurden sehnen sich nach einem eigenen Staat. Inmitten der Krisen in Syrien, Irak und Iran könnte ihr Wunsch in Erfüllung gehen. von 

Autonome Region Kurdistan

Ein Geschichtslehrer gibt Unterricht für iranische Kurden auf dem Gebiet der Autonomen Region Kurdistan im Irak.   |  © Ulrich Ladurner

Es gibt für jedes Volk mythische Orte. Sie stiften Identität, sie bieten Schutz – manchmal im wörtlichen Sinn. Für die Kurden ist es das Kandil-Gebirge, eine ebenso schöne wie schroffe Landschaft im Dreiländereck Iran, Irak Türkei. Hierher haben sich kurdische Kämpfer immer wieder zurückgezogen, wenn sie in Bedrängnis gerieten. Hier ruhen sie sich aus und rüsten für eine neue Runde in einem scheinbar endlosen Kampf.

Feinde gab und gibt es viele. Die irakische Armee des Diktators Saddam Hussein, die Soldaten der Islamischen Republik Iran, die Generäle des türkischen Präsidenten Tayyip Erdoğan – sie alle wollten kurdischen Kämpfern in Kandil den Garaus machen. Sie versuchte es mit Soldaten, mit Kampfbombern, mit Artilleriebeschuss. Vergeblich. Das Gebirge bleibt bis heute in der Hand kurdischer Guerillagruppen. Die wenigsten von ihnen erfüllen auch nur annähernd das Bild der progressiven Freiheitsbewegung, das sie selbst gern von sich zeichnen. Und in der Vergangenheit haben sie sich oft genug in Bruderkämpfen zerfleischt. Doch das ändert nichts daran, dass Kandil Symbol geworden ist für den zähen Freiheitswillen eines Volkes ohne Staat.

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In dieser Region ist alles ins Rutschen gekommen. Syrien zerfällt, der Irak ist de facto geteilt, der Iran steht unter harten Sanktionen und muss mit einem Angriff seitens Israels und der USA rechnen. Grenzen, die seit 1919 bestehen, könnten sich auflösen. Die kurdischen Puzzleteile, die jahrzehntelang in die Staatskörper Syriens, der Türkei, des Iraks und des Irans eingeschweißt waren, lockern sich und geraten in Bewegung. Sie könnten sich zusammenfügen zu einem vereinten kurdischen Staat. Das ist der uralte Traum der Kurden, gleichzeitig ist es der Alptraum für die betroffenen Staaten, besonders für die Türkei mit ihren rund 20 Millionen Kurden.

Im Kandil-Gebirge wehen zurzeit die Flaggen der kurdischen Arbeiterpartei PKK, aufgepflanzt auf einem weithin sichtbaren Hügel. Ihr Führer Abdullah Öcalan wurde 1999 von einem türkischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Öcalan war über viele Jahre Ankaras Staatsfeind Nummer eins. Am Eingang zum Gebirge steht sein Abbild, in frischen Farben gemalt. Es ist ein der Türkei trotzig hingeworfener Fehdehandschuh: Ihr könnt ihn wegsperren, für uns bleibt er unser Führer! Ein bewaffneter Wachposten der PKK kontrolliert die Papiere, notiert Namen und Autokennzeichen von Reisenden so penibel wie ein offizieller Grenzbeamter. Weiter oben, am Fuße eines Berges, der sich jäh in die Höhe schwingt, empfängt Schersad Kanandschak in einem Unterstand, umgeben von einem Dutzend Kämpfern, Männern wie Frauen. Jenseits der Grenze schießt die iranische Artillerie ein paar Salven ab, und über die Gebirgskette schwappt ein Grollen wie von einem nahenden Gewitter. Kanandschak bleibt ungerührt, nur sein riesiger Schnäuzer zuckt kurz. Er ist iranischer Kurde und ein Kommandant der Partei für ein freies Leben in Kurdistan, kurz PJAK. Sie ist der iranische Ableger der PKK. Kanandschak sagt, er kämpfe seit Studententagen für eine Autonomie der zwölf Millionen Kurden im Iran. Autonomie, sagt er ausdrücklich, nicht Sezession – doch das muss in diesen Tagen nicht viel heißen.

Kanandschak ist zwar iranischer Kurde, der vorgibt, für die Autonomie seines Volkes im Iran zu kämpfen, doch angesichts der sich auflösenden Grenzen baut auch er an einem kurdischen Staat mit. Das Kandil-Gebirge ist dabei ein kleiner, aber wichtiger Stein in einem komplexen, nur in Umrissen bestehenden Gebäude. Es ist in der Diktion der PKK eine befreite kurdische Zone.

Zonen wie diese vermehren sich, seit der Aufstand in Syrien begonnen hat und der syrische Präsident Baschar al-Assad sich mit allen Mitteln an die Macht klammert. Assad hat seine Truppen aus den kurdischen Gebieten im Norden Syriens zurückgezogen, teils aus purer Not, denn er braucht seine Soldaten anderswo; teils aus Kalkül. Als die Soldaten Assads abzogen, übernahmen die Kämpfer der Partei der Demokratischen Union (PYD) die Kontrolle. Die syrische PYD ist wie die iranische PJAK ein Zweig der PKK – und diese wiederum pflegt von jeher enge Beziehungen zum syrischen Regime. In den Jahrzehnten kurdischer Kämpfe waren die verschiedenen Befreiungskämpfer nie zimperlich bei der Wahl von Bündnispartnern. Der Feind meines Feindes ist mein Freund – so lautete die Devise. PKK-Chef Öcalan hatte jahrelang Zuflucht in Syrien gefunden, wo Baschars Vater, Hafez al-Assad, lange seine schützende Hand über ihn hielt. Erst als die Türkei 1998 Damaskus mit Krieg drohte, wurde Öcalan ausgeliefert. Doch noch heute verrichtet die PYD das Geschäft Assads. Ihre Kämpfer verhinderten, dass nach dem Abzug der syrischen Soldaten die Aufständischen der Freien Syrischen Armee in dieser Region Fuß fassen konnten. Assad benutzt die »befreiten« syrischen Kurden als Drohkulisse gegen Tayyip Erdoğan, einen seiner schärfsten Gegner. »Sieh her, was entsteht, wenn ich gestürzt werde: ein unabhängiges Kurdistan!« So lautet die unausgesprochene, aber unmissverständliche Botschaft Assads an Erdoğan. Dieser antwortet mit Drohungen. Er werde ein autonomes Kurdengebiet in Syrien mit militärischen Mitteln verhindern. Im Südosten der Türkei kommt es immer häufiger zu Gefechten zwischen der türkischen Armee und der PKK. Die kurdische Guerilla fühlt sich stark genug, um in die Offensive zu gehen.

In diesem Drama, das die ganze Region erfasst hat, tritt ein Akteur auf den Plan, der zwar noch jung ist, aber bereits über beträchtliches Gewicht verfügt. Die Rede ist von der Autonomen Region Kurdistan im Irak.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

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    • zd
    • 17. Oktober 2012 20:07 Uhr

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    • zd
    • 17. Oktober 2012 20:07 Uhr
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  2. 3. [...]

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    • P229
    • 17. Oktober 2012 20:44 Uhr

    Schade, ich hätte die ersten drei Kommentare gern gelesen.
    Wie auch immer: die Gemengelage aus türkischen, kurdischen, syrischen, arabischen, amerikanischen, iranischen und russischen Interessen, die allesamt untereinander nicht kompatibel sind, wird eine Beilegung der Gewalt durch Verhandlungen nicht zulassen.
    Selbst wenn die Staaten sich näherkommen würden, es blieben immer noch die Kurden und die Islamisten als Aktionisten.

    3 Leserempfehlungen
  3. Sie sind ja schon ganz aufgeregt.

    "Ihr Führer Abdullah Öcalan wurde 1999 von einem türkischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt wurde."

  4. 6. [...]

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    • scoty
    • 17. Oktober 2012 20:52 Uhr

    und da die Türkei von Jahr zu Jahr wirtschaftlich und auch millitärisch stärker wird, sind die Verluste seitens der PKK sehr hoch.
    Die PKK ist ein " Schönwetter Verein " und damit meine ich das Sie hauptsächlich vom Frühjahr bis Herbst ihre Angriffe plant und durchführt.
    Tatsache ist auch das die PKK auf hinterhältige Art und Weise auf Soldaten,Polizisten,Beamte und Zivilisten tödliche Anschläge verübt.

    Wie die PKK hier im Westen an das Geld rankommt sollte man auch in Frage stellen.

    Hier aus Wikipedia ein Auszug zu PKK :

    Die Bundesregierung will hingegen nicht an dem 1993 verhängten PKK-Verbot rütteln. "Die PKK war und ist eine terroristische Vereinigung", betonte ein Sprecher des Innenministeriums. Außerdem lasse sich Deutschland nicht erpressen.

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  5. 8. scoty

    scoty, die pkk wurde von beginn an vom kurdischen volk selbst getragen und durch spendengelder finanziert, selbstverständlich von den wohlhabenderen kurden in europa, was ist da auch verwerfliches dran, schliesslich sieht der grosse teil der kurden in der pkk ihren legitimen vertreter, das sollte man im jahre 2012 auch anerkennen, wenn man es in syrien bei der fsa innerhalb kurzer zeit tat.

    sowohl die türkei, der iran, wie auch syrien und irak hatten knapp 100 jahre alle möglichkeiten die kurden innerhalb ihrer grenzen zu schützen und anzuerkennen was sie aber nicht taten, so müssen die kurden diese schutzmassnahmen selbst in die hand nehmen wie aktuell in syrien wo sie sich auf keine seite stellten sondern nur ihrer eigenen interessen nachgingen.
    die kurden werden kein erneutes halabja 88 zulassen, geanuso wenig werden sie ereneute todesbrunnen hinnehmen oder auch massengräber wie in syrien dulden.

    dass die pkk aktuell hohe verluste hinnehmen muss und das türkische militär immer stärker wird musst du erst einmal belegen, denn aktuell sieht es eher gegenteilig aus. die pkk ist so schlagkräftig wie seit den 90ern nicht mehr und für die türkei war es das verlustreichste jahr. überhupt hat sich vieles innerhalb der kurden verändert, denn die kurden entwickeln so langsam ein gefühl der einigkeit, das wovor sowohl die türken als auch die araber grösste angst hatten, sie nähern sich tag für tag mehr, und noch einmal lassen sie sich nicht gegeneinander instrumentalisieren.

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    Die kurden verfügen über halbwegs brauchbare "Siedlungsgebiete" im Nordirak.
    In Syrien gibt es ein "Patt".

    Wenn die "kurdischen Kräfte", so nenne ich sie mal, ihre Operationen halbwegs im Griff haben und sich auf "hochwertige Ziele" konzentrieren.
    Dann können sie der türkischen Armee durchaus "empfindliche Schläge" versetzen.

    "Dragunovs" vagabundieren in der Region zu hauf.
    Sollten sich allerdings Gerätze der Klasse G22/ L96 oder G82 auftreiben lassen und eine einigermaßen brauchbare Ausbildung möglich sein, dann sieht die Sache schon schlechter aus für die Türkei.

    Besonders die Logistik wäre äußerst verwundbar.

    Syrien verfügt über einige russ. Pendants zum G82.

    Das das alles ein "Spaziergang" für die Türkei sein wird, weage ich stark zu bezweifeln.

    Witz des Jahres "scoty, die pkk wurde von beginn an vom kurdischen volk selbst getragen und durch spendengelder finanziert, selbstverständlich von den wohlhabenderen kurden in europa, was ist da auch verwerfliches dran,

    Das verwerfliche dran ist, das die PKK überwiegend aus Schutzgeldern und Drogengeldern finanziert wird. Die Schutzgelder müssen die ganzen armen kurdischen Gastarbeiter aus Europa bezahlen,sonst werden sie damit gedroht umgebracht zu werden. Die PKK ist faktisch am Ende, keiner braucht mehr die PKK. Früher war die PKK ein Instrument des türkischen Militärs.Sobald es innenpolitische Probleme gab,sollte die PKK aufmucken und das türkische Militär draufhauen,damit das Volk von innenpolitischen Problemen wegsah. Die Zeiten sind vorbei, Barsani & Co können und dürfen nur auf dem politischen Parkett heute aktiv sein, weil die Türkei vor und nach dem Irak-Krieg Ihre schützende Hand auf diese Herren legte, also haben Sie auch weitestgehend mit der Türkei zu kooperieren, siehe Gas und Öl Lieferungen und die 1000 türkischen Unternehmen in erbil, mossul& co.

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  • Schlagworte Kurden | PKK | Türkei | Krieg | Minderheit
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