Es gibt für jedes Volk mythische Orte. Sie stiften Identität, sie bieten Schutz – manchmal im wörtlichen Sinn. Für die Kurden ist es das Kandil-Gebirge, eine ebenso schöne wie schroffe Landschaft im Dreiländereck Iran, Irak Türkei. Hierher haben sich kurdische Kämpfer immer wieder zurückgezogen, wenn sie in Bedrängnis gerieten. Hier ruhen sie sich aus und rüsten für eine neue Runde in einem scheinbar endlosen Kampf.

Feinde gab und gibt es viele. Die irakische Armee des Diktators Saddam Hussein, die Soldaten der Islamischen Republik Iran, die Generäle des türkischen Präsidenten Tayyip Erdoğan – sie alle wollten kurdischen Kämpfern in Kandil den Garaus machen. Sie versuchte es mit Soldaten, mit Kampfbombern, mit Artilleriebeschuss. Vergeblich. Das Gebirge bleibt bis heute in der Hand kurdischer Guerillagruppen. Die wenigsten von ihnen erfüllen auch nur annähernd das Bild der progressiven Freiheitsbewegung, das sie selbst gern von sich zeichnen. Und in der Vergangenheit haben sie sich oft genug in Bruderkämpfen zerfleischt. Doch das ändert nichts daran, dass Kandil Symbol geworden ist für den zähen Freiheitswillen eines Volkes ohne Staat.

In dieser Region ist alles ins Rutschen gekommen. Syrien zerfällt, der Irak ist de facto geteilt, der Iran steht unter harten Sanktionen und muss mit einem Angriff seitens Israels und der USA rechnen. Grenzen, die seit 1919 bestehen, könnten sich auflösen. Die kurdischen Puzzleteile, die jahrzehntelang in die Staatskörper Syriens, der Türkei, des Iraks und des Irans eingeschweißt waren, lockern sich und geraten in Bewegung. Sie könnten sich zusammenfügen zu einem vereinten kurdischen Staat. Das ist der uralte Traum der Kurden, gleichzeitig ist es der Alptraum für die betroffenen Staaten, besonders für die Türkei mit ihren rund 20 Millionen Kurden.

Im Kandil-Gebirge wehen zurzeit die Flaggen der kurdischen Arbeiterpartei PKK, aufgepflanzt auf einem weithin sichtbaren Hügel. Ihr Führer Abdullah Öcalan wurde 1999 von einem türkischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Öcalan war über viele Jahre Ankaras Staatsfeind Nummer eins. Am Eingang zum Gebirge steht sein Abbild, in frischen Farben gemalt. Es ist ein der Türkei trotzig hingeworfener Fehdehandschuh: Ihr könnt ihn wegsperren, für uns bleibt er unser Führer! Ein bewaffneter Wachposten der PKK kontrolliert die Papiere, notiert Namen und Autokennzeichen von Reisenden so penibel wie ein offizieller Grenzbeamter. Weiter oben, am Fuße eines Berges, der sich jäh in die Höhe schwingt, empfängt Schersad Kanandschak in einem Unterstand, umgeben von einem Dutzend Kämpfern, Männern wie Frauen. Jenseits der Grenze schießt die iranische Artillerie ein paar Salven ab, und über die Gebirgskette schwappt ein Grollen wie von einem nahenden Gewitter. Kanandschak bleibt ungerührt, nur sein riesiger Schnäuzer zuckt kurz. Er ist iranischer Kurde und ein Kommandant der Partei für ein freies Leben in Kurdistan, kurz PJAK. Sie ist der iranische Ableger der PKK. Kanandschak sagt, er kämpfe seit Studententagen für eine Autonomie der zwölf Millionen Kurden im Iran. Autonomie, sagt er ausdrücklich, nicht Sezession – doch das muss in diesen Tagen nicht viel heißen.

Kanandschak ist zwar iranischer Kurde, der vorgibt, für die Autonomie seines Volkes im Iran zu kämpfen, doch angesichts der sich auflösenden Grenzen baut auch er an einem kurdischen Staat mit. Das Kandil-Gebirge ist dabei ein kleiner, aber wichtiger Stein in einem komplexen, nur in Umrissen bestehenden Gebäude. Es ist in der Diktion der PKK eine befreite kurdische Zone.

Zonen wie diese vermehren sich, seit der Aufstand in Syrien begonnen hat und der syrische Präsident Baschar al-Assad sich mit allen Mitteln an die Macht klammert. Assad hat seine Truppen aus den kurdischen Gebieten im Norden Syriens zurückgezogen, teils aus purer Not, denn er braucht seine Soldaten anderswo; teils aus Kalkül. Als die Soldaten Assads abzogen, übernahmen die Kämpfer der Partei der Demokratischen Union (PYD) die Kontrolle. Die syrische PYD ist wie die iranische PJAK ein Zweig der PKK – und diese wiederum pflegt von jeher enge Beziehungen zum syrischen Regime. In den Jahrzehnten kurdischer Kämpfe waren die verschiedenen Befreiungskämpfer nie zimperlich bei der Wahl von Bündnispartnern. Der Feind meines Feindes ist mein Freund – so lautete die Devise. PKK-Chef Öcalan hatte jahrelang Zuflucht in Syrien gefunden, wo Baschars Vater, Hafez al-Assad, lange seine schützende Hand über ihn hielt. Erst als die Türkei 1998 Damaskus mit Krieg drohte, wurde Öcalan ausgeliefert. Doch noch heute verrichtet die PYD das Geschäft Assads. Ihre Kämpfer verhinderten, dass nach dem Abzug der syrischen Soldaten die Aufständischen der Freien Syrischen Armee in dieser Region Fuß fassen konnten. Assad benutzt die »befreiten« syrischen Kurden als Drohkulisse gegen Tayyip Erdoğan, einen seiner schärfsten Gegner. »Sieh her, was entsteht, wenn ich gestürzt werde: ein unabhängiges Kurdistan!« So lautet die unausgesprochene, aber unmissverständliche Botschaft Assads an Erdoğan. Dieser antwortet mit Drohungen. Er werde ein autonomes Kurdengebiet in Syrien mit militärischen Mitteln verhindern. Im Südosten der Türkei kommt es immer häufiger zu Gefechten zwischen der türkischen Armee und der PKK. Die kurdische Guerilla fühlt sich stark genug, um in die Offensive zu gehen.

In diesem Drama, das die ganze Region erfasst hat, tritt ein Akteur auf den Plan, der zwar noch jung ist, aber bereits über beträchtliches Gewicht verfügt. Die Rede ist von der Autonomen Region Kurdistan im Irak.