Der Zugang zu den Festen ist exklusiv. Das Foto zeigt eine Party in einem Club.

Dieser Club hat keinen Namen. Wer ihn finden will, braucht Zahlen: 51.283375, 12.343678. Robert*, den alle nur Rob nennen, hat diese Zahlen bei Google Maps eingegeben. Nun steht er spät am Abend auf einer Waldlichtung, Sterne funkeln. Rob hat uns hierher geführt.

Eine gefühlte Ewigkeit ist er mit ein paar Freunden dem Lauf eines Baches gefolgt; erst auf dem Rad, dann zu Fuß. Er hat Schafe meckern gehört, ist in den Wald abgebogen, hat nur seinem Atem und dem Knistern der Schritte gelauscht. Irgendwann hat sich der Wald vor ihm geöffnet. Die ganze Landschaft: ein Scherenschnitt.

Ein roter Lampion schwebt über der Wiese, in einem Festzelt bewegen sich Menschen wie hinter einer Schattenwand. Bäume tragen bunte Lichter, Fahrräder stapeln sich drunter. Rob hat sein Rad dazugelegt. Dann tanzt er, ein großer Junge mit Wuschelkopf und Dreitagebart, er tanzt zu den Klängen dumpfer Bässe. Sie tönen bis zum Waldrand. Für eine Feier ist es dennoch ungewöhnlich leise. Denn diese hier ist illegal: Die Gäste begehen gemeinschaftlich einen Landfriedensbruch.

In Berlin gab es solche Partys früher an jedem Wochenende. Doch die Hauptstadt ist zum Magneten geworden. Wo einst wild getanzt wurde, wird längst luxuriös gewohnt. Die Szene wandert weiter. Inzwischen ist es Leipzig , ist es diese Stadt der verlassenen Fabrikhallen und entvölkerten Viertel, die den Charme eines vergangenen Berlins verströmt. Eines Berlins, wie es auf Gäste in den neunziger Jahren noch wirkte. Das schrieb sogar die New York Times: Das ist die neue Leipziger Freiheit, eine Freiheit, wie es sie nur im Osten geben kann.

Etwa eine Handvoll Leipziger Freundeskreise organisieren die illegalen Nächte. Sie wollen schöne Plätze entdecken, außergewöhnliche Musik auflegen, und einige von ihnen wollen auch eine politische Botschaft vermitteln. Sie verstehen ihre Partys als Ausdruck der ungezügelten Freiheit – und damit als Gesellschaftskritik. So zumindest sieht das Martha, eine der Organisatorinnen, die wie alle anderen Menschen in dieser Geschichte ihren wahren Namen nicht nennen will. »Ganz Deutschland ist vermessen«, sagt sie. Auf einem Stück Land lägen Schichten von Besitzverhältnissen : Es gehöre dem einen, werde vom Zweiten gepachtet und von einem Dritten bewirtschaftet.

Deswegen nahm Martha sich in und um Leipzig einfach den Platz, den sie wollte. Auf den Landkarten im Internet suchte sie nach einem Stück Grün, am Waldrand sollte es liegen – weit genug von Häusern entfernt, aber trotzdem noch gut zu erreichen. Ebenjenen Platz, auf dem nun unsere Party stattfindet.

Martha weiß nicht, wem die Wiese gehört – deshalb hat sie auch niemanden um Erlaubnis gebeten. Natürlich könnte sie für Feiern im Freien auch einfach Grundstücke mieten. Aber dann, sagt Martha, wäre sie ja sofort mittendrin in der Tretmühle. Einer, der sie doch eigentlich entkommen wollte: aus Geld, Verträgen, Auflagen.

Und weil sie sich all das spart, zahlt bei dieser Feier niemand Eintritt. Allerdings müssen die Gäste Mühe investieren, um die Koordinaten zu erhalten. Denn die stehen an keinem Uni-Aushang. Rob hat sie in den Untiefen des Internets gefunden – auf einer Seite, die nur für wenige Tage existiert und nirgendwo verlinkt ist. Die Adresse dafür erfährt man in geschlossenen Foren, in die man eingeladen werden muss. Oder man bekommt sie von Freunden von Freunden von Freunden. Es ist wie in einem kleinen Dorf: Kennen und gekannt werden hilft, wer fremd ist, fällt schnell auf. Das gibt Sicherheit. Auch die Sicherheit, beim nächsten Mal wieder dabei sein zu dürfen. Gleich wird Martha hinter das DJ-Pult treten, um aufzulegen. Geld bekommt sie dafür nicht, wie alle DJs hier. Kurz vor Sonnenaufgang sind 200 Menschen da. Sie tanzen oder sitzen in einem Zelt, in dem leise Musik läuft.

An der Bar steht Sebastian. Er ist groß – wenn es einen Türrahmen gäbe, müsste er den Kopf einziehen. Sebastian trägt Kappe und Kapuzenpulli. Wie viele hier ist er älter als 30 Jahre und hat das Studium lange schon hinter sich. Er ist ein Organisator an diesem Abend.