Liebeskolumne Übertreibt sie, oder ist er ein Eisklotz?
Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Was ist besser, überschwänglich oder kalt?
© Sean Gallup/Getty Images

Aufgepasst, sonst endet die Fahrt am emotionalen Nordpol.
Die Frage: Nach einer monatelangen Reise durch Alaska in einem Wohnmobil verzichten Volker und Renate manchmal auf die Rücksichtnahme der frisch Verliebten. Sie tragen Konflikte aus. Ein fast klassischer ist Volkers Allergie gegen Renates Übertreibungen (sagt er) beziehungsweise Renates Allergie gegen seine Kälte (sagt sie).
»Angesichts eines Sonnenuntergangs behauptest du, es sei der schönste der Welt – neulich hast du gesagt, der Lachs, den wir gegessen haben, sei der beste deines Lebens! Was soll das? Warum immer dieser falsche Superlativ?« »Ich bin eben begeisterungsfähig und kein Eisklotz, den nichts bewegt!«
Wolfgang Schmidbauer antwortet: Es ist durchaus etwas Wahres dran, dass der Sonnenuntergang, den ich gerade bestaune, der Lachs, der gerade auf meinem Teller duftet, allen Vorstellungen von Naturphänomenen und Speisefischen etwas voraushaben. Sie sind da!
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer
Renate hat die schöne Gabe, sich überwältigen zu lassen; Volker hingegen die Haltung des Punktrichters, der nicht jedem Sprung vom Brett ins Wasser die Goldmedaille spendieren darf.
Ich finde Volkers Übertreibung des kritischen Urteils ebenso bedenklich wie Renates Gegenangriff, in dem doch ihre eigene Neigung zur Punktrichterei erkennbar wird. Entweder lernen beide, liebevoller mit ihren Schwächen umzugehen, oder die Fahrt wird am emotionalen Nordpol enden.
- Wolfgang Schmidbauer
ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein aktuelles Buch Partnerschaft und Babykrise ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen
- Datum 02.10.2012 - 14:52 Uhr
- Serie Liebeskolumne
- Quelle ZEITmagazin, 4.10.2012 Nr. 41
- Kommentare 2
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„…oder die Fahrt wird am emotionalen Nordpol enden.“
Sehr schön geschrieben! Es wäre auch grundsätzlich schön, wenn Menschen in Beziehungen etwas mehr lernen könnten, dass die eigenen Schwächen nicht immer persönlich gegen den anderen gerichtet sind.
Sie sind einfach da wie die persönlichen Stärken. Und manchmal bedingen sie sich auch gegenseitig.
SIE mit der schönen Gabe ... IHN als scharfen Punktrichter zu charakterisieren und somit in völlig untaugliche Klischee-Ecken zu stellen? Therapeuten und Berater schauen leider selbst oft durch ihre vorgeprägten Geschlechterkampf-Brillen.
Sie ist einfach emotional überschwänglich geprägt, er nüchtern und sachlich. Manchmal, aber wohl eher selten ist es auch umgekehrt. Beides hat seine Berechtigung. Von einer anderen Seite sieht es eben so aus: ER hat die "schöne Gabe", die Umwelt realistisch einschätzen zu können, SIE gibt sich gedankenlos oft maßlosen Übertreibungen hin.
Warum denn immer gleich eine Seite abwerten? Gebt ihnen doch dieselben Chancen? Als Punktrichter wird ER sofort abqualifiziert, SIE glorifiziert. So funktioniert Trennungsberatung in Deutschland.
Wenn sich solche Auseinandersetzungen und Sticheleien entwickeln, steckt mehr dahinter. Die beiden haben schon viel mehr aneinander auszusetzen. Vielleicht übertreibt SIE in vielen Situationen wirklich völlig unangemessen. Vielleicht nimmt ER wirklich wenig Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Das ist ehrlich und neutral zu hinterfragen. Aber bitte nicht sofort wieder mit der Keule auf den Mann, "Punktrichter" ist eine Vorverurteilung und eine Frau hat nicht nur "schöne Gaben". Ich erlebe Männer als sehr wertvolle Bereicherung im Leben, auch sie haben Respekt und Anerkennung verdient.
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