Christiane KargPragmatismus in Mattsilber

Schmelz, Erotik, Attacke, Witz: Christiane Kargs lyrischer Sopran kennt viele Affekte. Nur das Anbiedern ist ihr zuwider. Sie hält die Fäden ihrer Karriere am liebsten selbst in der Hand. von Christine Lemke-Matwey

Ausgefeilte Technikerin: Christiane Karg

Ausgefeilte Technikerin: Christiane Karg  |  © Steven Haberland

Das Masturbieren habe sie damals zur Verzweiflung getrieben, sagt Christiane Karg und blickt auf ihre Fingernägel. Wie sie das sagt, halb entschlossen, sich keine Peinlichkeit anmerken zu lassen, halb noch im Nachhinein verlegen, hat man nicht den Eindruck, dass sie sich im nächsten Augenblick auf den marmorkühlen Boden der Hotel-Lobby werfen möchte, um vorzuführen, wie schwer ihr diese Aktion auf offener Bühne gefallen ist. 2008 war das, in einer Produktion des Hamburger Opernstudios von Francesco Cavallis frühbarocker Mythen-Vertonung La Calisto. Eine Nymphe, vom immergeilen Zeus getrieben, die sich selbst entdeckt, ihre eigene Sexualität, das muss man als Sängerin erst einmal spielen. »Solange es motiviert ist und einer gewissen Ästhetik gehorcht, gehe ich gerne über Grenzen. Aber wir sitzen nicht in der Gosse, Theater ist und bleibt eine Kunstform – Betonung auf Form.« Das hat Karg der jungen Regisseurin dann wohl auch deutlich zu verstehen gegeben.

Hamburg, Grand Elysee Hotel, Wasserspiele plätschern, Musik dudelt. Christiane Karg, 1980 im mittelfränkischen Feuchtwangen geboren, spricht mit kultiviert rollendem R und sieht so aus, als habe sie die Italienferien, auf die sie sich nach einer prallen Saison freut, bereits hinter sich: So ausgeruht und mit so viel innerer Sonne im Gesicht, als könnten ihr weder szenische Entleibungen noch die Mühen des Marktes irgendetwas anhaben, von alltäglichen Missgeschicken ganz zu schweigen. Ihr mannshoher Rollkoffer hat vor zwei Tagen auf dem Weg von London nach Hamburg drei seiner vier Rollen eingebüßt – das kommt vor! Die Akustik in der Blankeneser Villa, in der sie unlängst ihre neue CD präsentierte, brächte selbst den Brummbass eines Grizzlybären zum Klirren – PR muss sein! Doch muss PR wirklich sein, eine PR à la Anna Netrebko, vor illustren und semi-illustren Gästen, mit Häppchen und Grillagen vom Hamburger Sternekoch Karlheinz Hauser? Karg sieht das pragmatisch und setzt zur Gegenfrage an: »Warum soll man sich heute noch CDs kaufen? Jeder kann sich alles aus dem Netz herunterladen. Es geht um den Mehrwert: ein tolles Booklet, ein besonderes Programm, eine spezielle Präsentation. Darein müssen wir investieren.«

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In ebenjener gruftigen Zwanzigerjahrevilla hoch über der Elbe lebte bis 1998 Karl Lagerfeld – das heißt, solange er dort nicht die Stimmen seiner verstorbenen Eltern hörte. Als er sie hörte, verkaufte er das Anwesen für acht Millionen D-Mark an den Musikproduzenten und edel-Chef Michael Haentjes. Zu Haentjes Imperium zählt auch das Label Berlin Classics, bei dem Karg ihre zweite Solo-CD veröffentlicht hat. Amoretti nennt sie sich, versammelt Liebes-Arien im weitesten Sinn, und die Sängerin hat das Projekt nicht nur eigenständig recherchiert, in Bibliotheken und Archiven, sondern ist daran auch maßgeblich finanziell beteiligt. Die Fotostrecke vor einer Betonwand, der pinkfarbene Graffiti-Schriftzug, das Arien-Repertoire vom jungen Mozart über Christoph Willibald Gluck bis zu dem weniger bekannten Lütticher André-Ernest-Modeste Grétry: Alles sollte genau so sein, wie Karg es wollte. Und es ist genauso geworden, kein Verbiegen, kein Anbiedern oder sich Verkaufen. Diese CD, sagt die 32-Jährige, sei ihre Visitenkarte, damit könne sie alles zeigen. Eine letzte, fünfte Saison wird sie im Ensemble des Frankfurter Opernhauses bleiben, dann will sie hinaus auf die freie Wildbahn.

Bammel? Kargs perfekt geschminkte Bernstein-Augen blitzen: Bammel – wovor? Vor den Fesseln der Freiheit, dem Risiko einer internationalen Karriere, dem Verheiztwerden, dem Druck im Allgemeinen!? Nein, lautet die Antwort, sie glaube fest ans Schicksal: »Mein Erfolg ist so viel größer, als ich ihn mir je erhofft habe. Heute gibt es definitiv mehr scheiternde Sängerbiografien als früher. Plattenfirmen, Agenturen, Opernhäuser, alle werfen dich ins kalte Wasser. Mir ist das erspart geblieben, obwohl ich es mir manchmal fast gewünscht hätte. Ein Ensemble ist wie eine Leine, die einen auch wieder zurückzieht. Wenn Frankfurt mir Mozarts Pamina mit 27 angeboten hätte, hätte ich sie mit 27 gesungen. Sie kam mit 30 – und das war gut so. Von solchen Erfahrungen zehre ich, Fortuna sei Dank.«

Es ist nahezu unmöglich, sich an jenem lauen Augustabend in der Blankeneser Villa ein Bild von Kargs Stimme zu machen, die Akustik, wie gesagt, der viele Marmor, aber wahrscheinlich ist das auch gar nicht die Absicht des Events. Auf der Bühne, da brennt Karg regelmäßig, da leuchtet ihre sängerdarstellerische Intensität und überstrahlt nicht selten viele und vieles: als Ighino in Pfitzners Palestrina an der Bayerischen Staatsoper, als Musetta in Puccinis La Bohème an der Komischen Oper Berlin, als Zerlina in Mozarts Don Giovanni bei den Salzburger Festspielen. Stimmliche Vergleiche drängen sich auf, ältere, neuere, mit Lucia Popp, Barbara Hendricks oder Barbara Bonney. Karg selbst liebt überdies Hilde Güden und Anneliese Rothenberger, und vor die Wahl zwischen Maria Callas und Edita Gruberova gestellt, würde sie, unabhängig vom jeweiligen Fach und bei aller Unterschiedlichkeit, immer die Callas bevorzugen, die sich nie in Distanz übt, sondern einen »packt«, bei der etwas »bohrt«. Das ist ihr Ideal.

Leserkommentare
    • hysni
    • 24. Oktober 2012 18:46 Uhr

    Frau Karg war mir als interessierter Laie bis dato unbekannt.

    P.S. *gefällt* ;-)

  1. ... bei den Amazonen vorbeischauen und diese CD bestellen. Vielen Dank für den Beitrag.

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