Martenstein : "Ich bin gegen die Abschaffung des Glücks"

Harald Martenstein über die Vorzüge der Ungerechtigkeit
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

In der Süddeutschen hat ein Kollege, Tobias Kniebe, darüber geschrieben, dass er sich am Anblick absurd reicher Künstler, völlig neidfrei, erfreut. Er meint zum Beispiel Gangsta-Rapper, deren musikalische Originalität sich in Grenzen hält, die Millionen machen, sich mit kiloschwerem Schmuck behängen, fünfzehn Porsches in der Garage stehen haben und vor dem Abendessen drei Groupies vernaschen. That’s showbiz. Oder reden wir über Joanne K. Rowling , die mit Harry Potter Milliardärin geworden ist. Oder über Paul McCartney . Diese Leute sind gut in dem, was sie tun, aber sie sind natürlich nicht tausendmal besser als andere, die ebenfalls gut sind. Sie verdienen trotzdem tausendmal mehr. Es ist ungerecht. Sie haben das eigentlich nicht verdient. Der Kollege erfreut sich daran, dass es diese Möglichkeit gibt, die "symbolische Möglichkeit, aus dem Hamsterrad der Existenz auszubrechen".

Ich sehe das genauso. Glück ist ungerecht. Der eine lebt gesund und stirbt jung, der andere wird trotz exzessiven Lebenswandels in bester Form sechsundneunzig. Das ist schon mal die erste und größte Ungerechtigkeit. Der eine gewinnt im Lotto des Lebens, der andere zieht immer Nieten. Zwei Leute schreiben einen ähnlich guten Roman, durch eine Verkettung glücklicher Zufälle wird der eine zum Bestseller, für den anderen interessiert sich kein Schwein, und kein Experte weiß, wieso. Ach, in Wirklichkeit ist es oft noch schlimmer: Der gute Roman liegt wie Blei in den Regalen, ein mittelmäßiger wird zum Hit der Saison. Zwei tüchtige Unternehmer gehen mit dreißig an den Start, einer wird reich, der andere kriegt Hartz IV . Das Glück ist ungerecht, oder nennen Sie es halt meinetwegen Schicksal.

Vollkommene Gerechtigkeit ließe sich nur erreichen, indem man das Glück abschafft. Dann würden alle Leute mit, sagen wir, netto 78 Jahren sterben, also 83 Jahren minus Alterssteuer, Lotto wäre verboten. Die Einnahmen von Joanne K. Rowling würden gleichmäßig an alle Autoren der Welt verteilt, jeder einzelne Autor bekäme dann vermutlich so etwas wie 17,95 Euro.

Preise sind auch ungerecht. Immer, wenn jemand einen Preis kriegt, fallen mir andere ein, die auch gut sind und es genauso verdient hätten. Der Nobelpreis, der Oscar, der Joseph-Breitbach-Preis, in einer wirklich gerechten Gesellschaft gäbe es das alles nicht.

Nein, wenn alle mit 78 sterben, ist das auch wieder ungerecht. Man müsste die gesundheitlichen Anstrengungen jeder Person, ihren Wert für die Gesellschaft, die Zahl der Trauernden und tausend andere Sachen in ein Bonuspunktesystem umrechnen. Das gibt sicher viel Streit. Wenn sich die Mehrheit für ein bestimmtes System der Lebenszeitverteilung entschieden hat, würde der Streit weitergehen. Einerseits findet jeder Gerechtigkeit gut, andererseits trifft man extrem selten zwei Menschen, die sich darüber einig wären, was genau unter "gerecht" zu verstehen ist.

Übrigens bin ich für sozialen Ausgleich. Ein bisschen Fürsorge, ein wenig Sicherheit – warum denn nicht? Niedrigere Managergehälter? Wenn’s hilft. Aber ich bin gegen die Abschaffung des Glücks. Die winzige, berauschende Chance, den nächsten Harry Potter zu schreiben, würde ich mir ungern für 17,95 Euro abkaufen lassen. Es wird nicht passieren, ich weiß. Aber es könnte passieren, eines Tages schwimme ich vielleicht im Geld, oder du. Dann tun wir womöglich viel Gutes, was bestimmt ein geiles Gefühl ist, und für den Porsche wird trotzdem was übrig sein. Reiche Leute? Die haben halt den Nobelpreis des Schicksals gewonnen.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Seltsame Glücksträume !

Ein bisschen tun mir Leute leid, die ihr Glück darin sehen fünf Porsche in der Garage zu haben. Dass es ein Glück sein kann, soviel zu verdienen, dass man aus der Lohnabhängigkeit aussteigen kann und frei sein Leben gestalten kann das kann ich hingegen gut verstehen. Dazu braucht man allerdings kein Millardär zu sein, sondern es reichen im Zweifel schon ein bis zwei Millionen. Dieses Glück will doch auch niemand dem "Erfolgreichen" streitig machen. Absurd wir Reichtum aber dann, wenn der Einzelne mit dem mehr an Geld für sich selber gar keinen Mehrwert fürs Leben erzielen kann. Ab dieser Summe sollte die Gesellschaft dann schon für Umverteilung sorgen, da dem Erfolgreichen wohl viel Geld zusteht, aber eben keine Macht.

Herr Martenstein

ich empfehle Ihnen:

Das Glücksprinzip!

Drei hilfsbedürftigen Menschen soll mit guten Taten geholfen werden, die dann im Gegenzug jeweils drei weiteren hilfebedürftigen Menschen einen guten Dienst erweisen sollen. Diese neun Menschen müssen dann ebenfalls die ihnen zuteil gewordene Nächstenliebe mit jeweils drei guten Taten "bezahlen", und so weiter, ad infinitum.

Sollte der Plan funktionieren, dürfte irgendwann das daraus entstehende Netz von guten Samaritern den gesamten Globus umspannen.

Trevors Bemühungen, den Ball ins Rollen zu bringen, führen dazu, dass er sich zum einen mit einem Junkie (James Caviezel) anfreundet und zum anderen versucht, seine Mutter (Helen Hunt), die gerade dabei ist, sich von ihrer Alkoholsucht zu befreien, mit seinem von Brandnarben verunstalteten Lehrer (Kevin Spacey) zusammenzubringen, der die Schularbeit angeregt hatte usw.....

MfG
P.