DIE ZEIT: Professor Khorchide, was hat das Mohammed-Schmähvideo bei Ihnen ausgelöst?

Mouhanad Khorchide: Ich fand es langweilig und geschmacklos. Da ich den Propheten Mohammed im Video nicht wiedererkannt habe, habe ich mich als Muslim nicht angesprochen gefühlt.

ZEIT: Vielen Muslimen fällt diese Herangehensweise schwer, was raten Sie ihnen?

Khorchide: Ignorieren, nicht provozieren lassen. Provokation ist genau das Ziel – und die Muslime fallen immer wieder darauf rein.

ZEIT: Warum reagieren Muslime so auf Beleidigungen des Propheten, anders als Jesus hat er doch keinen göttlichen Status?

Khorchide: Das Problem liegt woanders. Bei solchen Anlässen entlädt sich bei Muslimen eine aufgestaute Wut. Das Video ist nicht die Ursache der Aufregung, nur der Anlass. Das islamische kollektive Gedächtnis ist noch von Kreuzzügen, der Kolonialzeit und der als Ungerechtigkeit im Nahen Osten empfundenen Politik geprägt, den Kriegen im Irak und in Afghanistan.

ZEIT: Sie haben gerade ein neues Buch geschrieben, darin bezeichnen Sie den Koran als Liebesbrief Gottes an die Menschen. Wie kommen Sie zu dieser Lesart? Für gewöhnlich wird der Koran als mächtiges Buch beschrieben, im Westen auch als gefährliches.

Khorchide: Die Frage ist: Von welchem Gottesbild sprechen wir? Viele Muslime gehen von einem Gott aus, der verherrlicht werden will, der Anordnungen schickt und der kontrolliert, wer sich daran hält. Wer gehorcht, wird belohnt, wer es nicht tut, bestraft. Das ist aber ein Verständnis von Gott, das dem eines Stammesvaters gleicht, dem man nicht widersprechen darf. Viele Muslime sehen den Koran entsprechend als ein Regelbuch.

ZEIT: Sie sehen das anders?

Khorchide: Ich habe den Koran anders gelesen. Gott ist kein archaischer Stammesvater, kein Diktator. Warum beginnen 113 von 114 Suren mit der Formel »Im Namen Gottes des Allbarmherzigen, des Allerbarmers«? Das muss doch einen Grund haben. Der koranische Gott stellt sich als liebender Gott vor. Deshalb ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch eine Liebesbeziehung, ähnlich wie die zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Ich möchte, dass sich die Muslime befreien von dem Bild eines archaischen Gottes, das einem in vielen Moscheen, im Religionsunterricht oder während der theologischen Ausbildung suggeriert wird.