Mumford & SonsDie Gentlemen von der Straße

Nicht schick, nicht hip, aber rasend erfolgreich: Vier Londoner namens Mumford & Sons machen Folk für Millionen. Wie schafft es eine junge Band, ohne große Plattenfirma im Rücken mehr Platten als Madonna zu verkaufen? von 

Die Band Mumford & Sons

Die Band Mumford & Sons  |  © Universal Music

Was Marcus Mumford zum Popstar prädestiniert, ist auch aus nächster Nähe schwer zu beantworten. Das Hemd hängt ihm aus der Hose, das Flohmarktjackett spannt über der kleinen Wampe, zum Rasieren war wie immer keine Zeit, und obwohl er offenkundig bester Laune ist, signalisiert sein Blick, dass er lieber nicht darüber sprechen möchte, wie spät es gestern Nacht wieder geworden ist. Glamour geht anders. Bei flüchtigem Hinsehen könnte man ihn für einen der vielen Traveller halten, die sich draußen bei einem ersten Bier auf den Abend einstimmen. Marcus Mumford kratzt so etwas nicht besonders. Er sieht sich selbst so.

Seit seine Band Mumford & Sons dem Dunst eines Westlondoner Pubs entstieg, war er fast pausenlos auf Tour: von England nach Amerika, von Amsterdam nach Goa, von dort hin zu Orten, deren Namen ihm leider gerade entfallen sind. »Wo waren wir davor, Winnie?«, fragt er gespielt zerstreut. »Österreich, Schweiz, Polen«, assistiert Banjospieler Winston »Country« Marshall, der Mumford vom Nebensessel aus die Bälle zuspielt. Jetzt eben schnell noch Berlin, ein paar Interviews zum neuen Album Babel geben. Dass das Management die Band in einem Friedrichshainer Jugendhotel untergebracht hat, in direkter Nähe des allnächtlichen Party-Epizentrums, finden die beiden nicht etwa unter ihrer Würde, sondern super: Die Leute hier sind doch cool! Und morgen geht es ohnehin wieder weiter.

Anzeige

Ständig on the road: So etwas schlaucht, schweißt aber auch zusammen. In den gemeinsam verbrachten fünf Jahren ist das Reisen für Marcus Mumford und seine drei Kompagnons von einer Laune zu einer Gewohnheit geworden und schließlich zu einer zweiten Haut: Man weiß gar nicht mehr, wie das Leben sonst auszuhalten ist. Natürlich hat die ewige Herumtreiberei ihren Preis. Andere sind gestriegelt, Mumfords sehen aus, als wären sie gerade aus dem Bett gefallen. Andere freuen sich darauf, nach Hause zu kommen, diese Band hat Angst davor. Die eigenen vier Wände: Horror! »Wir fühlen uns auf der Straße definitiv am wohlsten«, sagt Mumford. »Wenn ich in meine Wohnung komme, find ich’s erst einmal toll, die Waschmaschine anzuwerfen«, sagt Marshall, »eine halbe Stunde später kommt dann schon wieder das Kribbeln.« Zum Glück war der nächste Aufbruch nie weit.


»Es gibt keine schönere Art, die Welt zu erfahren«, versichert Mumford mit allem Nachdruck, der ihm in seinem Zustand zu Gebote steht. Jeden Tag neue Eindrücke, und etwas Zeit für die Gegend bleibt zwischen den Konzerten schon noch: »Ted fotografiert, Ben geht in Bars, Winnie sucht in Plattenläden nach altem Vinyl, und ich fahr mit dem Motorrad herum.« Klar, manchmal geht das Gefühl dafür verloren, wo man sich gerade befindet, man steigt bloß noch vom Tourbus in die Garderobe auf die Bühne und von dort zurück in den Tourbus, der einen am nächsten Morgen an der nächsten Station wieder ausspuckt. »Klimaanlagenzone« nennt Marcus Mumford diese Zwischensphäre, ein tückischer Ort. Die Luft zum Atmen kann dünn darin werden, doch gerade bei solchen Engpässen heißt es, das Wesentliche im Blick zu behalten. Reisen ist schließlich keine Mode, sondern eine Haltung zur Welt.

Ähnlichkeiten mit historischen Vorbildern sind bei alldem nicht direkt beabsichtigt, aber auch alles andere als zufällig: Es ist der gute alte Outsider, der hier in einer zeitgenössischen Variante wiederkehrt. Dass nicht mehr mit wehender Fahne auf Güterzüge aufgesprungen wird, versteht sich von selbst, wir leben schließlich in Zeiten von Internet und easyJet. Wenn Mumford und seine Bande die globalen Verkehrswege unsicher machen, ist der Wille zum Feiern stets mit von der Partie und der Kater danach immer schon eingerechnet. Ein Zufall ist es trotzdem nicht, dass sie ihr Label Gentlemen of the Road genannt haben: Im Kleiderkammer-Universum von Mumfords gibt Bassist Ted Dwane den Stilvollen, Keyboarder Ben Lovett den Wildledernen, Winston Marshall den Bandschmuddel, Mumford selbst aber den Spieler, der auch in heiklen Situationen noch ein Ass im Ärmel hat. Zusammen brillieren sie in einer verloren geglaubten Kunst: dem Unterwegssein als Existenzform.

Erstaunlich an diesem Rückgriff ist nicht nur die Lässigkeit, mit der Pragmatismus und Romantik zusammengehen, erstaunlich ist der Erfolg. Acht Millionen Mal hat sich das Debütalbum Sigh No More verkauft, Downloads inbegriffen – ein Traumergebnis in Zeiten schwindender Absätze, und das ist nur die schnöde Sprache der Zahlen. Wer die vier Mumfords in ihrem Element erleben will, muss eines ihrer Konzerte besuchen. Die andächtige Stimmung, die bei den ersten Stücken herrscht, löst sich im Lauf des Abends rasch in Schweiß und Gelächter auf. Wenn dann Hits wie Little Lion Man, Roll Away Your Stone oder The Cave erklingen, ist kein Halten mehr. Die schönsten Höhepunkte aus mehreren Hundert Shows sind im Netz verewigt: Mumfords stürmen die Amsterdamer O₂-Arena, Mumfords beim exzessiven Bad in der Menge. Die tausend Hände, die sich ihnen entgegenrecken, erinnern ein wenig an Szenen aus einem Großrave, nur gilt die Begeisterung eben keinem DJ, sondern vier lustigen Straßenmusikanten.

Leserkommentare
  1. ein wenig lang, aber nichtsdestotrotz sehr schön ge- bzw. beschrieben, herr groß. mein kompliment!

    mfg

  2. ein frohes weiteres Schaffen, doch Madonna ist mir da für die Ohren wesentlich lieber :-)

    • Panic
    • 11. Oktober 2012 16:35 Uhr

    Quantität hat nichts mit Qualität zu tun.

    cheers

    • hermie9
    • 11. Oktober 2012 17:34 Uhr

    Weil Madonna eine alternde, arrogante Diva ist, die auch musikalisch längst überholt ist und der jungen Generation von heute nichts mehr zu sagen hat.

  3. Wunderbare Musik, wunderbare Band, und nicht nur für die junge Generation. Die Konzerte, die ich gesehen habe, fanden in relativ kleinem Rahmen statt und waren jeweils ein phantastisches Erlebnis. Hoffentlich kommen sie bald wieder nach Deutschland. Danke für den schönen Artikel!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Band | London | Folk
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service