Posaunist Nils WogramMit Füllhorn ins Erdreich

Der Posaunist Nils Wogram bekommt vom Jazzfest Berlin eine Werkschau spendiert – eine Begegnung unterwegs. von 

Gut aussehend wie einst Glenn Miller: Nils Wogram

Gut aussehend wie einst Glenn Miller: Nils Wogram  |  © Corinne Hächler

Um halb drei erreicht er, Posaune auf dem Rücken, die Krefelder Bahnhofshalle. Nils Wogram, unterwegs zum Auftritt. Er wirkt taufrisch nach sechs Stunden Zug, leuchtende Stirn, raues Kinn, eng anliegendes Sweatshirt. Durchtrainierter Typ, keine verschattete Jazz-Existenz; Frühstück noch in Zürich bei Frau und Kindern. Welch ein Schwiegersohn! Gut aussehend wie einst Glenn Miller, aber kein amerikanischer Showmaster, sondern ein immens reflektierter deutscher Tonkünstler aus Braunschweig, den die Liebe in die Schweiz verschlug. Er hat Vierteltöne, Harmonien, Glissandi und manches Schmatzen in seinem Füllhorn. Und es gibt ein Publikum, über die Welt verstreut, das sich an seiner pointenreichen Virtuosität nicht satthören kann. Nächstes Jahr Korea.

Heute Krefeld. Mit Simon Nabatov, dem Pianisten. Der kommt in zwei Stunden aus Köln. Und was machen wir jetzt?

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Reden mal über alles. Bei Tee und Pflaumenkuchen vor dem erstbesten Bäckereicafé in der Krefelder Fußgängerzone; um uns herum tätowierte Mütter mit violetten Strähnchen im Haar und rauchende Pensionisten, die das Geschehen durch halb geöffnete Lider im Blick behalten. Wie steht es um den Jazz in Deutschland, Nils Wogram? »Bei Weitem nicht so schlecht, wie immer gesagt wird. Ich kann allerdings nicht beurteilen, wie es insgesamt läuft.« Soll heißen: Nils Wogram kann nicht klagen.

Er wird demnächst vierzig, ist der Posaunist seiner Generation und überdies ein Komponist, der das Genre in viele Richtungen verfeinert. Das Berliner Jazzfest bietet ihm eine Bühne, wie sie ein Musiker nur selten bekommt. Am 2. und 3. November darf er seine vier ständigen Bands an zwei Abenden im Charlottenburger Quasimodo vorstellen: Wogram mit Nabatov, das Nils Wogram Septet, das Nostalgia Trio sowie Root 70.

Es sei die Werkschau eines immer noch jung zu nennenden Musikers, der eine erstaunliche Reife zeige, heißt es aus der Berliner Intendanz. Der gerne lange an etwas und mit anderen arbeite, der die Spannung zwischen Tradition und Innovation als Herausforderung begreife, von Modeströmungen unbeirrt. Er solle nun die Gelegenheit haben, »die Opulenz seines Schaffens« auszubreiten. So spricht Bert Noglik, der künstlerische Leiter.

Und wie das stimmt. Wogram ist kein Mann des Mangels. Seine Plattenfirmen hätten ihm wiederholt gesagt: »Du machst zu viel.«

»Ist das zu fassen? Die Kreativität eindämmen, um einen größeren Markterfolg zu haben?« Nicht mit ihm. Sein erstes Album hatte er 1994 herausgebracht, und bald war er das Genörgel seiner wechselnden Produzenten leid. »Mehr Zusammenarbeit und weniger Diktat«, empfiehlt er der Branche. Wer fantasiebegabt ist, kann raten, wen er meint. Man muss ja nur nach großen Labels schauen, die jeden skandinavischen Hans herausbringen, aber keinen wie ihn.

Gewiss ist er keiner, der sich gern hineinreden lässt. »Ich kümmere mich um alles, vom Label kommt nichts, dann kann ich es auch selber machen.« Da klingt die Frustration des Unverstandenen an, mit der er sich freilich nicht aufhält. Vor zwei Jahren gründete er das eigene Label, heuerte einen freiberuflichen Manager und einen Mann für die Öffentlichkeitsarbeit an und macht nun, was er will, wie zum Beispiel Complete Soul, die neue CD seines schwungvollen Septetts. Erschienen bei nWog Records.

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